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Positionspapier der EKD : Wenn die Glocken nicht mehr läuten

Kirchliche Lebenspraxis rückt zunehmend in die Ferne. Hier ist der Michel in Hamburg zu sehen. Bild: dpa

Die evangelische Kirche denkt über ihre Zukunft nach. Die Einschnitte sind drastisch, die Visionen ernüchternd. Setzt sie ihre Reformvorschläge um, bleibt fast nichts mehr, wie es war.

          3 Min.

          Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit publizierte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kürzlich ein Positionspapier auf ihrer Website, das einen Weg in die Zukunft weisen soll. „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ präsentiert das reformfreudige „Zukunftsteam“, das schon vor drei Jahren von der Synode der EKD einberufen wurde. Deren Zukunft ist düster, das wissen die christlichen Kirchen hierzulande spätestens seit der von EKD und Deutscher Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie „Projektion 2060“, wonach sich die Zahl der Kirchenmitglieder in den kommenden vierzig Jahren halbieren wird.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Vorbei die Zeit, als man noch hoffen durfte, die Kirche kämpfte um den Erhalt ihrer Gemeinden und fände jenseits weichgespülter Kirchentagsformate eine bessere Antwort auf das Bedürfnis nach Religiosität, das ja nach wie vor existiert. Eine neue Ära bricht an: Die Realität hat die EKD eingeholt. Die Frage lautet nicht mehr: Wie können wir mehr Mitglieder gewinnen? Der Ansatz ist jetzt: Die Glaubenskrise ist unaufhaltbar.

          Wie gestalten wir also Kirche mit geringer Bindungskraft, wenigen Mitgliedern und sinkenden Ressourcen? Eine „Kirche auf gutem Grund“ schwebt dem „Zukunftsteam“ vor, was allerdings eine euphemistische Beschreibung ist angesichts der gewaltigen Veränderungen, die in den elf Leitsätzen vorgeschlagen werden. Demnach sollen parochiale Strukturen, also die Aufteilung des Kirchengebiets nach Pfarrgemeinden, im Wesentlichen aufgelöst und umgewandelt werden „zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung“.

          Sonntagsgottesdienste werden rar

          Mit anderen Worten: Es gibt keine feste Gemeinde mehr, sondern nur noch kirchliche Praxis an wechselnden Orten, und das Angebot an Gottesdiensten wird rar. Folgerichtig ist die evangelische Kirche denn auch aufgerufen, „die Bedeutung des traditionellen Sonntagsgottesdienstes in Relation zu setzen zu den vielen gelingenden Alternativen gottesdienstlicher Feiern und christlicher Gemeinschaft“. Heißt das, man wird bald auf den Sonntagsgottesdienst verzichten müssen, wenn man nicht das Glück hat, in der Nähe einer zumeist noch gutbesuchten Hauptkirche zu wohnen?

          Die Sichtbarkeit der Kirche wird sich jedenfalls stark verändern, wenn sie wie gefordert „neue Formen von Gemeinde“ erprobt, „dezentrale Formate“ entwickelt und „kirchliche Lebenspraxis“ flexibilisiert und individualisiert. Wie religiöse Gemeinschaft überhaupt noch entstehen soll, wenn die kirchlichen Strukturen derart fragmentiert sind, steht dahin.

          Offen lässt das Positionspapier auch die Frage, was das eigentlich für die Arbeit der Pfarrer heißen wird, wenn sie auf die gewachsene „Bedeutung situativ angepasster Formen“ reagieren sollen. Predigen nach Bedarf? Gottesdienst ohne Kirche? Sozialarbeit statt Seelsorge? Klar ist nur: Wenn das klassische Modell einer Vereinskirche aufgegeben werden soll, ist auch das traditionelle Amtsverständnis der Pfarrer in Frage gestellt.

          Das „Zukunftsteam“ der EKD erwartet, dass außerdem die Kirchensteuer reformiert werden muss, etwa indem man Menschen finanziell beteiligt, „die sich ohne formelle Mitgliedschaft der Kirche zugehörig fühlen“. Die darüber hinaus angeregten Sparmaßnahmen lesen sich nicht weniger drastisch. Kurz gefasst soll Kirche sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, wie man im Reformjargon sagen würde – und das bedeutet in neuer Übersetzung der EKD: Entbürokratisierung und Abbau von Hierarchien; Rückzug aus Beratungsgremien, Fachinstituten und Arbeitszweigen; mehr kooperieren, eigene Angebote reduzieren; Ökumene stärken, weil „konfessionelle Alleingänge“ nicht mehr finanzierbar seien; mit einer „smarten“ Kirche auf die Digitalisierung reagieren.

          Nun mag das öffentliche Interesse an einer wie auch immer gearteten Zukunft der Kirche in dem Maße schwinden, wie ihre Krise zum Normalzustand geworden ist. Unweigerlich präsent aber bleibt sie überall dort, wo es noch aktive Kirchengemeinden gibt, durch das sonntägliche Läuten der Glocken, an die sich eine ganze Kulturgeschichte knüpft, deren Ende aber nun plötzlich am Horizont aufscheint. In der EKD will man in den kommenden Monaten bis zur Synode im November über die elf Leitsätze zur Zukunft der Kirche diskutieren. Das Verstummen der Kirchenglocken dürfte dabei das geringste Problem sein – und doch ist es das vielleicht wirkmächtigste Symbol für das Ende der Kirche, wie wir sie noch kennen.

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