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Antidemokratisches Denken : Lieber umfallen als nicht regieren

Mit Stresemann wäre das nicht passiert: Hier zu sehen als Vorsitzender im Völkerbundrat, März 1927 (vordere Reihe, 8. von links). Bild: Picture-Alliance

Die Gespenster der Weimarer Republik sind unter uns – und eine Partei steht dabei besonders in der Verantwortung: die FDP. Historische Lehren aus der Thüringer Skandalwahl.

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          Am 21. Dezember 1930, einem Sonntag, läuft Siegfried Kracauer, Büroleiter der „Frankfurter Zeitung“ in Berlin, durch die vorweihnachtlich beleuchtete Tauentzienstraße. Unter die üblichen Bettler an der wichtigsten Einkaufsmeile der Hauptstadt, bemerkt Kracauer, haben sich zwei neue Personengruppen gemischt: „ausgesteuerte Arbeitslose“, die auf Pappschildern kundtun, sie seien zu jeder Art Arbeit bereit, und „verschämte Arme“, die sich unauffällig an die Passanten vor den Schaufenstern heranmachen. „Unter allen Demonstrationen dieser an Massenkundgebungen gesegneten Zeit“, schreibt der Reporter der „FZ“, sei „keine so schauerlich wie die der Ausgestoßenen“ am Tauentzien. Wer nämlich genau hinschaue, der erkenne, „dass sämtliche Gebrechen der Bettler in Wahrheit der Gesellschaft anhaften, die selber auf Krücken humpelt und des Augenlichts beraubt ist. Was sie sich nicht eingesteht, die Bettler geben es preis.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist das vorvorletzte Weihnachtsfest der Weimarer Republik. Dreieinhalb Millionen Menschen sind im Dezember 1930 arbeitslos gemeldet; rechnet man die versteckte Arbeitslosigkeit hinzu, bedeutet das, dass jede vierte Familie ohne Einkommen ist. Seit Ende März regiert der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning durch Notverordnungen mit einem Kabinett ohne parlamentarische Mehrheit. Bei den Reichstagswahlen im September hat die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen errungen, die KPD kam auf dreizehn Prozent.

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