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Die Entstehung der „Ilias“ : Es geschah in Kilikien

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Angriffe im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“

Am meisten überrascht aber hat mich, wie leicht sich bisher den geäußerten Kritikpunkten Paroli bieten lässt. Der überwiegende Teil davon findet sich in meinem nun erschienenen Buch vorweggenommen; für die anderen kann ich hier einige exemplarische Entgegnungen skizzieren. Generell sind dabei drei Dinge auffällig. Erstens gehen die Einwände bislang nicht auf die Kernargumente meiner These ein. Zweitens übergehen sie meines Erachtens grundlegende literaturwissenschaftliche Einsichten. Und drittens sind die wenigen vorgebrachten Sacheinwände bereits in sich widersprüchlich.

Ein Beispiel hierfür sind Joachim Latacz' Angriffe im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“. Ihr Tonfall lässt erahnen, was auf dem Spiel steht: Stimmt meine These, müssen die „Ilias“-Kommentare - bei denen die lang bekannten außergriechischen Quellen nicht berücksichtigt wurden - ja umgeschrieben werden. Die Position von Latacz dabei ist eine ideologische. Genauso, wie er propagiert, dass der Begriff „indoeuropäisch“ wieder durch „indogermanisch“ ersetzt werden soll, will er auch weiterhin in Homer den in jeder Hinsicht ersten Dichter sehen und in der Diktion der „Ilias“ den Ausdruck erhabener Adelsdichtung des achten Jahrhunderts - obwohl diese Datierung nicht mehr haltbar ist, die griechischen Provinzherrscher und Wehrbauern kaum etwas mit unseren Adelsvorstellungen gemein haben und die Griechen nie prüde waren (wie ihre Statuen, der Phalluskult oder die Pornographie von Homers Zeitgenossen Archilochos zeigen).

Die Rosszucht blickte auf eine uralte Tradition zurück

Ungeachtet seiner Verdienste und seiner öffentlichen Geltung als der HomerExperte schlechthin wurden jedoch bereits im letzten Streit um Troia Latacz' Auffassungen diskreditiert; viele Wissenschaftler haben sein Buch „Troia und Homer“ in Frage gestellt (ein Urteil indes, dem sich diese Zeitung keineswegs anschloss). Was geschieht, wenn Voreingenommenheit analytische Objektivität ersetzt, demonstrieren seine nunmehrigen Einwürfe. So ist etwa völlig unverständlich, weshalb sich Joachim Latacz auf Martin West beruft, um die biographischen Legenden - die Homer in der Region um Izmir ansiedeln - plötzlich dennoch für bewiesen auszugeben. Denn der englische Homer-Kenner West schreibt ausdrücklich, „dass wir nicht der Versuchung erliegen sollten, darin nach historischen Informationen über den Dichter der ,Ilias' zu suchen“. Und sogar Latacz selbst betitelt andernorts seine Ausführungen dazu mit „Die Quellenlage: nichts Authentisches“ und „Die Homer-Legende: ein Holzweg“.

Seine Sachargumente sind ähnlich schnell zu entkräften. Der Umstand etwa, dass man im Troia des dreizehnten Jahrhunderts vermehrt Pferdeknochen gefunden hat, lässt ihn vermuten, dass Rösser die Handelsware der Troianer waren. Ganz abgesehen davon, dass in der „Ilias“ von handeltreibenden Troern keine Rede ist, müsste Latacz wissen, dass im Vertrag der Hethiter mit Aleksandu - dem epischen Alexandros - unter ihren Besitztümern bloß Rinder- und Schafherden aufgezählt werden: Weder dort noch in anderen Quellen werden die Pferdeherden erwähnt, für die die epischen Troer so berühmt sind. In Kilikien hingegen blickte die Rosszucht auf eine uralte Tradition zurück; die Assyrer, die sich von dort Rösser als Tributzahlungen holten, nannten die Ebene rund um Karatepe „Land der Pferde“; und einer der Vorbilder für den „Rossbändiger Hektor“ - Sanduarri von Sizzu - hatte seinen Herrschaftssitz in einer Stadt, deren Name sich von „Pferd“ ableitet.

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