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Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

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Der Ehrgeiz, den Google auf diesem neuen Feld entfaltet, erscheint grenzenlos. Das Unternehmen hat die meisten führenden Firmen auf dem Gebiet der lernenden Maschinen und der Robotik aufgekauft, um das, wie es heißt, „größte Laboratorium der Welt für künstliche Intelligenz“ zu schaffen. Google hat viel Geld für ein Unternehmen gezahlt, das in großen Höhen agierende Drohnen herstellt, und ebenso für Nest Labs, einen Vorreiter auf dem Gebiet intelligenter Haustechnik, der es eine wichtige Rolle im neuen Internet der Dinge beimisst.

All das legt den Schluss nahe, dass Google den Aufbau weitaus ehrgeizigerer Fähigkeit anstrebt als bloßes Reality-Mining. Es geht nicht nur darum, alles zu sehen wie Gott; es geht um eine gottgleiche Macht, die Realität zu gestalten und zu kontrollieren. Google Glass, intelligente Kleidung und selbststeuernde Autos dienen einem eindeutigen Ziel: Sie sollen darüber informieren, wo man war und wo man ist, und sie sollen Einfluss darauf nehmen, wohin man geht. So hat ein Wissenschaftler den Vorschlag gemacht, dritte Parteien könnten für eine Programmierung zahlen, die den Wagen zu ihrem Restaurant, ihrem Laden oder ihrer politischen Veranstaltung fährt.

Den Verfall der Gesellschaft verhindern

Das Internet der Dinge bietet gewaltige Möglichkeiten zum Reality-Mining und zur Beeinflussung der Realität. Damit ist das wachsende Netz aus intelligenten Sensoren und mit dem Internet verbundenen Geräten gemeint, die eine intelligente Infrastruktur für alle Objekte und sogar Körper bilden sollen. Von den Windeln für Ihr Baby bis hin zu Ihrem Kühlschrank, von der Heizung über die Matratze, die Wände und die Kaffeetasse bis hin zum künstlichen Knie – all das wird das intelligente neuronale Netzwerk bilden, in dem Sie atmen, essen, schlafen, reisen und arbeiten. Es wird zahllose Konfigurationen aus Aktionen, Beobachtungen, Vorschlägen, Mitteilungen und Eingriffen ausführen, die alle auf eine neue Art von Produkt ausgerichtet sind: die Realität. Google und andere werden ihr Geld damit verdienen, dass sie diese Realität kennen, manipulieren, kontrollieren und in kleinste Stücke schneiden.

Wenn wir dieses große Rätsel verstehen wollen, kann ein kurzer Blick in die Geschichte hilfreich sein. Im Werk des Historikers Karl Polanyi finden sich dazu zwei nützliche Ideen. Er beschrieb den Aufstieg eines neuen menschlichen Konzepts: der selbstregulierenden Marktwirtschaft. Er erkannte, dass die Marktwirtschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auf drei erstaunlichen geistigen Erfindungen basierten. Er nannte sie „Fiktionen“. Die erste besagte, dass menschliches Leben der Marktdynamik unterworfen und als „Arbeit“ wiedergeboren werden kann; die zweite, dass die Natur der Marktdynamik unterworfen und als „Grundbesitz“ wiedergeboren werden kann; und die dritte, dass die Kaufkraft als „Geld“ wiedergeboren wird. Die Erfolge des Industriekapitalismus beruhte auf der Schaffung dieser drei „fiktiven Waren“. Das Leben, die Natur und der Austausch mussten in Dinge verwandelt werden, die sich mit Gewinn kaufen und verkaufen ließen.

Google führt uns an den Wendepunkt in der Reichweite der Marktwirtschaft. Eine vierte fiktive Ware entsteht hier und wird zum beherrschenden Merkmal der Marktdynamik des 21. Jahrhunderts. Die „Realität“ erfährt dabei dieselbe Umwandlung ins Fiktive und wird als „Verhalten“ wiedergeboren. Dazu gehört das Verhalten der Lebewesen, ihrer Körper und ihrer Dinge, das Verhalten selbst sowie Daten über das Verhalten. Es ist der weltumspannende Organismus samt den winzigsten Elementen darin.

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