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Kommentar zur Tafel : Da wird was aufgetischt

In der Kritik: Jörg Sartor, Vorsitzender der Essener Tafel. Bild: IH / Insa Hagemann

Die Empörung über die Essener Tafel ist billig und wohlfeil. Politik und Medien sollten sich nicht auf den Chef der Initiative stürzen, sondern fragen, was da wirklich los ist.

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          Am Montag war der Chef der Essener Tafel soweit, dass er die Brocken hinschmeißen wollte. Zuvor hatte sich Jörg Sartor, ein ehemaliger Bergmann, noch standhaft gezeigt, obwohl über ihn seit Tagen ein Entrüstungssturm hinwegzog, bei dem viele gleich zusammengeklappt wären.

          Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) urteilte aus dem fernen Berlin: „Eine Gruppe pauschal auszuschließen, passt nicht zu den Grundwerten einer solidarischen Gemeinschaft“. Der nordrhein-westfälische Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) mahnte: „Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen keine Staatsangehörigkeiten“. Die Grünen, die Linkspartei, Pro Asyl, der Sozialverband Deutschland, der Dachverband der Tafeln in Deutschland bildeten im Nu eine ganz große Koalition, als die Nachricht die Runde machte, bei der Tafel in Essen würden nur noch Bedürftige mit deutschem Pass angenommen.

          So las es sich in den aufgeregten Berichten, und so sah es im Fernsehen aus. Der Tafelchef „zeigt keine Reue“, lautete eine Überschrift, als Sartor den schon lange zuvor beschlossenen Schritt der privaten Initiative verteidigte. Man habe das sehr lange diskutiert, sagte er, und sei schließlich zu dem Schluss gekommen, das Verhältnis von 75 Prozent Bedürftigen ohne deutschen Pass und den angestammten „Kunden“ wieder ausgeglichener zu gestalten. Man habe festgestellt, dass sich die bedürftige Rentnerin oder alleinerziehende Mütter von den vielen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt fühle. „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma wieder zu uns kommt“, sagte Sartor.

          Gehört wurden seine Worte wohl und Reporter, die sich die Sache aus der Nähe ansahen, stellten fest, dass die Betroffenen, die gerade anstanden, den Beschluss der Tafel mehrheitlich begrüßen. Da war das bundesweite Urteil allerdings schon gefällt, erst recht, als sich der Essener Tafel-Chef deutlich zum Verhalten bestimmter Besucher einließ. Das wurde als Rassismus ausgelegt, wohlfeile Empörung gab es von allen Seiten.

          Bis zu offenen Anfeindungen, dem Vorwurf, die Essener Tafel gehe mit „Nazi-Methoden“ vor und den entsprechenden Schmierereien auf Fahrzeugen der Tafel war es da nicht mehr weit. Sogar die „Tagesschau“, die stets bekundet, bei der Auswahl ihrer Nachrichten besonders skrupulös zu sein – zuletzt bei der verzögerten Berichterstattung über den Mord an einer Jugendlichen in Kandel – nahm das Thema auf.

          Doch was war das Thema? Das Thema war und hätte für Politik und Medien sein müssen, genau hinzuschauen, was bei der Tafel in Essen – und nicht nur dort – wirklich los ist und warum das so ist. Aber das könnte selbstverständlich unangenehm werden, weil es die Misere der Sozial- und Flüchtlingspolitik der Parteien offenlegt, die sich gerade anschicken, eine neue Große Koalition zu bilden. Und weil es ins Heileweltwunschbild all derjenigen nicht passt, in deren persönlichem Lebenskreis es solche Probleme nicht gibt, weil sie niemals bei der Tafel um Essen anstehen, sondern höchstens an der Supermarktkasse einmal etwas länger warten müssen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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