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Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

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Neue Operationslogik

Dann begann sich die gesamte Topographie des Cyberspace zu verändern. Google und Facebook kehrten dem Ethos des öffentlichen Web den Rücken, hielten aber sorgfältig an dessen Rhetorik fest. In einem Bereich, der bis dahin ein weißer Fleck gewesen war, entwickelten sie eine neue Operationslogik. Die neue Zone hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der herkömmlichen Geschäftswelt, folgte aber auch nicht den Normen des offenen Web.

Das verwirrte die Nutzer und lenkte sie zugleich ab. Tatsächlich entwickelten die Unternehmen eine gänzlich neue Geschäftslogik, in der sie Elemente des überkommenen Kapitalismus, insbesondere die antagonistische Stellung gegenüber den Endverbrauchern, mit Elementen aus der neuen Internetwelt, vor allem deren Intimität, mischten. Das Ergebnis war eine neue geschäftliche Logik, die auf versteckter Überwachung basiert. Die meisten Menschen bemerkten gar nicht, dass sie und ihre Freunde nun ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung in ihren Aktivitäten verfolgt, analysiert und ausgekundschaftet wurden.

Ein stetiger Strom von Ausbrüchen aus der neuen Zone zeugt von der neuen Operationslogik. So sind gegen Google mehrere Gerichtsverfahren wegen des heimlichen Scannens der gesamten Mails bei Gmail einschließlich solcher von Mailkonten anderer Anbieter anhängig. 2010 versuchte das Unternehmen noch, die Scanpraxis zu leugnen, und gestand das volle Ausmaß erst nach vier Jahren öffentlicher Proteste ein. In einem „potentiell explosiven“ Verfahren räumte das Unternehmen ein, dass es einseitig Millionen von Mails scannt, die von den 30 Millionen studentischen Nutzern seiner Apps-for-Education-Tools gesendet oder empfangen werden. 2012 sorgte Google für weitere heftige Proteste und Klagen, als es ankündigte, es werde ohne jede Zustimmung nutzerbezogene Daten aus all seinen Diensten zusammenführen. Es gibt noch viele andere Beispiele, das Electronic Privacy and Information Center hat vieles dokumentiert.

Wachstum und Erfolg in der „neuen Zone“

2010 vereinbarte Google eine Partnerschaft mit der NSA, die die Komplexität und Undurchsichtigkeit der neuen Zone noch verstärkte. Der angebliche Auslöser für dieses Bündnis zwischen einer staatlichen Stelle und einem Privatunternehmen war die Entdeckung des Unternehmens, dass die Chinesen seine Infrastruktur gehackt hatten. Doch damals hatte die NSA bereits größtes Interesse an allem, was Google tat; sie suchte intensiv nach Möglichkeiten, Objekte in Internet-Zeit zu verfolgen und Muster zu erkennen. Die NSA entwickelte dieselben Tools und Fähigkeiten, die es Google erlaubten, massenhaft anfallende Daten zu durchsuchen und mit Warp-Geschwindigkeit zu analysieren.

Das amerikanische Justizministerium hielt die Partnerschaft geheim, doch Zeitungsberichte, Gerichtsakten und Snowdens Enthüllungen zeichnen das Bild einer wechselseitigen Abhängigkeit und Kollaboration. Der ehemalige NSA-Direktor Mike McConnell sagte dazu: „Jüngste Berichte über eine mögliche Partnerschaft zwischen Google und der Regierung verweisen auf gemeinsame Anstrengungen – und gemeinsame Herausforderungen –, die wir in der Zukunft wahrscheinlich erleben werden. Der Cyberspace kennt keine Grenzen, und unsere Verteidigungsanstrengungen müssen ebenso grenzenlos sein.“ Die NSA entwickelte eigene Software zur Emulation der Google-Infrastruktur, nutzt Google-Cookies, um zu hackende Ziele zu identifizieren, und verschafft sich Zugang zu E-Mails und anderen Daten durch das Prism-Programm, dessen Kosten sie für Google und andere Internetformen übernimmt.

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