https://www.faz.net/-gqz-whnz

Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

  • -Aktualisiert am

Dass Patzek diesem Werk überdies jedwede zeitgenössische, politische und literarische Anspielungsmöglichkeit absprechen möchte, demonstriert, wie sehr die Forschung es gewohnt ist, die „Ilias“ als anachronistischen Text aufzufassen. Die Literatur kann jedoch immer nur in dem Maß gesellschaftliche Relevanz beanspruchen, wie sie auch auf ihre Gegenwart Bezug nimmt. Das zeigt sich bei Hesiod oder Archilochos so deutlich wie bei Euripides, der in seinen „Bakchen“ das zu seiner Zeit in Athen zum Störfaktor gewordene Sektenwesen aus dem Osten thematisiert, indem er es auf das mythische Theben projiziert. Das Erzählen als reines Divertimento aufzufassen widerspricht dem ehemaligen sozialen Stellenwert der Dichtung - nicht nur in der Antike. Auch die deutsche Heldenepik verlieh ihren jahrhundertealten Stoffen ein modernes christlich-höfisches Gepräge: wobei etwa Veldekes Eneas-Roman auf die Schwertleite von Barbarossas Söhnen und das Mainzer Hoffest von 1184 anspielt.

Gottfrieds Cornwall ist voll deutscher Lindenwälder

In diesem Sinne stellt meine Studie keinen „historischen Roman“ dar; sie gibt vielmehr dem „Ilias“-Roman erstmals seine Historizität wieder - indem sie jene Stellen herausarbeitet, in denen Homer dem alten massiven Troia-Corpus zeitgenössische Akzente verlieh. Dies als „Verschlüsselungstechnik“ aufzufassen trifft die Sache nicht: Für Homers Publikum war der darin erkennbare Zeithorizont samt ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeit so präsent wie offensichtlich.

Als erhellendes Paradigma hiefür kann wieder unsere höfische Epik herhalten. Wüsste man nicht, wer unseren „Tristan“ geschrieben hat, man hielte ihn der Schauplätze wegen - Cornwall und Irland - für eine alte keltische Überlieferung. Und so wie man beim „Tristan“ weiß, dass er eine französische Vorlage aufgriff, hat auch Homer eine solche in den „Kypria“ gefunden. Würde man die Heimat des Autors unseres „Tristan“ aber erst heute entdeckt haben, stieße man auf ebenso ungläubige Skepsis wie bei unserem kilikischen Homer: Was soll ein Gottfried von Straßburg denn mit diesem Stoff zu schaffen haben? Wo seine Geschichte doch ganz woanders spielt? Doch so wie Homer sein Umfeld in der „Ilias“ abbildete, hat dann auch Gottfried das seine im Tristan untergebracht: Sein Cornwall ist voll deutscher Lindenwälder, und seine Liebesgrotte liegt in einem alpinen Gebirge voller Marmor und Bergkristall. Nichts davon gibt es dort - wobei Gottfried auch offen bekennt, nie dort gewesen zu sein. Das trifft wohl auch für Homer und sein Troia zu.

Mehr als nur ein anregendes Gedankenspiel

Dass Walter Burkert („Warum nicht Karatepe?“), Christoph Ulf und Robert Rollinger (in der „Welt“) bereit sind, meine These aufzugreifen und weiterzudenken, freut mich natürlich. Ihre geäußerte Kritik an Kling-Klang-Etymologien mag stellenweise berechtigt sein; der Kern des Problems liegt meines Erachtens jedoch woanders. Wenn hinter den griechischen Namen der „Ilias“ kilikische Orte oder Figuren erkennbar werden, handelt es sich wohl nicht um einen historisch gewachsenen Lautwandel, sondern um mehr oder minder willkürliche Gräzisierungen. Was die griechischen Siedler in Kilikien taten, ist am ehesten vergleichbar mit der Italienisierung der Ortsnamen in Südtirol - wobei noch die Frage hinzukommt, inwieweit Homer selbst diese Namen fiktionalisiert hat. Als Argument brauchbar sind diese Entsprechungen erst durch ihre Kontexte, in denen sich eine ganze Reihe von Orten geschlossen auf Kilikien übertragen lassen und die historischen Personen deutliche Parallelen zum Epos zeigen.

Weitere Themen

Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

Zwei Appelle : Was in Hongkong passiert, sollte Europa beunruhigen

Die Demonstrationen und Aufrufe zum Massenstreik in Hongkong gehen weiter. Die Spaltung der Gesellschaft nimmt ihren Lauf. Zwei Autoren aus Hongkong formulieren ihre Forderungen an China und die EU.

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Demonstranten in Cottbus im Mai 2018

Sicherheitsbehörden und AfD : Ist Frust die Ursache?

Es gilt, alle rechtsstaatlichen Mittel anzuwenden, um Reichsbürger aus dem Sicherheitsapparat auszuschließen. Es hilft aber nicht, allen Mitgliedern der Sicherheitsbehörden pauschal ein blindes rechtes Auge zu unterstellen. Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.