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Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

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Dagegen spricht, dass auch jedwede schriftgebundene Diktion - so sie auf einem strengen Metrum beruht - zu in sich geschlossenen Satzbausteinen führt: Das zeigt sich an den standardisierten „Floskeln“ des „Gilgamesh“ als Quelle der „Ilias“ ebenso wie bei unserem Minnesang (der seine Formeln von den ebenfalls schreibenden Trobadors übernahm). Zum anderen widerlegt gerade der überall erkennbare Textcharakter der „Ilias“ alle Vorstellungen von Stegreifdichtung - umso mehr als selbst Lord orale und schriftliche Kompositionstechniken für einander ausschließend erklärte.

Unleugbares poetisches Genie

Das bedeutet keineswegs, dass die „Ilias“ dann nicht auch gesungen vorgetragen werden konnte - genauso wenig wie die Vielzahl ihrer Quellen am Rang Homers als großer Dichter etwas ändert, wie Gyburg Radke befürchtet. Jedes große Werk der Weltliteratur basiert auf einer solchen Art von weiterentwickelndem „geistigem Diebstahl“; als Prinzip gilt dies gerade in der Antike, wo der Gilgamesh bei den Hethitern oder in der biblischen Sintflutgeschichte völlig eigenständige Ausformungen erhielt. Deshalb erscheint es auch als undenkbar - wie Walter Burkert (F.A.Z. vom 17. Januar) meint -, dass die Phönizier (von denen zudem keine literarische Zeile erhalten ist) eine originalgetreue Übersetzung all der homerischen Quellen nach Griechenland gebracht haben könnten.

Sie hätten davon ebenfalls wieder neue Fassungen erstellt - die dann die unzähligen Anspielungen der „Ilias“ auf die Urtexte nicht mehr erklären könnten. Diese Übernahmen werden erst durch einen griechischen Schreiber in einer assyrischen Schule plausibel, dem die Texte vorlagen. Dieses Profil nimmt - wie Manfred Lossau glaubt (F.A.Z. vom 12. März) - Homers unleugbarem poetischen Genie nichts weg. Die Assyrer waren die zivilisatorische Großmacht dieser Epoche, ihre Schreiber auf allen Gebieten versierte Intellektuelle - und wenn Homer durch sie Zugang zu allem Wissen erhielt, ist das auch nicht anders als beim Ministerialen Hartmann von Aue, der sein Latein in einer Domschule erwarb und am französischen Hof auf Chrétien de Troyes' Werke stieß.

Zeitgenössische, politische und literarische Anspielungsmöglichkeit

Barbara Patzeks Einwände (F.A.Z. vom 3. Januar) lassen sich gleichfalls literaturwissenschaftlich beantworten. Wo sie in der „Ilias“ nirgendwo die Ecken und Kanten des kompilierenden Schreibers findet, führten jedoch gerade die vielen Unstimmigkeiten darin zum geflügelten Wort des wieder mal „eingenickten Homer“. Brüche, die spezifisch aus seiner Übernahme von Fremdquellen beruhen, gibt es zuhauf. Dazu zählt etwa Agamemnons siegverheißender Traum, der seine pessimistische Prüfung der Kampfmoral seines Heeres ganz und gar unnötig macht (dieser interne Widerspruch rührt daher, dass Homer damit zwei in der Bibel wiederfindbare Topoi aufgreift).

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