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Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

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Fern jeder Formelhaftigkeit

Die von vielen Kritikern geäußerte Auffassung, die zahllosen Divergenzen zwischen Homers Beschreibungen und den realen Gegebenheiten wären durch epische Überhöhung zu erklären, übersieht eine Eigenart Homers: seine Welthaltigkeit. Er ist ein detailbewusster Dichter, dessen Realien heute auf abertausend Seiten kommentiert werden. Das betrifft auch seine Landschaftsschilderungen: Fern jeder Formelhaftigkeit stellen sie beinahe fotografisch genau Bilder dar. In ihnen werden Wasserfälle, tosende Felskessel in Schluchten und schroffe Gipfel samt tiefen Taleinschnitten vor Augen gerückt; sie ragen vor einer weitläufigen Ebene auf, in der zwei breite Ströme für jeden Wanderer ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Das ist das Panorama einer jungen alpinen Gebirgslandschaft vor einem Schwemmland, das mit dem alten, rundum erodierten Ida und dem trockenen Plateau der Troas - das im Süden in eine veritable Mondlandschaft übergeht - nichts gemein hat.

Das Klima der letzten drei Jahrtausende hat sich nicht so verschoben, dass diese Unstimmigkeiten damit zu erklären wären: Es ist vielmehr der Vergleichscharakter von Homers Bildern, der dem kleinräumig Lokalen vor Troia widerspricht. Homer arbeitet sie ja in sein Epos ein, um seinen Zuhörern die Identifikation mit seinem Umfeld anbieten zu können: dort und damals das einzigartige heroische Geschehen, hier und jetzt die heutige profane Realität. Damit das gelingt, müssen diese Gleichnisse typisch und unmittelbar einsichtig sein. Auf die kleine Ebene vor Troia bezogen, hieße dies, dass Homer sein Monumentalwerk für die paar dort lebenden Bauern und Hirten geschrieben hätte - was den Aufwand abstrus erscheinen ließe. Betrachtet man den türkischen Küstenstrich, werden die topographischen Einzelheiten erst vor dem Taurusgebirge im kilikischen Tiefland stimmig; und nur dort fand sich jenes breite Publikum zusammen von Danaern, Achaiern und Argeiern, auf die sich das Epos bezieht: nirgendwo und nirgendwann sonst.

Standardisierte „Floskeln“ des „Gilgamesh“

In Karatepe das Vorbild für Troia zu sehen hat dabei mit naiver Werkauslegung nichts zu tun: Erst unlängst zeigte eine Ausstellung, dass jedwedes Erzählen generell von einer Kartierung des Raumes abhängig ist. Für unser großflächiges Epos, dessen Episoden immer wieder um Troia zentriert werden, ist dies umso zwingender: Um die Schlachtverläufe zu schildern, brauchte Homer mindestens eine klare Vorstellung seiner Stadt und ihres Geländes. Er gehört auch hier zu den Autoren, die sich am Faktischen orientieren; das im Text funktionslose dardanische Tor verrät beispielsweise, wie detailliert sein Lageplan war - der sich in allem mit dem Grundriss von Karatepe deckt.

Literaturwissenschaftlich lässt sich auch anderen Einwänden begegnen. So legt Gyburg Radke im Berliner „Tagesspiegel“ selbst den Finger auf eine Schwachstelle gräzistischer Poetologie, die die „Ilias“ als geschlossen konzipierten Text definiert, Homer aber weiterhin als extemporierenden Sänger imaginiert, der einen mündlich überlieferten Stoff präsentiert - ohne sich des doppelten Paradoxons dabei bewusst zu sein. Zum einen beruht die Auffassung der „Ilias“ als „Oral Poetry“ einzig auf der Parry-Lord- These, welche aufgrund der Formelhaftigkeit der homerischen Sprache eine vorgeblich uralte Tradition ableiten zu können glaubte.

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