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Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

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Dass die kilikische These mehr als nur ein anregendes Gedankenspiel, sondern beweiskräftig ist, haben wir dabei allein Homers dokumentarischem Anspruch zu verdanken. Er hat seine Projektion Kilikiens in den alten Stoff eindeutig durch ein bis heute stets verdrängtes Detail ausgewiesen. Gemeint ist jenes „kilikische Thebe“, das Homer in die mythische Troas verschiebt, um es dort - als zweiten Fokus seiner Geschichte - zur Nachbarstadt Ilios werden zu lassen.

Klare Raum- und Zeitmarkierung

Damit haben wir es mit einer klaren Raum- und Zeitmarkierung zu tun: denn der Begriff kilikisch leitet sich von einer assyrischen Bezeichnung für die Region - Hilakku - ab und ist als griechisches Toponym erst im siebten Jahrhundert denkbar. Mit dem in der Nähe von Karatepe gelegenen Kastabala identifizierbar, wird dann auch klar, weshalb die Zitadelle von Karatepe mit ihrer Architektur und Umgebung, ihren Reliefs und Inschriften zum Modell Troias werden konnte. Und warum sich die Pylener, Aitoler, Epeier und Kureten, ja selbst Achilleus' Herrschaftsgebiete rund um Kilikien situieren lassen. Dort überschneiden sich nicht nur die Kulturkreise der Quellen der „Ilias“; neben einer Vielzahl von kilikischen Realien spiegelt sie auch die unmittelbare diese Region betreffende Zeitgeschichte wider: von der Belagerung Jerusalems 701 bis zur Niederschlagung der letzten kilikischen Revolte 676. Wobei all dies auch noch mit der unabhängig davon entstandenen Datierung der „Ilias“ um 660 übereingeht.

Obwohl diese Argumentationsebenen schlüssig ineinander aufgehen, wurden sie in allen vorliegenden Stellungnahmen ignoriert - ein langsames Hinarbeiten darauf machen erst die bisherigen, erfreulich spannenden Podiumsdiskussionen möglich (F.A.Z. vom 28. Februar). Um sie dann gründlich auf ihre Hieb- und Stichfestigkeit zu überprüfen, wird dank Christoph Ulf und Robert Rollinger diesen Herbst in Frankfurt ein Kolloquium mit Assyrologen, Hethitologen und Gräzisten anberaumt.

Auch das ist mehr, als ich erwartet habe - und niemand blickt diesen Überprüfungen gespannter entgegen als ich. Die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsamer und feinkörniger, als meine Studie dies hätte tun können. Die Spreu vom Weizen aber einmal getrennt, wette ich, dass Homers Brot damals aus kilikischem Mehl gebacken worden ist.

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