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Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

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Das hat uns unvorbereitet getroffen. Weder wir als Individuen noch unsere öffentlichen Institutionen haben ein klares Bild von diesen neuen Beziehungen, ihren Implikationen, von den einzuschlagenden Wegen und den anzustrebenden Zielen. Es gibt gute Gründe für so viel Verwirrung und Bestürzung. Die hier beschriebenen Dynamiken entfalten sich im Bereich eines weißen Flecks, der sich mit den vorhandenen sozialen, ökonomischen und politischen Kategorien nicht leicht erfassen lässt. Und sie gehen weit über den Bereich der Ökonomie und die alten Debatten über Monopole und Wettbewerb hinaus.

Die neuen Geschäftspraktiken betreffen nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Wesen unseres Lebens. Sie entziehen sich unseren geistigen Modellen und rationalen Erwartungen in einem Maße, dass wir am Ende an unserem eigenen Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen zweifeln. Unglücklicherweise verschlimmert sich die Lage noch weiter, wenn Google seine radikale Politik vom Cyberspace auf die reale Welt überträgt.

Göttliche Perspektive

Was wird Google als Nächstes tun? Wir wissen, dass es geheim ist, aber für mich ergibt sich folgendes Bild: Google begnügt sich nicht mehr mit dem Datengeschäft. Für Google ist die „Realität“ die nächste große Sache, die es zerstückeln und verkaufen kann. Beim Geschäft mit Daten geht es um Datenmuster, mit deren Hilfe man Anzeigen plazieren kann. Beim Geschäft mit der Realität geht es darum, das Verhalten von Menschen und Dingen im realen Leben in millionenfacher Weise zu prägen und zu kommunizieren, so dass Google Einnahmen erzielt. Das Geschäftsmodell breitet sich aus und umfasst schließlich nicht nur den digitalen, sondern auch den realen Menschen. Der Schauplatz ist nicht mehr die virtuelle Realität, sondern die eigentliche Realität. Es kann kaum überraschen, dass die Vorhut dieser neuen Welle Google und die NSA bilden.

Im „Geschäft mit der Realität“ spiegelt sich ein Wechsel in der Avantgarde der Datenwissenschaft vom Data-Mining hin zum „Reality-Mining“. Pionierarbeit auf dem Gebiet dieses neuen Ansatzes hat im letzten Jahrzehnt das MIT Media Lab geleistet. Jetzt findet der Ansatz Eingang in die Aktivitäten militärischer Geheimdienste und in kommerzielle Anwendungen.

Will die Systeme der Gesellschaften innerhalb eines Kontrollrahmens neu erfinden: MIT-Professor Alex Pentland im September 2011

In einem MIT-Paper aus dem Jahr 2011 erläutert Professor Alex Pentland den Wert des Reality-Mining. „Wir müssen die Systeme der Gesellschaften innerhalb eines Kontrollrahmens neu erfinden“. Dazu bedürfe es eines „exponentiellen Wachstums der Daten über menschliches Verhalten“. Und in einem anderen Paper erklärt Pentland, die immer größere Zahl der Sensoren, Mobiltelefone und sonstigen Datenerfassungsgeräte werde bald die „Augen und Ohren“ eines „weltumspannenden lebenden Organismus“ bilden. „Wo essen die Menschen? Wo arbeiten Sie? Wo verbringen sie ihre Freizeit?“ „Verteilte Sensornetze“, so meint er, ermöglichten eine „göttliche Perspektive auf uns selbst. Zum ersten Mal können wir das Verhalten einer großen Zahl von Menschen aufzeichnen, während sie ihr alltägliches Leben führen.“

Die Realität gestalten und kontrollieren

Die NSA und andere Geheimdienste greifen schon heute auf die „Analyse von Lebensmustern“ zurück, um Bedrohungen zu erkennen, darunter auch solche innerhalb ihrer eigenen Organisation, um den nächsten Edward Snowden zu verhindern. Eine Reihe von Software-Unternehmen, manche aus den Geheimdiensten hervorgegangen, andere von ihnen finanziert, bieten Dienstleistungen auf dem Gebiet der Analyse von Lebens- und Aktivitätsmustern und der aktivitätsbasierten geheimdienstlichen Analyse an.

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