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Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

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Polanyi erkannte, dass die reinen, ungehemmten Operationen eines selbstregulierenden Marktes zutiefst destruktiv sind. Die Gesellschaft müsse Gegenmaßnahmen ergreifen, um diese Gefahr abzuwenden. Er sprach von einer doppelten Bewegung, einem „in mächtige Institutionen eingebetteten Geflecht politischer Maßnahmen, das die Auswirkungen des Marktes auf Arbeit, Boden und Geld zu kontrollieren vermag“. Regulierung, Gesetzgebung, demokratische Kontrolle – das seien die entscheidenden Reaktionen, die den Verfall der Gesellschaft verhindern könnten.

Demokratische Rechte und Prinzipien nicht aufgeben

Das bringt uns zurück zum Ausgangspunkt. Die in dieser Zeitung ausgetragene Kontroverse zwischen Eric Schmidt und Mathias Döpfner kündet ein historisches Beben an, das die Real-Industrie, die Politik und die Bürger in den Grundfesten erschüttern wird. Nichts ist anti-moderner als der kulturpessimistische Satz, es geschehe dies alles sowieso und es lasse sich nichts dagegen machen. Der moderne demokratische Staat muss ein Gegengewicht zu einem gefährlichen neuen Absolutismus schaffen, der sich auf eine durchdringende, geheime und jeglicher Rechenschaftspflicht enthobene Macht stützt.

Wir befinden uns hier jenseits der Zuständigkeit der Ökonomen. Es geht in diesem Gespräch nicht nur um freie Märkte; es geht um die Freiheit der Menschen. Es handelt sich um eine dringliche neue öffentliche Debatte, die sich nicht auf die technische Debatten nach Art des zwanzigsten Jahrhunderts über Monopole oder Wettbewerb im Blick auf Google reduzieren lässt. Wir greifen auf diese alten Kategorien zurück, weil uns die Sprache und die Gesetzmäßigkeiten fehlen, mit denen wir verstehen könnten, was da Gestalt annimmt.

Aber solch eine spezialisierte Argumentation verschiebt die Debatte aus dem Bereich des alltäglichen Lebens auf die unzugänglichen Interessengebiete von Ökonomen und Bürokraten. Sie verschleiert die Tatsache, dass die Probleme sich von Monopolen im Bereich der Produkte und Dienstleistungen auf Monopole im Bereich von Rechten verlagert haben: von Rechten auf Privatsphäre und von Rechten an der Realität. Diese neuen Formen von Macht, die bislang nur von denen verstanden werden, die diese Macht ausüben, bedrohen die Souveränität des demokratischen Gesellschaftsvertrags.

Auch viele Protagonisten der digitalen Welt schauen auf die EU – und nicht auf Google – und erwarten von ihr, dass sie die Bedrohung durch Absolutismus und die Monopolisierung der Rechte abwendet. Die EU kann für die doppelte Bewegung sorgen. Sie kann für die Zukunft stehen, indem sie für die Herrschaft der demokratischen Rechte und die Prinzipien eines fairen Marktes eintritt. Das sind die kostbaren Errungenschaften eines jahrhundertelangen Kampfes, und wir dürfen sie heute nicht aufgeben.

Die Autorin

Shoshana Zuboff ist emeritierte Edward-Wilson-Professorin für Business Administration an der Harvard Business School, ferner Faculty Associate am Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School.

1988 veröffentlichte sie „In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power“, bis heute ein Standardwerk zur Informationstechnologie. 2015 erscheint von ihr „The Summons: Our Fight for the Soul of an Information Civilization“.

Sie twittert unter: @shoshanazuboff

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