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Bilanz des 35C3 in Leipzig : Etwas Sinn in maximaler Verwirrung

Die Datenkrake wirkt skeptisch: einstimmende Deko beim CCC in Leipzig Bild: dpa

Wie ernst die Lage auch ist, den Sinn für elaborierten Quatsch sollte man niemals verlieren. So trotzt der Chaos Communication Congress der Wissenschaftsfeindlichkeit – und brütet nebenbei die große Vogelverschwörung aus.

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          Am ersten Tag tauchten die Zettel auf: „Birds aren’t real“, Vögel sind nicht echt, verkündeten sie warnend, es handele sich nämlich um staatliche Überwachungsdrohnen, und man solle endlich aufwachen. In einer Zeit, in der sich Menschen ihre Weltsicht aus Chemtrails, heilenden Zuckerkügelchen und anderen wenig evidenzbasierten Verschwörungsmythen zusammenbauen, kann man erleichtert sein, dass die Vogelverschwörung wirklich nur eine Parodie ist. Denn die Zettel hingen in den Leipziger Messehallen, in denen zwischen Weihnachten und Neujahr der 35. Congress des Chaos Computer Club, kurz 35C3, stattfand. Und es gibt wohl kaum ein Grüppchen Menschen, das so resistent gegenüber Verschwörungstheorien und esoterischem Blödsinn ist, wie die Besucher des Congresses.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Refreshing Memories“ lautete diesmal das Motto, mit dem an die Jahrestreffen der Vergangenheit erinnert werden sollte, „indem wir in beängstigenden Zeiten von Wissenschafts- und Wahrheitsfeindlichkeit und Populismus eine Kultur der Weltoffenheit und Fakten zelebrieren“, so der Veranstalter. Längst haben sich die vier Tage zu einem Treffen entwickelt, das zahlreiche wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Themen anschneidet.

          Natürlich sind Überwachung und Datenschutz noch immer Kernkompetenz des Chaos Computer Club (CCC), weshalb man unter anderem Neues über die Sicherheit der elektronischen Gesundheitsakte erfuhr, mit der Arzt und Patient bald Röntgenbilder und Rezepte per Smartphone-App austauschen sollen, auch Diagnosen und andere sensible Daten werden dort hinterlegt. Vielleicht ist das im derzeitigen Entwicklungsstadium keine so gute Idee, gab der Darmstädter Datensicherheitsexperte Martin Tschirsich zu bedenken. Er prüfte die E-Health-Anwendung Vivy und stieß auf scheunentorgroße Sicherheitslücken, die der Entwickler nur teilweise nachbessern konnte. Doch auch die Produkte der Konkurrenten sind leider durchweg fehlerbehaftet.

          Schwierig wird es immer, wenn Politiker über Dinge entscheiden sollen, die ihrer Lebenswelt fremd sind, etwa das Internet. Die AfD zum Beispiel tut sich schwer, eigene netzpolitische Standpunkte zu finden, konstatierte Miriam Seyffarth, Mitarbeiterin der grünen Expertin für Netzpolitik, Tabea Rößner. Im Ausschuss „Digitale Agenda“ beobachtete sie die im Vergleich zu ihren Kollegen im Parlament eher gemäßigt auftretenden Vertreter der Rechtspopulisten. Sie bemühten sich vor allem um eine nationale, europaskeptische Haltung und befürworteten größtmögliche Freiheit immer dann, wenn es ihrem Programm diente. Oft schlossen sie sich der Mehrheit an. Vor wenigen Tagen allerdings trat einer der Netzexperten, Uwe Kamann, aus der Partei aus. Ob er durch einen Vertreter ersetzt wird, der seine Arbeit weniger konstruktiv erledigt, muss man abwarten.

          In Österreich dagegen hat das Jahr der schwarz-blauen Regierung dazu geführt, dass die FPÖ, die das Sicherheitspaket der Konservativen bislang abgelehnt hat, es plötzlich befürwortet. Darin enthalten sind ein Bundestrojaner, verstärkte Videoüberwachung im öffentlichen Raum, eine Autokennzeichenerfassung, eine Vorratsdatenspeicherung, Einschränkung des Briefgeheimnisses und die Registrierungspflicht für Wertkarten, was bedeutet, dass man seine Sim-Karten nicht mehr so unkompliziert wie bisher im Supermarkt an der Kasse erwerben kann. Bei vielen Politikern, so berichten zwei Vertreter der NGO Epicenter, die sich für Datensicherheit einsetzt, fehle der technische Sachverstand, um die Risiken ihrer Maßnahmen richtig einzuschätzen. Verkehrs- und Technologieminister Norbert Hofer (FPÖ) etwa erklärte lapidar: „Wenn ich gehackt werde, werde ich gehackt.“

          Die Sache mit den Vogeldrohnenschildern ging natürlich noch weiter. In den folgenden Tagen lieferten sich die Congress-Besucher eine wahre Zettelschlacht, in deren Verlauf propagiert wurde, dass Seekühe, Bärtierchen und der Congress nicht echt seien, Einhörner und Velociraptoren hingegen schon. Auch die Frage der Vögel wurde mit Gegenplakaten weiterverhandelt. Denn egal wie ernst die Lage auch ist, den Sinn für elaborierten Quatsch sollte man niemals verlieren, schon gar nicht beim Congress.

          Es passte daher ganz hervorragend, dass Martin Sonneborn, Vertreter der Partei „Die Partei“, am Abend ziemlich unterhaltsam von seiner Arbeit im EU-Parlament berichtete, nachdem sein Büroleiter Dustin Hoffmann eine Einleitung in die EU-Gremien gegeben hatte. „Alles“, so Hoffmann trocken, „ist auf maximale Verwirrung angelegt.“ Er lieferte damit unfreiwillig den wohl schönsten und passendsten Satz, der die aktuelle Weltlage kompakt zusammenfasst. Immerhin: Es ist beruhigend zu wissen, dass es Menschen gibt, die versuchen, der Verwirrung etwas Sinn abzuringen, ohne sich auf einfache Wahrheiten zu verlegen. Auch die Sache mit den Vögeln ist ja wohl letztendlich etwas komplizierter.

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