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FAZ Plus Artikel Extremismus in Indonesien : Die Illusion eines moderaten Islams

  • -Aktualisiert am

Schützt Muslime vor dem Valentinstag: Schon dieser Tag sorgt in Indonesien für Proteste, weil er nach Ansicht dieser Studentinnen und vieler weiterer gegen die Lehren des Islam verstößt. Bild: dpa

Indonesien debattiert über die Todesstrafe für Homosexuelle; vorehelicher Sex soll strafbar werden – das hat Folgen weit über das Land hinaus.

          Indonesien plant, jegliche außerehelichen sexuellen Beziehungen zu kriminalisieren. Im Visier der Ultrakonservativen stehen insbesondere Homosexuelle. Die erste islamistische Partei, PAN, fordert bereits die Todesstrafe für sie. So weit wollen die anderen Parlamentsfraktionen noch nicht gehen. Aber wenn das Muster der vergangenen Jahre bestehen bleibt, nach dem die Islamisten einen politischen Vorstoß machen, der zunächst undenkbar erscheint, bis sie ihn dann nicht sehr viel später durchsetzen, wird auch das kommen.

          Bereits in diesem Jahr jedenfalls, womöglich schon in den nächsten Wochen, soll das „Verbrechen“, einen anderen Menschen des gleichen Geschlechts zu lieben, mit mehrjähriger Haft bestraft werden. Stoppen könnte das Gesetz nur noch der indonesische Präsident, worauf bisher nichts hindeutet. So triumphieren die Islamisten abermals, nachdem es ihnen im vergangenem Jahr bereits gelungen war, den bekanntesten christlichen Politiker des Landes, den Ex-Gouverneur der Hauptstadt Jakarta, für zwei Jahre hinter Gitter zu bringen – wegen „Beleidigung des Korans“.

          Die Entwicklungen in Indonesien haben Implikationen weit über das Land hinaus. Denn Indonesien ist nicht irgendein beliebiger Staat. Indonesien wurde von westlichen Politikern und Experten noch bis vor kurzem als Paradebeispiel für einen moderaten Islam hochgehalten, ja als Vorbild für eine Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Dabei sind die neuesten Entwicklungen zwar schockierend, aber nicht überraschend. Sie haben sich seit Jahren abgezeichnet. Wer das nicht wahrhaben wollte, war der Westen.

          Im Februar 2017 demonstrierten Islamisten vor dem Parlament in Jakarta für die Inhaftierung des christlichen Gouverneurs Basuki Tjahaja Purnama.

          Für alle tolerant gesinnten Menschen, denen an der liberalen Demokratie etwas liegt, sollten die Entwicklungen im größten muslimischen Land der Erde ein Warnruf sein. Denn Indonesien ist kein Einzelfall, sondern nur ein besonders dramatisches Beispiel für den Siegeszug des Islamismus im Islam. Wenn von der deutschen Regierung nichts Entscheidendes getan wird, dürften die in Deutschland lebenden Muslime von diesem allgemeinen Trend beeinflusst werden. So gut wie alle Imame, religiösen Unterweisungstexte, und das meiste Geld für Moscheen und Religionsschulen sowieso, kommen ja nicht aus Deutschland selbst, sondern aus der islamischen Welt.

          Nach dem Wandel Indonesiens gibt es kein moderates mehrheitlich muslimisches Land von Bedeutung mehr. Kann jemand auch nur ein islamisches Land der Gegenwart nennen, in dem Juden und Homosexuelle nicht verteufelt werden – und zunehmend auch Christen? Ein solches Land, in dem eine Mehrheit der Machthaber oder der Bevölkerung auch nur verbal die Gleichberechtigung von Frau und Mann unterstützte? Ein solches Land, das in den letzten Jahren fortschrittlicher geworden wäre statt rückschrittlicher? Oder eines, in dem nicht nur formal Demokratie herrschte, sondern auch ein Rechtsstaat, der verhinderte, dass sie nicht zur Mobherrschaft gegenüber religiösen Minderheiten verkommt?

          Auch andere „moderate“ Länder sind nicht moderat

          Die Türkei – in der bereits seit Bestehen der Republik keine einzige Kirche gebaut werden durfte – ist nun so weit gekippt, dass im Biologieunterricht das Lehren der Evolutionstheorie gestrichen wurde. Säkulare Bildungseinrichtungen werden in Ausbildungsorte für Prediger verwandelt. In den massenhaft ausgeweiteten türkischen Imam-Hatip-Schulen werden bereits Jugendliche religiös indoktriniert. Die staatliche Religionsbehörde Ditib hetzt gegen das Begehen nach christlichen Feiertagen wie etwa Weihnachten. Das ist die Religionsbehörde, der auch die türkischen Imame in Deutschland folgen.

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          Ein anderer Kandidat für ein „moderat muslimisches“ Land soll Tunesien sein: ein Land, in dem ebenfalls Islamisten an der Regierung beteiligt sind. Ein Land, aus dem proportional besonders viele Menschen zum „Islamischen Staat“ gegangen sind. Ein Land, in dem Homosexuelle schon jetzt im Gefängnis sitzen. Ein Land schließlich, in dem Frauen rechtlich so massiv benachteiligt werden, dass sie nur die Hälfte des Anteils ihrer männlichen Geschwister erben – im Einklang mit dem Rest der muslimischen Welt. Aber eine bloße Ankündigung des tunesischen Präsidenten im letzten Jahr, zumindest Letzteres ändern zu wollen – eine Änderung, für die er politisch keine Mehrheit besitzt, und von der man seitdem nichts mehr gehört hat –, reichte, um Tunesien in westlichen Medien als Beleg für einen moderaten Islam zu bezeichnen.

          Statt das Spiel weiterzuspielen, muslimische Länder als „moderat“ zu bezeichnen, die tatsächlich nur weniger menschenfeindlich als Iran und Saudi-Arabien sind, ist es an der Zeit, der Realität ins Auge zu sehen. Nach Jahrzehnten ungehinderter Geld- und Ideologieströme aus den ebenso reichen wie reaktionären arabischen Golf-Staaten wird der Islam nun weltweit von Auslegungen dominiert, die auf andere Religionen verächtlich herabsehen, Frauen als Wesen zweiter Klasse betrachten und gegenüber Juden und Homosexuellen eine Haltung einnehmen, die von ausgesprochen intolerant bis eliminatorisch reicht. Wer das nach der Entwicklung in Indonesien und der Türkei immer noch nicht wahrhaben möchte, der muss Gründe dafür haben, die Augen zu verschließen.

          Es gibt auch moderate Tendezen des Islam

          Gewiss, Saudi-Arabien, der Hauptsponsor des Extremismus, hat gesellschaftliche Liberalisierungsmaßnahmen eingeleitet, die für dortige Verhältnisse erstaunlich sind. Noch deutet aber nichts daraufhin, dass Saudi-Arabien auch den weltweiten Export von Wahhabismus und Salafismus eingestellt hätte; also eben der reaktionären Islaminterpretationen, deren Zusammenhang mit wachsender Intoleranz und Gewalt hinreichend belegt ist. Warum ausgerechnet der höchst machtbewusste saudische Kronprinz auf die Erlangung ideologischer Dominanz im Islam künftig verzichten sollte, hat bisher noch kein Experte überzeugend erläutert.

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          Dass es im Islam auch andere Tendenzen gibt, dass es individuelle Muslime und Aktivisten gibt, die fortschrittlicher denken, ist richtig. Aber Individuen und Strömungen, die mit den jeweils dominierenden nicht d’accord gehen, gibt es überall in der Welt außerhalb Nordkoreas – und womöglich sogar dort. Man muss aber auch sagen, wie viele Anhänger sie haben und wie einflussreich sie sind. Die Wahrheit ist, dass es sich überall in der gegenwärtigen muslimischen Welt um marginale Größen handelt.

          Natürlich bedeutet das nicht, dass wir in Deutschland vor jedem Muslim Angst haben müssen, denn für längst nicht alle Muslime steht ihre religiöse Identität im Vordergrund. Es gibt kulturelle, säkulare und Ex-Muslime. Es gibt Muslime, die an ihren Gott glauben, aber nicht jedes Wort der Freitagspredigt als Handlungsanweisung verstehen. Es gibt hoffentlich auch Imame, die wirklich Integration und nicht Abgrenzung predigen. Man kann das alles nicht oft genug sagen.

          Über Islamismus und Rechtspopulismus reden

          Aber das alles sind Muslime, die in der islamischen Welt angefeindet werden und auch in Deutschland kaum Unterstützung erhalten. Weder vom Staat noch von vielen ihrem Selbstverständnis nach tolerant Eingestellten im Land, die lieber Ultrakonservative und Islamisten hofieren. Wer das für Polemik hält, erkläre bitte, wie es sein kann, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin nicht ein-, sondern gleich zweimal das Gedächtnis an den islamistischen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 ausgerechnet zusammen mit Muslimen beging, deren Einrichtungen vom Verfassungsschutz wegen Verdachts auf Islamismusnähe beobachtet werden. Oder wie es sein kann, dass an der Humboldt-Universität in Berlin im Beirat eines neu einzurichtenden Islam-Instituts nur Vertreter konservativer und ultrakonservativer Gruppen sitzen und kein einziger liberaler oder gar kritischer Muslim.

          1,4 Millionen Zuwanderer sind seit 2015 nach Deutschland gekommen, davon geschätzt achtzig Prozent Muslime, überproportional junge Männer. Die sich abzeichnende große Koalition rechnet laut den Sondierungsgesprächen mit einem weiteren Zuzug von jährlich um die 200.000 Migranten. Bisher kannte Deutschland vor allem muslimische Einwanderer aus der Türkei, die bis zum Erdogan-Regime zumindest oberflächlich ein säkular geprägter Staat war. Und selbst bei ihnen hat sich die dritte und vierte Generation, dem internationalen Trend folgend, zunehmend islamisiert. Die neuen Zuwanderer kommen aber meist aus Staaten, deren religiöser Konservativismus den Heimatländern der Minderheiten in Frankreich und Großbritannien in nichts nachsteht. In beiden Einwandererstaaten wird wie bei uns an der Fiktion festgehalten, der gegenwärtige Islam wäre eine Religion wie jede andere. In England und Frankreich gibt es bereits islamistische Enklaven, in denen für Frauen, Minderheiten und moderate Muslime die westliche Rechtsordnung faktisch nicht mehr gilt.

          Die Entwicklungen im globalen Islam gehen so deutlich in Richtung eines Siegeszugs des Islamismus, dass für das Verschweigen dieser Tatsache durch sich als liberal verstehende westliche Eliten kaum eine Erklärung übrig bleibt als klassisches Lagerdenken: Man fürchtet, der „Rechten“ zu nutzen, wenn man den Islam kritisiert. Dabei haben die gegenwärtig dominanten Strömungen in dieser Religion viel mehr Gemeinsamkeiten mit dem deutschen rechten Rand, als irgendeinem tolerant gesinnten Menschen lieb sein kann. Wohin die Entwicklung in Indonesien geht, war seit Jahren hinreichend deutlich. Für den Rest der muslimischen Welt ist das nicht anders. Alle Informationen dazu liegen bereits seit langem vor. Wer aber vom Islamismus nicht reden mag, sollte auch vom Rechtspopulismus schweigen.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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