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Englands Presse zum Brexit : Drum lese, wer sich ewig an Europa bindet

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Bezeichnend ist allerdings, dass die „Mail on Sunday“ so vehement für den Verbleib in der EU plädiert wie ihre Schwesterzeitung für den Austritt. Die Sympathien des Verlegers, Lord Rothermere, liegen dem Vernehmen nach beim „Remain“-Lager. Er gehört jedoch nicht zu den Zeitungsbesitzern, die sich in die Arbeit der Redaktion einmischen und dürfte zudem wissen, was er an Paul Dacre, dem überaus erfolgreichen Chefredakteur der „Daily Mail“ hat. Dacres Verhältnis zu Geordie Greig, dem Chefredakteur der Sonntagszeitung, soll allerdings gespannt sein. Die unterschiedlichen Positionen der beiden Titel soll nicht zuletzt Ausdruck eines persönlichen Wettstreits sein. Greig war Literaturchef der „Sunday Times“ und Chefredakteur des Hochglanzmagazins „Tatler“, er ist bestens vernetzt in literarischen Kreisen, die Dacre meidet und konnte dem Schriftsteller Ian McEwan ein Plädoyer für den EU-Verbleib entlocken.

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Während die Tages- und Sonntagszeitung der „Telegraph“-Gruppe mit einer Stimme für den Austritt aus der Europäischen Union sprechen, sind die Murdoch-Blätter gespalten. In der Vergangenheit hat sich Rupert Murdoch als entschiedener Kritiker der EU hervorgetan. Auf die Frage, weshalb dies so sei, soll er erklärt haben: „Wenn ich in die Downing Street gehe, machen die, was ich sage. Wenn ich nach Brüssel gehe, beachten sie mich nicht.“ Als der Justizminister Michael Gove sich im Februar offen auf die Brexit-Seite schlug, tweete Murdoch seine Gratulation. Seit seiner Heirat mit Jerry Hall herrscht jedoch Schweigen auf seinem Twitter-Konto. Zyniker meinen, dass Murdoch sich nach allen Seiten absichern wolle, indem er zulasse, dass die „Sun“ und die „Sunday Times“ sich für Brexit aussprächen, während die „Times“ ihr Argument für den Verbleib an die Vision eines neuen von Großbritannien geführten Bündnisses souveräner europäischer Nationen knüpfte, die sich dem freien Handel und der Reform verpflichten.

Die Schotten sehen es anders

Die Stellungnahme der „Times“ soll innerhalb der Redaktion heftig debattiert worden sein. Am Beispiel der Unterschiede zwischen der schottischen, irischen und englischen Ausgabe der „Sun“ wird deutlich, dass es nicht nur um hehre Grundsätze geht. Im europhilen Schottland erschien die Zeitung ohne den „BeLeave“-Leitartikel, der in der englischen Ausgabe die Titelseite füllte. Ebenso in Nordirland, wo die Wähler gespalten sind zwischen den Brexit befürwortenden Unionisten und zum EU-Verbleib zuneigenden Nationalisten. Auch der „Telegraph“, der am Dienstag predigte, dass das er sich mit der Bejahung des Brexits nicht nach einer „goldenen britische Ära“ zurücksehne, sondern vorwärtblicke auf einen Neubeginn für das Land, weiß durch Umfragen, dass die Mehrheit seiner Leser euroskeptisch ist. Dabei stellt sich die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Wird der Leser durch die Zeitung geprägt, oder richtet sich die Zeitung nach der vorgefassten Meinung ihrer Klientel?

Beim Referendum von 1975 sprachen sich lediglich der kommunistische „Morning Star“ und die Wochenzeitschrift „Spectator“ gegen die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EWG aus. Diesmal sind die britischen Zeitungen mehr oder weniger gleichmäßig in EU-Befürworter und -Gegner aufgeteilt, obwohl das in Oxford ansässige Reuters-Institut für das Studium des Journalismus Ende Mai in dem vorübergehenden Ergebnis einer Studie befand, dass die Berichterstattung in den ersten zwei Monaten der Kampagne stark verzerrt gewesen sei: zugunsten des Brexits.

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