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Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

  • -Aktualisiert am

Google fragt nicht nach Erlaubnis

Eric Schmidts Artikel in der F.A.Z., der in Wahrheit ein Sendschreiben an die Europäer ist, zeigt Anzeichen solch eines Absolutismus. Demokratische Kontrolle wird als „plumpe Regulierung“ abgetan. Die Ausdrücke „Internet“, „Web“ und „Google“ werden verwendet, als wären sie austauschbar und als stünden die Interessen von Google für das gesamte Web und das Internet. Das ist ein Taschenspielertrick, der von den wirklichen Problemen ablenken soll.

Schmidt warnt, wenn die EU den Praktiken von Google entgegentrete, könne daraus „ein schwerer Rückschlag für die Innovationskraft in Europa“ resultieren. Genau das Gegenteil dürfte zutreffen. Gerade wegen Googles genialer Fähigkeiten in der Wissenschaft der Überwachung, wegen der Unverfrorenheit, mit der das Unternehmen die Nutzer enteignet und sich deren Datenschutzrechte selbst aneignet, und wegen des aggressiven Vorgehens der NSA verlieren die Menschen das Vertrauen in das gesamte digitale Medium. Und erst dieser Vertrauensverlust droht die Innovation abzuwürgen.

Um dieses Dilemma besser zu verstehen, wollen wir uns noch einmal anschauen, wie wir dahin geraten sind, vor welchen Bedrohungen wir stehen und was in der Zukunft auf dem Spiel steht.

In seinem umfangreichen Essay „Über die Einsamkeit der Sterbenden“ schrieb der Soziologe Norbert Elias, die „Sterbesituation“ sei „in unseren Tagen weitgehend ungeformt, ein weißer Fleck auf der sozialen Landkarte“. Zu solchen „weißen Flecken“ kommt es, wenn frühere Bedeutungen und Praktiken nicht mehr funktionieren, aber noch keine neuen an ihre Stelle getreten sind. Google konnte deshalb so rasch zu einer Macht aufsteigen, weil es in solch einen weißen Fleck vorstieß und ihn sehr schnell kolonisierte, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Google fragte nicht um Erlaubnis, suchte keinen Konsens, bat niemanden um seine Meinung und machte nicht einmal deutlich, nach welchen Regeln und Vorschriften man verfuhr. Wie konnte das geschehen?

Nutzerdaten als Währung im Anzeigen-Geschäft

Am Anfang standen veränderte Ansprüche. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts brachten größere Bildung und komplexe soziale Erfahrungen eine neue Art von Individuum hervor. Immer mehr Menschen, die nicht länger mit der Masse konform gehen wollten, suchten nach eigenständigen Wegen zur Selbstbestimmung. Die Menschen wollten soziale Erfahrungen neu erfinden. Sie wünschten sich Informationen nach ihren eigenen Bedürfnissen, frei von der Kontrolle durch alte Normen, berufliche Festungen und Geschäftsmodelle.

Die Entstehung des Internets eröffnete einen neuen Weg. Als Browser und Suchmaschinen aufkamen, drängten die neuen Individuen mit ihrem aufgestauten Bedürfnis nach echtem Ausdruck und einer Verbindung mit anderen ins Web. Der Zugang zu Information und die Kommunikation konnten alte Grenzen umgehen und an jedes Bedürfnis angepasst werden. Dies war ein neuer „vernetzter öffentlicher Raum“, wie der Rechtswissenschaftler Yochai Benkler ihn nannte. Und man blickte nicht zurück.

Google und andere Unternehmen drängten gleichfalls rasch in den neuen Raum, und eine Zeitlang schien es, als hielten sie sich an die öffentlichen Erwartungen des Vertrauens, der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Respekts. Doch mit wachsendem Profitdruck wechselten Google, Facebook und andere zu einem werbefinanzierten Modell, das die verdeckte Erhebung von Nutzerdaten als Währung für den Verkauf von Anzeigen erforderte. Die Profite stellten sich auch bald ein und motivierten zu einer immer skrupelloseren Datensammlung. Die neue Wissenschaft des Data-Mining explodierte, zum Teil angetrieben von Googles spektakulärem Erfolg.

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