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Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

  • -Aktualisiert am

Homer-Ausstellung in Basel Bild: dpa

Homers Brot war aus kilikischem Mehl, davon ist Raoul Schrott überzeugt. Der Autor antwortet auf seine Kritiker: „Meine These ist weitaus mehr als das anregende Gedankenspiel eines Dilettanten zu Homer und der Entstehung der 'Ilias'.“

          Im letzten Jahrhundert stand ich vor meinem englischen Professor, um mich seinen Kommentaren zu einer Seminararbeit zu stellen; wie bei Studenten meiner Generation üblich, bestand diese hauptsächlich aus durch Fülltext verbundenen Sekundärliteraturzitaten, ergänzt durch Fußnoten und Bibliographie. Er schmetterte sie mir auf den Tisch; was das solle. Ob ich meinte, er hätte diese Bücher vielleicht nicht gelesen? Perplex erwiderte ich, was er denn erwartet habe. Worauf er lächelte und meinte, er wisse schon, dass es bei uns eher darum gehe, die Meinung von Autoritäten wiederzukäuen, um Wissen zu demonstrieren - ihm hingegen läge daran, dass man aufgrund dessen argumentieren könne. Ob ich nicht eigenständig denken gelernt hätte?

          Meine Arbeitsweise wurde damit in Richtung Dialektik gelenkt. Die meisten der Entgegnungen halten jedoch am Gegenteil fest, kaum bereit, ungewohnte Gedankengänge nachzuvollziehen und die bestehenden Lehrmeinungen zu hinterfragen. Und obwohl diese Dogmen bislang bloß die Leerstellen unseres HomerBildes herauszuarbeiten vermochten, reagieren die lautesten Kritiker auf eine neue Lösungen eröffnende These noch dazu mit Diffamierungen. Der Dilettant, als den man mich beschimpft, geht immerhin mit unbelasteter Neugier ans Werk; der Dichter besitzt einen pragmatischen Zugang zum Sprachkunstwerk der „Ilias“; der Übersetzer verfügt über eine genaue Kenntnis des Textes; und der Komparatist blickt berufsbedingt über Fachgrenzen hinweg.

          Eine Reihe von Podiumsdiskussionen

          Statt meine Studie als „Provokation“, „geschäftstüchtigen Kniff“ oder „Hirngespinst“ aufzufassen, hätte ich es als dienlicher empfunden, in ihr eine Synthese von - zählt man es an den Fußnoten ab - über tausend fachinternen Forschungsergebnissen zu sehen, die zwischen Kilikien, der „Ilias“ und Homer eine Verbindung herstellen. Das einzig „Unwissenschaftliche“ daran ist, dass ich den Ermessensspielraum der jeweiligen Erkenntnisse affirmativ ausgeschöpft habe; zum Konnex zwischen Kilikien und der „Ilias“ gab es nun mal keine Sekundärliteratur, auf die ich mich hätte berufen können. Deshalb habe ich alle Belege in einem umfassenden Plädoyer präsentiert; die Diskussion, die jetzt in Gang gekommen ist, wird sicherlich einige Punkte von meiner Liste streichen. Was übrig bleibt, ist aber immer noch exponential umfangreicher als das, womit die Homer-Forschung bislang argumentieren konnte.

          Da sich meine Arbeit auf eine Fülle von unbeachtet gebliebenen Materialien zu einer bislang übergangenen Region stützt, war mir von Anfang an klar, dass ich bestenfalls vorsichtige Skepsis als Reaktion erhoffen konnte und mich auf Angriffe gefasst machen musste. Unerwartet und höchst erfreulich war dagegen die Breite und Intensität des Publikumsinteresses - weniger schön die ideologische Ebene, auf die sich der Diskurs sofort verlagerte, um die „Ilias“ zum Symboltext einer Auseinandersetzung zwischen Osten und Westen und der Idee Europas zu erheben. Dass meine These selbst in der gerafften Form eines Artikels (F.A.Z. vom 22. Dezember 2007) so rasch aufgegriffen wurde und bereits eine Reihe von Podiumsdiskussionen zur Folge hat, zeigt auch, dass man neben unserem kulturellen Selbstverständnis auch das Homer-Bild als überkommen und korrekturbedürftig wahrnimmt.

          Angriffe im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“

          Am meisten überrascht aber hat mich, wie leicht sich bisher den geäußerten Kritikpunkten Paroli bieten lässt. Der überwiegende Teil davon findet sich in meinem nun erschienenen Buch vorweggenommen; für die anderen kann ich hier einige exemplarische Entgegnungen skizzieren. Generell sind dabei drei Dinge auffällig. Erstens gehen die Einwände bislang nicht auf die Kernargumente meiner These ein. Zweitens übergehen sie meines Erachtens grundlegende literaturwissenschaftliche Einsichten. Und drittens sind die wenigen vorgebrachten Sacheinwände bereits in sich widersprüchlich.

          Ein Beispiel hierfür sind Joachim Latacz' Angriffe im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“. Ihr Tonfall lässt erahnen, was auf dem Spiel steht: Stimmt meine These, müssen die „Ilias“-Kommentare - bei denen die lang bekannten außergriechischen Quellen nicht berücksichtigt wurden - ja umgeschrieben werden. Die Position von Latacz dabei ist eine ideologische. Genauso, wie er propagiert, dass der Begriff „indoeuropäisch“ wieder durch „indogermanisch“ ersetzt werden soll, will er auch weiterhin in Homer den in jeder Hinsicht ersten Dichter sehen und in der Diktion der „Ilias“ den Ausdruck erhabener Adelsdichtung des achten Jahrhunderts - obwohl diese Datierung nicht mehr haltbar ist, die griechischen Provinzherrscher und Wehrbauern kaum etwas mit unseren Adelsvorstellungen gemein haben und die Griechen nie prüde waren (wie ihre Statuen, der Phalluskult oder die Pornographie von Homers Zeitgenossen Archilochos zeigen).

          Die Rosszucht blickte auf eine uralte Tradition zurück

          Ungeachtet seiner Verdienste und seiner öffentlichen Geltung als der HomerExperte schlechthin wurden jedoch bereits im letzten Streit um Troia Latacz' Auffassungen diskreditiert; viele Wissenschaftler haben sein Buch „Troia und Homer“ in Frage gestellt (ein Urteil indes, dem sich diese Zeitung keineswegs anschloss). Was geschieht, wenn Voreingenommenheit analytische Objektivität ersetzt, demonstrieren seine nunmehrigen Einwürfe. So ist etwa völlig unverständlich, weshalb sich Joachim Latacz auf Martin West beruft, um die biographischen Legenden - die Homer in der Region um Izmir ansiedeln - plötzlich dennoch für bewiesen auszugeben. Denn der englische Homer-Kenner West schreibt ausdrücklich, „dass wir nicht der Versuchung erliegen sollten, darin nach historischen Informationen über den Dichter der ,Ilias' zu suchen“. Und sogar Latacz selbst betitelt andernorts seine Ausführungen dazu mit „Die Quellenlage: nichts Authentisches“ und „Die Homer-Legende: ein Holzweg“.

          Seine Sachargumente sind ähnlich schnell zu entkräften. Der Umstand etwa, dass man im Troia des dreizehnten Jahrhunderts vermehrt Pferdeknochen gefunden hat, lässt ihn vermuten, dass Rösser die Handelsware der Troianer waren. Ganz abgesehen davon, dass in der „Ilias“ von handeltreibenden Troern keine Rede ist, müsste Latacz wissen, dass im Vertrag der Hethiter mit Aleksandu - dem epischen Alexandros - unter ihren Besitztümern bloß Rinder- und Schafherden aufgezählt werden: Weder dort noch in anderen Quellen werden die Pferdeherden erwähnt, für die die epischen Troer so berühmt sind. In Kilikien hingegen blickte die Rosszucht auf eine uralte Tradition zurück; die Assyrer, die sich von dort Rösser als Tributzahlungen holten, nannten die Ebene rund um Karatepe „Land der Pferde“; und einer der Vorbilder für den „Rossbändiger Hektor“ - Sanduarri von Sizzu - hatte seinen Herrschaftssitz in einer Stadt, deren Name sich von „Pferd“ ableitet.

          Fern jeder Formelhaftigkeit

          Die von vielen Kritikern geäußerte Auffassung, die zahllosen Divergenzen zwischen Homers Beschreibungen und den realen Gegebenheiten wären durch epische Überhöhung zu erklären, übersieht eine Eigenart Homers: seine Welthaltigkeit. Er ist ein detailbewusster Dichter, dessen Realien heute auf abertausend Seiten kommentiert werden. Das betrifft auch seine Landschaftsschilderungen: Fern jeder Formelhaftigkeit stellen sie beinahe fotografisch genau Bilder dar. In ihnen werden Wasserfälle, tosende Felskessel in Schluchten und schroffe Gipfel samt tiefen Taleinschnitten vor Augen gerückt; sie ragen vor einer weitläufigen Ebene auf, in der zwei breite Ströme für jeden Wanderer ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Das ist das Panorama einer jungen alpinen Gebirgslandschaft vor einem Schwemmland, das mit dem alten, rundum erodierten Ida und dem trockenen Plateau der Troas - das im Süden in eine veritable Mondlandschaft übergeht - nichts gemein hat.

          Das Klima der letzten drei Jahrtausende hat sich nicht so verschoben, dass diese Unstimmigkeiten damit zu erklären wären: Es ist vielmehr der Vergleichscharakter von Homers Bildern, der dem kleinräumig Lokalen vor Troia widerspricht. Homer arbeitet sie ja in sein Epos ein, um seinen Zuhörern die Identifikation mit seinem Umfeld anbieten zu können: dort und damals das einzigartige heroische Geschehen, hier und jetzt die heutige profane Realität. Damit das gelingt, müssen diese Gleichnisse typisch und unmittelbar einsichtig sein. Auf die kleine Ebene vor Troia bezogen, hieße dies, dass Homer sein Monumentalwerk für die paar dort lebenden Bauern und Hirten geschrieben hätte - was den Aufwand abstrus erscheinen ließe. Betrachtet man den türkischen Küstenstrich, werden die topographischen Einzelheiten erst vor dem Taurusgebirge im kilikischen Tiefland stimmig; und nur dort fand sich jenes breite Publikum zusammen von Danaern, Achaiern und Argeiern, auf die sich das Epos bezieht: nirgendwo und nirgendwann sonst.

          Standardisierte „Floskeln“ des „Gilgamesh“

          In Karatepe das Vorbild für Troia zu sehen hat dabei mit naiver Werkauslegung nichts zu tun: Erst unlängst zeigte eine Ausstellung, dass jedwedes Erzählen generell von einer Kartierung des Raumes abhängig ist. Für unser großflächiges Epos, dessen Episoden immer wieder um Troia zentriert werden, ist dies umso zwingender: Um die Schlachtverläufe zu schildern, brauchte Homer mindestens eine klare Vorstellung seiner Stadt und ihres Geländes. Er gehört auch hier zu den Autoren, die sich am Faktischen orientieren; das im Text funktionslose dardanische Tor verrät beispielsweise, wie detailliert sein Lageplan war - der sich in allem mit dem Grundriss von Karatepe deckt.

          Literaturwissenschaftlich lässt sich auch anderen Einwänden begegnen. So legt Gyburg Radke im Berliner „Tagesspiegel“ selbst den Finger auf eine Schwachstelle gräzistischer Poetologie, die die „Ilias“ als geschlossen konzipierten Text definiert, Homer aber weiterhin als extemporierenden Sänger imaginiert, der einen mündlich überlieferten Stoff präsentiert - ohne sich des doppelten Paradoxons dabei bewusst zu sein. Zum einen beruht die Auffassung der „Ilias“ als „Oral Poetry“ einzig auf der Parry-Lord- These, welche aufgrund der Formelhaftigkeit der homerischen Sprache eine vorgeblich uralte Tradition ableiten zu können glaubte.

          Dagegen spricht, dass auch jedwede schriftgebundene Diktion - so sie auf einem strengen Metrum beruht - zu in sich geschlossenen Satzbausteinen führt: Das zeigt sich an den standardisierten „Floskeln“ des „Gilgamesh“ als Quelle der „Ilias“ ebenso wie bei unserem Minnesang (der seine Formeln von den ebenfalls schreibenden Trobadors übernahm). Zum anderen widerlegt gerade der überall erkennbare Textcharakter der „Ilias“ alle Vorstellungen von Stegreifdichtung - umso mehr als selbst Lord orale und schriftliche Kompositionstechniken für einander ausschließend erklärte.

          Unleugbares poetisches Genie

          Das bedeutet keineswegs, dass die „Ilias“ dann nicht auch gesungen vorgetragen werden konnte - genauso wenig wie die Vielzahl ihrer Quellen am Rang Homers als großer Dichter etwas ändert, wie Gyburg Radke befürchtet. Jedes große Werk der Weltliteratur basiert auf einer solchen Art von weiterentwickelndem „geistigem Diebstahl“; als Prinzip gilt dies gerade in der Antike, wo der Gilgamesh bei den Hethitern oder in der biblischen Sintflutgeschichte völlig eigenständige Ausformungen erhielt. Deshalb erscheint es auch als undenkbar - wie Walter Burkert (F.A.Z. vom 17. Januar) meint -, dass die Phönizier (von denen zudem keine literarische Zeile erhalten ist) eine originalgetreue Übersetzung all der homerischen Quellen nach Griechenland gebracht haben könnten.

          Sie hätten davon ebenfalls wieder neue Fassungen erstellt - die dann die unzähligen Anspielungen der „Ilias“ auf die Urtexte nicht mehr erklären könnten. Diese Übernahmen werden erst durch einen griechischen Schreiber in einer assyrischen Schule plausibel, dem die Texte vorlagen. Dieses Profil nimmt - wie Manfred Lossau glaubt (F.A.Z. vom 12. März) - Homers unleugbarem poetischen Genie nichts weg. Die Assyrer waren die zivilisatorische Großmacht dieser Epoche, ihre Schreiber auf allen Gebieten versierte Intellektuelle - und wenn Homer durch sie Zugang zu allem Wissen erhielt, ist das auch nicht anders als beim Ministerialen Hartmann von Aue, der sein Latein in einer Domschule erwarb und am französischen Hof auf Chrétien de Troyes' Werke stieß.

          Zeitgenössische, politische und literarische Anspielungsmöglichkeit

          Barbara Patzeks Einwände (F.A.Z. vom 3. Januar) lassen sich gleichfalls literaturwissenschaftlich beantworten. Wo sie in der „Ilias“ nirgendwo die Ecken und Kanten des kompilierenden Schreibers findet, führten jedoch gerade die vielen Unstimmigkeiten darin zum geflügelten Wort des wieder mal „eingenickten Homer“. Brüche, die spezifisch aus seiner Übernahme von Fremdquellen beruhen, gibt es zuhauf. Dazu zählt etwa Agamemnons siegverheißender Traum, der seine pessimistische Prüfung der Kampfmoral seines Heeres ganz und gar unnötig macht (dieser interne Widerspruch rührt daher, dass Homer damit zwei in der Bibel wiederfindbare Topoi aufgreift).

          Dass Patzek diesem Werk überdies jedwede zeitgenössische, politische und literarische Anspielungsmöglichkeit absprechen möchte, demonstriert, wie sehr die Forschung es gewohnt ist, die „Ilias“ als anachronistischen Text aufzufassen. Die Literatur kann jedoch immer nur in dem Maß gesellschaftliche Relevanz beanspruchen, wie sie auch auf ihre Gegenwart Bezug nimmt. Das zeigt sich bei Hesiod oder Archilochos so deutlich wie bei Euripides, der in seinen „Bakchen“ das zu seiner Zeit in Athen zum Störfaktor gewordene Sektenwesen aus dem Osten thematisiert, indem er es auf das mythische Theben projiziert. Das Erzählen als reines Divertimento aufzufassen widerspricht dem ehemaligen sozialen Stellenwert der Dichtung - nicht nur in der Antike. Auch die deutsche Heldenepik verlieh ihren jahrhundertealten Stoffen ein modernes christlich-höfisches Gepräge: wobei etwa Veldekes Eneas-Roman auf die Schwertleite von Barbarossas Söhnen und das Mainzer Hoffest von 1184 anspielt.

          Gottfrieds Cornwall ist voll deutscher Lindenwälder

          In diesem Sinne stellt meine Studie keinen „historischen Roman“ dar; sie gibt vielmehr dem „Ilias“-Roman erstmals seine Historizität wieder - indem sie jene Stellen herausarbeitet, in denen Homer dem alten massiven Troia-Corpus zeitgenössische Akzente verlieh. Dies als „Verschlüsselungstechnik“ aufzufassen trifft die Sache nicht: Für Homers Publikum war der darin erkennbare Zeithorizont samt ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeit so präsent wie offensichtlich.

          Als erhellendes Paradigma hiefür kann wieder unsere höfische Epik herhalten. Wüsste man nicht, wer unseren „Tristan“ geschrieben hat, man hielte ihn der Schauplätze wegen - Cornwall und Irland - für eine alte keltische Überlieferung. Und so wie man beim „Tristan“ weiß, dass er eine französische Vorlage aufgriff, hat auch Homer eine solche in den „Kypria“ gefunden. Würde man die Heimat des Autors unseres „Tristan“ aber erst heute entdeckt haben, stieße man auf ebenso ungläubige Skepsis wie bei unserem kilikischen Homer: Was soll ein Gottfried von Straßburg denn mit diesem Stoff zu schaffen haben? Wo seine Geschichte doch ganz woanders spielt? Doch so wie Homer sein Umfeld in der „Ilias“ abbildete, hat dann auch Gottfried das seine im Tristan untergebracht: Sein Cornwall ist voll deutscher Lindenwälder, und seine Liebesgrotte liegt in einem alpinen Gebirge voller Marmor und Bergkristall. Nichts davon gibt es dort - wobei Gottfried auch offen bekennt, nie dort gewesen zu sein. Das trifft wohl auch für Homer und sein Troia zu.

          Mehr als nur ein anregendes Gedankenspiel

          Dass Walter Burkert („Warum nicht Karatepe?“), Christoph Ulf und Robert Rollinger (in der „Welt“) bereit sind, meine These aufzugreifen und weiterzudenken, freut mich natürlich. Ihre geäußerte Kritik an Kling-Klang-Etymologien mag stellenweise berechtigt sein; der Kern des Problems liegt meines Erachtens jedoch woanders. Wenn hinter den griechischen Namen der „Ilias“ kilikische Orte oder Figuren erkennbar werden, handelt es sich wohl nicht um einen historisch gewachsenen Lautwandel, sondern um mehr oder minder willkürliche Gräzisierungen. Was die griechischen Siedler in Kilikien taten, ist am ehesten vergleichbar mit der Italienisierung der Ortsnamen in Südtirol - wobei noch die Frage hinzukommt, inwieweit Homer selbst diese Namen fiktionalisiert hat. Als Argument brauchbar sind diese Entsprechungen erst durch ihre Kontexte, in denen sich eine ganze Reihe von Orten geschlossen auf Kilikien übertragen lassen und die historischen Personen deutliche Parallelen zum Epos zeigen.

          Dass die kilikische These mehr als nur ein anregendes Gedankenspiel, sondern beweiskräftig ist, haben wir dabei allein Homers dokumentarischem Anspruch zu verdanken. Er hat seine Projektion Kilikiens in den alten Stoff eindeutig durch ein bis heute stets verdrängtes Detail ausgewiesen. Gemeint ist jenes „kilikische Thebe“, das Homer in die mythische Troas verschiebt, um es dort - als zweiten Fokus seiner Geschichte - zur Nachbarstadt Ilios werden zu lassen.

          Klare Raum- und Zeitmarkierung

          Damit haben wir es mit einer klaren Raum- und Zeitmarkierung zu tun: denn der Begriff kilikisch leitet sich von einer assyrischen Bezeichnung für die Region - Hilakku - ab und ist als griechisches Toponym erst im siebten Jahrhundert denkbar. Mit dem in der Nähe von Karatepe gelegenen Kastabala identifizierbar, wird dann auch klar, weshalb die Zitadelle von Karatepe mit ihrer Architektur und Umgebung, ihren Reliefs und Inschriften zum Modell Troias werden konnte. Und warum sich die Pylener, Aitoler, Epeier und Kureten, ja selbst Achilleus' Herrschaftsgebiete rund um Kilikien situieren lassen. Dort überschneiden sich nicht nur die Kulturkreise der Quellen der „Ilias“; neben einer Vielzahl von kilikischen Realien spiegelt sie auch die unmittelbare diese Region betreffende Zeitgeschichte wider: von der Belagerung Jerusalems 701 bis zur Niederschlagung der letzten kilikischen Revolte 676. Wobei all dies auch noch mit der unabhängig davon entstandenen Datierung der „Ilias“ um 660 übereingeht.

          Obwohl diese Argumentationsebenen schlüssig ineinander aufgehen, wurden sie in allen vorliegenden Stellungnahmen ignoriert - ein langsames Hinarbeiten darauf machen erst die bisherigen, erfreulich spannenden Podiumsdiskussionen möglich (F.A.Z. vom 28. Februar). Um sie dann gründlich auf ihre Hieb- und Stichfestigkeit zu überprüfen, wird dank Christoph Ulf und Robert Rollinger diesen Herbst in Frankfurt ein Kolloquium mit Assyrologen, Hethitologen und Gräzisten anberaumt.

          Auch das ist mehr, als ich erwartet habe - und niemand blickt diesen Überprüfungen gespannter entgegen als ich. Die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsamer und feinkörniger, als meine Studie dies hätte tun können. Die Spreu vom Weizen aber einmal getrennt, wette ich, dass Homers Brot damals aus kilikischem Mehl gebacken worden ist.

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