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Englands Presse zum Brexit : Drum lese, wer sich ewig an Europa bindet

  • -Aktualisiert am

Die britische Demokratie ist für ihre besonders scharfe Presse bekannt. In der Brexit-Frage sind die Medien gespalten wie das Land. Bild: AFP

Was sollen die Briten tun? Zeitungen im Vereinigten Königreich wissen es genau: Die einen wollen unbedingt raus aus der EU, die anderen bleiben. Die Presse ist gespalten wie das Land.

          Der fast zum geflügelten Wort gewordene Spruch einer britischen Tierschutzstiftung, „Ein Hund ist fürs Leben, nicht bloß für Weihnachten“, dessen Prägung übrigens fast so weit zurückliegt wie das Europa-Referendum von 1975, ließe sich jetzt auf die historische Entscheidung abwandeln, Europa Ja oder Nein. Parlamentswahlen wiederholen sich zwar nicht so regelmäßig wie das Christfest, aber Wähler wissen, dass sie alle paar Jahre die Gelegenheit haben, „die Schurken rauszuschmeißen“, wie die „Sunday Times“ es dieser Tage formulierte. Keine demokratische Regierung währt ewig. Ein Brexit jedoch wäre „fürs Leben“ oder zumindest für eine nicht absehbare Zeit. Das Wissen darum spiegelt sich in der Heftigkeit der Debatte über die Entscheidung Sie findet naturgemäß in der Berichterstattung Niederschlag. Die Druckmedien gerieren sich allerdings auch als Akteure des nationalen Dramas, das der „Sunday Telegraph“ zurecht einen „Schlüsselmoment in der Geschichte dieses Landes“ nannte.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die meisten Blätter haben sich von Anfang an positioniert, aber erst in der letzten Woche, manche sogar erst am Dienstag, zwei Tage vor dem Stichtag, offen Stellung bezogen. Der patriotisch kalauernde Aufruf der „Sun“, an Großbritannien zu glauben und die EU zu verlassen, „BeLeave in Britain“, kam ebenso wenig überraschend, wie die Brexit-Appelle des „Daily Express“ und der „Daily Mail“ sowie die Empfehlungen der „Financial Times“ und des „Guardian“ für den Verbleib unerwartet waren. Der „Express“, dessen Auflage auf 430 000 geschrumpft ist, gehört seit dem Jahr 2000 dem ehemaligen Pornoverleger Richard Desmond. Er unterstützt die rechtspopulistische Partei United Kingdom Independence Party (Ukip), deren Name für sich spricht. Der Erfolg ihrer euroskeptischen Linie war eine der Haupttriebfedern für Camerons fatale Entscheidung, die Bürger über die Zugehörigkeit zur EU abstimmen zu lassen. Desmond hat der Partei mehr als 1,3 Millionen Pfund gespendet.

          Reißerische Titelgeschichten jeden Tag

          Tag für Tag wettert sein „Express“ mit reißerischen Titelgeschichten gegen die EU-Mitgliedschaft. Diese Haltung hat Tradition. In den sechziger Jahren, als die Auflage noch bei rund vier Millionen lag, war der „Daily Express“ beinahe die einzige Zeitung, die sich mit aller Entschiedenheit dem britischen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft widersetzte. Im Oktober 2013 erregte das Blatt Anstoß mit dem Aufruf zu einem Kreuzzug gegen die „neue Flut von rumänischen und bulgarischen Migranten“. Auch jetzt setzt der „Express“ auf das Zuwanderungsargument. Die Empörung vor drei Jahren hält die Zeitung nicht davon ab, in der Debatte über das Referendum unablässig belastete Begriffe wie „Schleusentore“ und „Kreuzzug“ zu verwenden. Auf der Titelseite wirbt der „Express“ mit dem emblematischen Bild eines Kreuzritters neben der Parole: „Holt uns aus der EU heraus“, für den Brexit.

          Das ist eine Variante. Welche werden die Briten nehmen?

          Auch die „Daily Mail“, die sich als Stimme „Mittelenglands“ versteht, womit die konservative und untere Mittelschicht gemeint ist, legt den Schwerpunkt auf die Ausländerfrage. „Camerons Migrationsbetrug“, entrüstete das Blatt sich am Dienstag. Der Premierminister habe schon vor vier Jahren erfahren, dass sein Ziel, die Zuwanderung auf einige Zehntausende zu begrenzen, unerreichbar sei, berichtete die „Daily Mail“ unter Berufung auf seinen ehemaligen Strategen Steve Hilton. Der plauderte auf den inneren Seiten nicht zum ersten Mal aus dem Nähkästchen, um das Brexit-Argument zu stärken. Anstand und Toleranz der Briten würden aufs Spiel gesetzt, behauptet Hilton. Die insulare Herrscherklasse verteufele den Zorn der Bevölkerung, den sie doch selbst schüre: indem sie das Bedürfnis der Menschen nach Kontrolle über die Dinge, die ihnen wichtig sind, missachte. Die völlig angemessene Erwartung, dass eine gewählte Regierung die Macht haben sollte, ihre Versprechen einzuhalten, täten die Regierenden einfach ab. „Unerfüllbare Versprechen. Ein unregierbares Land. Ein politisches Establishment, dem nicht vertraut werden kann.“ Das seien die Zustände, zu denen die EU beigetragen habe. Hiltons Gastbeitrag ist von den redaktionellen Texten nicht zu unterscheiden. Dass die „Daily Mail“ am Tag nach dem Anschlag von Orlando titelte: „Zorn über Verschwörung, 1,5 Millionen Türken nach Großbritannien zu lassen“, statt wie alle anderen Zeitungen mit dem Attentat aufzumachen, verrät, wo die Prioritäten liegen.

          Bezeichnend ist allerdings, dass die „Mail on Sunday“ so vehement für den Verbleib in der EU plädiert wie ihre Schwesterzeitung für den Austritt. Die Sympathien des Verlegers, Lord Rothermere, liegen dem Vernehmen nach beim „Remain“-Lager. Er gehört jedoch nicht zu den Zeitungsbesitzern, die sich in die Arbeit der Redaktion einmischen und dürfte zudem wissen, was er an Paul Dacre, dem überaus erfolgreichen Chefredakteur der „Daily Mail“ hat. Dacres Verhältnis zu Geordie Greig, dem Chefredakteur der Sonntagszeitung, soll allerdings gespannt sein. Die unterschiedlichen Positionen der beiden Titel soll nicht zuletzt Ausdruck eines persönlichen Wettstreits sein. Greig war Literaturchef der „Sunday Times“ und Chefredakteur des Hochglanzmagazins „Tatler“, er ist bestens vernetzt in literarischen Kreisen, die Dacre meidet und konnte dem Schriftsteller Ian McEwan ein Plädoyer für den EU-Verbleib entlocken.

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          Während die Tages- und Sonntagszeitung der „Telegraph“-Gruppe mit einer Stimme für den Austritt aus der Europäischen Union sprechen, sind die Murdoch-Blätter gespalten. In der Vergangenheit hat sich Rupert Murdoch als entschiedener Kritiker der EU hervorgetan. Auf die Frage, weshalb dies so sei, soll er erklärt haben: „Wenn ich in die Downing Street gehe, machen die, was ich sage. Wenn ich nach Brüssel gehe, beachten sie mich nicht.“ Als der Justizminister Michael Gove sich im Februar offen auf die Brexit-Seite schlug, tweete Murdoch seine Gratulation. Seit seiner Heirat mit Jerry Hall herrscht jedoch Schweigen auf seinem Twitter-Konto. Zyniker meinen, dass Murdoch sich nach allen Seiten absichern wolle, indem er zulasse, dass die „Sun“ und die „Sunday Times“ sich für Brexit aussprächen, während die „Times“ ihr Argument für den Verbleib an die Vision eines neuen von Großbritannien geführten Bündnisses souveräner europäischer Nationen knüpfte, die sich dem freien Handel und der Reform verpflichten.

          Die Schotten sehen es anders

          Die Stellungnahme der „Times“ soll innerhalb der Redaktion heftig debattiert worden sein. Am Beispiel der Unterschiede zwischen der schottischen, irischen und englischen Ausgabe der „Sun“ wird deutlich, dass es nicht nur um hehre Grundsätze geht. Im europhilen Schottland erschien die Zeitung ohne den „BeLeave“-Leitartikel, der in der englischen Ausgabe die Titelseite füllte. Ebenso in Nordirland, wo die Wähler gespalten sind zwischen den Brexit befürwortenden Unionisten und zum EU-Verbleib zuneigenden Nationalisten. Auch der „Telegraph“, der am Dienstag predigte, dass das er sich mit der Bejahung des Brexits nicht nach einer „goldenen britische Ära“ zurücksehne, sondern vorwärtblicke auf einen Neubeginn für das Land, weiß durch Umfragen, dass die Mehrheit seiner Leser euroskeptisch ist. Dabei stellt sich die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Wird der Leser durch die Zeitung geprägt, oder richtet sich die Zeitung nach der vorgefassten Meinung ihrer Klientel?

          Beim Referendum von 1975 sprachen sich lediglich der kommunistische „Morning Star“ und die Wochenzeitschrift „Spectator“ gegen die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EWG aus. Diesmal sind die britischen Zeitungen mehr oder weniger gleichmäßig in EU-Befürworter und -Gegner aufgeteilt, obwohl das in Oxford ansässige Reuters-Institut für das Studium des Journalismus Ende Mai in dem vorübergehenden Ergebnis einer Studie befand, dass die Berichterstattung in den ersten zwei Monaten der Kampagne stark verzerrt gewesen sei: zugunsten des Brexits.

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