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Internet und Demokratie (5) : Die Macht der Machtlosen

  • -Aktualisiert am

Der Wahlzettel als Botschaft: Eine Frau gibt in Hessen ihre Stimme ab. Bild: dpa

Dank des Internets betrachten wir unseren Stimmzettel als Nachricht, die die Politiker direkt erreichen soll: Wir sind politische Stalker geworden. Ein Gastbeitrag.

          Die amerikanische Präsidentschaftswahl wirft die Frage auf: Wählen wir im Zeitalter von Twitter und Facebook anders? Wir haben die letzten Monate mit Blasendebatten, Elitenschelte, Wutbürgerfragen verbracht und uns über die postfaktische Gesellschaft Sorgen gemacht. Ganz klar hat das Internet neue Gegenöffentlichkeiten geschaffen, hat alte Institutionen und Normen ihrer Strahlkraft beraubt. Es hat aber auch das „Gefühlsleben“ der Demokratie umgekrempelt.

          Mit „Gefühl“ ist hier nicht Instinkt, Affekt oder Begehren gemeint, sondern der Umstand, dass in einer Demokratie jede politische Handlung auch Ausdruck eines mehr oder minder rational vermittelten Gefühls ist, wer man als Bürger ist und wo man im Ganzen hingehört. Umgekehrt sind demokratische Entscheidungsbildungen von solchen „Gefühlen“ abhängig. Für das demokratische Gefühlsleben ist das Internet eine Katastrophe. Es verwischt den Sinn von individueller Wirkmächtigkeit und Verantwortung, den Respekt davor, dass nicht jeder Affekt gleich Politik werden soll und darf. Es zerstört den Raum der Enttäuschung, den Demokratie zum Atmen braucht, und universalisiert die Enttäuschung als Vorurteil allen Engagements. Wir müssen erst noch lernen, wie man im Internetzeitalter „demokratisch fühlt“. Bevor wir es erlernt haben, drohen weitere Verwerfungen.

          Die Phänomenologie des Wählens ist, selbst in der kurzen Geschichte der Massendemokratie, sicherlich nicht konstant gewesen. Gut möglich, dass die Verwirrung über die Plebiszite in England und den Vereinigten Staaten sich auch dadurch erklärt, dass dieses Spezifikum am Wählen vernachlässigt worden ist. Dabei liegt es nahe zu fragen: Wie muss sich die Generation, die Hitler ins Amt wählte, sich danach beim Kreuzchenmachen „gefühlt“ haben? Wie fühlen sich Menschen wahrgenommen, die vormals nicht wählen konnten?

          Stimmzettel als grobes Kommunkationsmedium

          Und was ist heute? Unser Gefühl kann nicht unbeeinflusst sein von der Tatsache, dass uns die Medien als Politikverdrossene anreden, von der Tatsache, dass den Vereinen, Gemeinden und Gewerkschaften, die früher zwischen Parteien und Individuen vermittelt haben, die Mitglieder abhandenkommen.

          Aber insbesondere muss man fragen: Wie „fühlen“ wir uns als Internetbenutzer beim Wählen, diesem Ritual, das so gar nicht zur Schnelligkeit, Individuiertheit und Direktheit des Internets passen kann? In einem Zeitalter, in dem Amazon genau wissen will, was ich will, stellt der Stimmzettel eine unzeitgemäße Frage. Man redet am Wahlabend immer noch gerne von der „Botschaft“, die Wähler gesendet hätten, und so antiquiert das Bild sein mag, es beschreibt die Sache sehr gut: Ein Stimmzettel ist ein grobes Kommunikationsmedium, ob über die Distanz gerade die Botschaft ankommt, die wir intendiert haben, ist fraglich.

          Fast zwangsläufig wird ein Politiker, dem wir unser Vertrauen geschenkt haben, dieses in der einen oder anderen Hinsicht enttäuschen. Aber dank Internet folgt diese Enttäuschung sozusagen simultan. Man wird mit Aussagen und Positionen von Kandidaten überflutet, häufig mit dem Unterton, dass man sie mitzutragen oder mitzuverantworten habe. Unterstützer von Hillary Clinton wurden häufig mit Statements von ihr aus den neunziger Jahren konfrontiert: Sie sollten nicht die Positionen der Kandidatin verteidigen, sondern jede Sekunde deren Lebens.

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