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Integration in Frankreich : Attila und Sarkozyx

Alles eine Frage der Herkunft? Nicolas Sarkozy ist im Wahlkampf auf Spurensuche. Bild: Reuters

Wie wird man ein richtiger Franzose? Nicolas Sarkozy weiß es. Berief sich der Präsidentschaftskandidat früher auf Napoleon, ruft er nun die Gallier als Anherrn auf. Da sage einer, die Römer spinnten.

          „Wenn man Franzose wird, bekommt man die Gallier zu seinen Vorfahren“: Das hat vor ein paar Tagen Nicolas Sarkozy im Fernsehen verkündet. Er will ihr Heerführer werden. Der Spruch kam nicht ganz unerwartet, Sarkozy hatte seine Wirkung auf verschiedenen Wahlveranstaltungen getestet: Er kommt gut damit an. Er selbst stammt – nimmt man es völkergeschichtlich – bekanntlich von den Hunnen ab, sein Vater kam aus Ungarn nach Frankreich. Präsident war Sarkozy schon einmal, wie einst Napoleon wollte er das Land reformieren. Für die Rückkehr an die Macht reiht sich Sarkozy nun in eine Genealogie ein, die er zum Beweis seiner makellosen Integration bis zu Asterix zurückführt.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Nicht einmal dem hinterwäldlerischsten aller Eidgenossen, der von der Begründung der Schweiz durch Wilhelm Tell auf dem Rütli überzeugt sein mag, würde es in den Sinn kommen, seine Identität auf die Helvetier zurückzuführen – obwohl diese in der offiziellen Landesbezeichnung sogar namentlich genannt sind: Das „CH“ steht für Confoederatio Helvetica. Aber man sollte darüber nicht nur lachen.

          Die Gallier und Wilhelm Tell

          Den Mythos von „unseren Vorfahren, den Galliern“ („Nos ancêtres les Gaulois“) ist genauso widerlegt wie jener von Wilhelm Tell. Zahlreiche Kommentatoren machen in Sarkozys Äußerungen einen Beweis seiner Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie aus. Premierminister Manuel Valls schlug von einer Reise nach Senegal aus zurück: Hier, in Dakar, hatte Sarkozy vor zehn Jahren eine ziemlich üble Rede über den verspäteten Einzug der Schwarzen in die Geschichte gehalten. Sie war nicht frei von rassistischen Klischees. Am selben Ort erklärte nun Valls: „Natürlich sind wir ein Volk mit unseren Werten. Aber nicht wegen unserer Herkunft, Religion oder Hautfarbe sind wir Franzosen. Sondern weil es eine Geschichte gibt, die wir gemeinsam haben.“ Valls erwähnte die beiden Weltkriege und die afrikanischen Truppen.

          Deren Beitrag war von Frankreich und seiner Geschichtsschreibung lange verniedlicht, ja verschwiegen worden. Ob Manuel Valls im Nachhinein die einstigen Kolonien und die unfreiwilligen Soldaten abermals der Grande Nation einverleiben will, scheint doch eher fraglich zu sein. Aber durchaus nobel ist es, die Diskussion über die Identität unter Ausschluss von Herkunft, Glauben, Rasse führen zu wollen.

          Allerdings wird in diesen wirren Zeiten auch die Identitätsstiftung ausschließlich aus dem Geist der Geschichte zur schieren Unmöglichkeit. Im Krieg gab es Freund und Feind, aber die Fronten verändern sich, je länger schon der Frieden dauert. Die Demarkationslinien verschwimmen so sehr wie jene zwischen links und rechts, die einst die Befürworter und die Gegner der Revolution – von 1789 – trennte. Schemata der Wahrnehmung, die man für unumstößlich hielt, lösen sich auf oder verkehren sich in ihr Gegenteil.

          Marine Le Pen und „Das freie Frankreich“

          Ausgerechnet unter dem Motto „La France libre“ will Marine Le Pen ihren Wahlkampf führen. „Das freie Frankreich“ war jenes von Charles de Gaulle, der von London aus die französischen Faschisten und die deutschen Besatzer bekämpfte. Damals und auch noch im Algerien-Krieg schimpften ihn die Rechtsextremisten einen Verräter, es wurden Attentate auf ihn verübt. Und es gab einen Putsch der Generäle. Seit die extreme Rechte im Islam eine neue Besatzung ausmacht, beruft sie sich auf de Gaulle, die Republik – zumindest ihren Laizismus – und will gegen den „Islamofaschismus“ Widerstand leisten.

          Vorbildlich: Nicolas Sarkozy hat seinen „Asterix“ gelesen.

          Man kann es Nicolas Sarkozy nicht verargen, dass er angesichts der herrschenden Unübersichtlichkeit bis zu den Galliern zurückgeht. Mit den sturen Hinterwäldlern, die den römischen Besatzern und ihrer Kultur die gallische Barbarei entgegenhalten, identifizieren sich alle Franzosen, seien sie Katholiken oder Kommunisten. Egal, ob sie Wurzeln in der Bretagne, in Polen oder Nordafrika haben. Diese Integration hat der Comic geleistet.

          Erlösung von der Identitätskrise?

          Vielleicht waren Sarkozys Absichten nicht ganz lauter, als er von Integration und Assimilation sprach. Möglicherweise hatte er es ganz anders gemeint. Aber er redete wie Simone de Beauvoir: Man wird nicht als Frau geboren, man wird durch die Gesellschaft dazu gemacht. Wer Franzose wird, sagt Sarkozy, der bekommt auch noch die ersten in ihrer langen Geschichte zu seinen Vorfahren. Ein besseres, ein großzügigeres Wahlprogramm kann es nicht geben. Am Tag, an dem Frankreich zur normativen Kraft seiner Ausstrahlung seit 2000 Jahren zurückfindet, wird es von seiner Identitätskrise erlöst sein.

          Mehr als alle seine Gegner hat Nicolas Sarkozy von seinem neuesten Buch „Tout pour la France“ verkauft: Es steht damit an der Spitze der Bestsellerlisten. Als vermeintlicher Wiedergänger von Napoleon war er gescheitert, weil sein Bruch mit dem System und die Reformen leere Versprechen blieben. Jetzt versucht er es als Asterix und Attila.

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