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Frauenquote für Expertenzitate : Mehr weibliche Stimmen

  • -Aktualisiert am

Bald nicht nur von außen gläsern: Redaktionsgebäude der Financial Times in London. Bild: Reuters

Frauen sind als Expertinnen und auf Bildern in Wirtschaftszeitschriften unterrepräsentiert. Die „Financial Times“ in London will das jetzt ändern: mit technisch durchgreifenden Mitteln.

          Der Name ist Bot. Genauer gesagt: „JanetBot“. Es wäre nicht ganz falsch zu behaupten, dass die Trägerin dieses Namens eine Geheimagentin in Sondermission ist. Allerdings wird damit keine Person gekennzeichnet, sondern eine Suchmaschine, die im Mitwissen der Bespitzelten agiert mit dem Ziel, die Präsenz von Frauen und somit auch die Zahl der Leserinnen zu steigern. Der nach Janet Yellen, der ehemaligen Präsidentin der amerikanischen Notenbank, benannte Bot wertet die Bilder auf der Startseite der „Financial Times“ einschließlich der Porträtköpfe von Kolumnisten alle zehn Minuten nach dem Geschlecht der Dargestellten aus. Um den Ablauf nicht durch eine ständige Informationsflut zu stören, werden die Ergebnisse der Redaktion zu bestimmten Zeiten zugeschickt. Gleichzeitig prüft ein anderes Programm die schriftlichen Beiträge in der Zeitung, um anhand der Pronomen und Vornamen festzustellen, wie oft Frauen vorkommen. Ermittlungen haben ergeben, dass der Anteil an Expertinnen bei den zitierten Quellen bloß einundzwanzig Prozent beträgt.

          Das verwundert wenig angesichts der geringen weiblichen Vertretung auf den Führungsetagen der Wirtschaft. Unter den hundert größten Unternehmen an der Londoner Börse werden nur sechs von Frauen geführt. So wie JanetBot Redakteure anhält, weniger „Anzüge“ abzubilden, weil Frauen sich eher angesprochen fühlten, wenn sie „Spiegelungen ihrer selbst“ sähen, soll der auf die Autoren angesetzte Bot bewirken, dass sie in ihren Texten auf das Gleichgewicht der Geschlechter achten. Abteilungsleiter bekommen Bescheid, wenn der Proporz nicht stimmt. Das gilt auch für die Meinungsbeiträge, bei denen nicht nur das Geschlecht, sondern auch die ethnische Herkunft und die geographische Lage der Autoren verfolgt werden „im Rahmen des Bestrebens, mehr weibliche Stimmen und mehr Minderheitsstimmen und anderswo mehr örtliche Stimmen zu beauftragen“, wie ein Hausmitteilung erläuterte. Sie informiert darüber, dass der Anteil an Meinungsautorinnen seit März von zwanzig auf dreißig Prozent gestiegen sei. Abteilungen, die einen höheren Anteil von Frauen zitierten, bildeten auch mehr Frauen ab; diese Artikel würden von Frauen viel gelesen.

          Den Mitarbeitern wird ein Bot in Aussicht gestellt, der sie bereits beim Schreiben auf Diskrepanzen zwischen der Männer- und Frauenquote hinweisen wird. Der Große Bruder, oder sollte man sagen die große Schwester, passt auf. Das Wirtschaftsblatt bezieht sich unter anderem auf das von der Schauspielerin Geena Davis gegründete Forschungsinstitut, das durch statistische Ermittlungen über die Geschlechterverteilung in der Medien- und Unterhaltungsindustrie auf Produzenten, Drehbuchautoren und Schauspieler einwirken will, um auf ein Gleichgewicht in der Gesellschaft hinzuwirken. Das Institut misst beispielsweise, wie viele Darstellerinnen im Film mitwirken, wie lange sie erscheinen, wie viel sie sprechen. Deutlich weniger als Männer, lauten die Befunde, mit Ausnahme eines Genres. Die „Inklusivitätsquotient“ genannte Software hat festgestellt, dass Frauen im Horrorfilm stärker präsent sind als Männer.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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