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Initiation für Erstwähler : Demokratie ist machbar

  • -Aktualisiert am

Wahlkabine in der Marien-Schule in Düsseldorf im September 2020 Bild: Picture Alliance

Für viele Erstwähler ist das erste Mal ein ernüchterndes Erlebnis. Warum verpassen wir eine Chance, junge Menschen in unserer Demokratie willkommen zu heißen?

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          Für alle, die sich nicht für eine Briefwahl entschieden haben, ist es am Sonntag so weit: Irgendwann zwischen Aufstehen und 18 Uhr warten sie auf trostlosem, leicht zu reinigendem PVC-Boden im Klassenraum eines beanspruchten Schulgebäudes darauf, dass abgespannte Mitbürger nach ihrem Namen fragen. Hier wird die Zukunft des Landes bestimmt, in schlichten Wahlkabinen, mit Plastikkulis, zwei Kreuzen auf Papier, für dessen Einwurf schließlich wortkarge Wahlhelfer mit strengem Blick einen Schlitz freigeben. Draußen ist Herbst.

          Demokratie wird nüchtern abgehandelt. Kein Brot und Salz, kein Brautstrauß, der geworfen wird, noch nicht einmal ein Dankeschön. Wer volljährig geworden ist, für den bedeutet Demokratie, irgendwann einen Wahlbescheid im Briefkasten zu finden, der sich in der Attraktivität nicht groß von einem Steuerformular unterscheidet. Wählen wird so zu einem weiteren beschwerlichen Teil des Erwachsenenlebens, wie der Umstand, dass man sich um Krankenkasse, Haftpflichtversicherung und Mietverträge jetzt auch selbst kümmern muss.

          Zur Erstwahl gibt es kein Ritual, wie wir es aus anderen Lebensbereichen kennen. Dabei haben Rituale durchaus einen Sinn. Sie erlauben uns, Lebensabschnitte bewusst abzuschließen oder neue zu beginnen. Sie geben uns und unseren Angehörigen ein klares Signal zu gemeinsamer Freude oder – wie bei Beerdigungen – Trauer.

          Demokratie ist eine Feier wert

          Warum verankern wir solche gesellschaftlichen Codes, die wir uns im beruflichen, schulischen und privaten Umfeld längst erschlossen haben, nicht auch in unserem demokratischen System? Mit einem Ritual für Erstwählende, das an die Wirkungskraft von Einschulungen oder Konfirmationen heranreicht.

          Wer ein erstes Mal wählen geht, kennt aus der Familie, der Schule oder auch schon der Arbeitswelt ein eher eingeschränktes Maß an Mitsprachemöglichkeiten. Jetzt zählt die eigene Stimme genauso viel wie jede andere: eine Veränderung, die ein eigenes Initiationsritual verdient hätte. Wie können wir davon ausgehen, dass jüngere Generationen die Demokratie verteidigen werden, wenn sie nie als vollwertiges Mitglied in ihr willkommen geheißen wurden, wenn sie nie bewusst „Ja“ zu ihr gesagt haben?

          Demokratie ist eine Feier wert. Sie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Global überwiegt der Anteil nichtdemokratisch regierter Länder, und auch in Deutschland hat die Demokratie zwar eine lange, aber auch eine sehr wechselvolle Geschichte und ist nach den Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert nicht tief verwurzelt. Sie ist auch hierzulande zu jung, um uns in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Sie ist zu schützenswert, um nebenbei abgehandelt zu werden.

          Wir sollten sie bewusst zelebrieren

          Eine Initiationsfeier für Erstwähler wäre gleichzeitig ein Übungsfeld für ältere Generationen, Verantwortung zu teilen und mit den jungen Wählenden kooperativ und wohlwollend zusammenzukommen. Das ist nicht einfach, wenn Herablassung mit Sprüchen wie „Komm du mal in mein Alter“ auf der einen Seite auf der anderen auf jugendliche Geringschätzung trifft, die sich in Begriffen wie „ignorante Boomer“ und „alte weiße Männer“ zeigt.

          Wenn die eine Generation der anderen ihre Entscheidungsfähigkeit abspricht, bedroht das die Demokratie von innen heraus. Dann geht es um Diffamierung statt um Kooperation, um Konkurrenz statt um ein Miteinander. Dabei haben Befürworter der Demokratie Wichtigeres zu tun, als sich gegenseitig missgünstig gegenüberzustehen. Sie müssen die Demokratie gemeinsam schützen. Aber dafür muss sie auch bewusst gelebt werden.

          Wenn die Demokratie nicht mit Leben gefüllt wird, wenn sie keine Substanz hat und keine Freude bereitet, scheint es nur die Angst vor Extremismus zu sein, die zum Wählen motiviert. Radikale, die sowohl Motivation als auch Ziele und Visionen mitbringen, könnten dabei langfristig stärker wirken als diejenigen, die sich nicht wirklich mit dem derzeitigen politischen System identifizieren und bloß Schlimmeres verhindern wollen. Wir sollten die Demokratie bewusst zelebrieren. Genauso, wie wir der Scheidungsstatistik zum Trotz heiraten und nicht einmal die eigene Kapitalismuskritik uns davon abhalten kann, Einstand zu feiern. Wählen gehen ist eine ernste Sache, aber sie müsste nicht trostlos sein.

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