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Kunde oder Terrorist? : Wie Big Data den Menschen kategorisiert

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Damit sie sich diese auf hohem Sättigungsniveau auch leisten wollen, müssen ihre Vertreiber durch immer feinere Differenzierung ihrer Produkte immer näher an das individuelle Wunschpotential jedes möglichen Kunden herankommen. Hierzu bedarf es eines aufwendigen, ständig teurer werdenden Marketings, wobei mit der Vielfalt der Produkte und der Vielzahl immer enger werdender Marktnischen die Gefahr von Streuverlusten zunimmt. „Big Data“ ermöglicht es, die wahrscheinlichsten Abnehmer jedes neuen Produkts und seiner Aura persönlich zu identifizieren und die werbliche Ansprache individuell auf sie zuzuschneiden - wobei ein Teil des so gesparten Geldes die für den Nutzer kostenfreie globale Infrastruktur der „sozialen Netzwerke“ finanziert, deren Verfügbarkeit die Individualisierung der sozialen Beziehungen weiter vorantreibt.

Niemand ist unverdächtig

Aber werden die Kunden nicht irgendwann erschrecken, wenn ihnen klar wird, was ihre Lieferanten alles über sie speichern, und sich aus ihrer Verstrickung in das Netz zu befreien versuchen? Wohl kaum. Amazon und seine Wettbewerber, mit ihren maßgeschneiderten Einkaufslisten, lösen ein Grundproblem des Lebens im Kapitalismus von heute: das der Vereinbarkeit von Konsum und Beruf beziehungsweise der Kollision von Konsum- und Produktionspflichten. Woher sollen wir die Zeit nehmen, uns mit der erforderlichen Gewissenhaftigkeit mit einem ins Unendliche gewachsenen Angebot von Zeug jeder Art vertraut zu machen, wenn wir immer mehr Zeit brauchen, um das Geld zu verdienen, das wir brauchen, um es zu bezahlen? Die individualisierten Konsumaufträge der neuen Versandhäuser ersparen uns nicht nur die Lektüre unzähliger Lebensstilkataloge, sondern gleich auch noch den Weg ins Warenhaus, und ermöglichen uns dadurch, im Erwerbs- und Konsumwettbewerb gleichermaßen mitzuhalten. Daniel Bells pessimistische Vorhersage, dass der konsumeristische Hedonismus der postindustriellen Gesellschaft auf Kosten von Arbeitszeit und Arbeitsdisziplin gehen und damit den Kapitalismus auf Dauer untergraben werde, wird so durch die Digitalisierung des Kapitalismus falsifiziert.

Die flächendeckende Datensammelei durch die Geheimdienste folgt einer ähnlichen Logik insofern, als auch sie vom Kollektiv zum Individuum vorstößt. Ihr Ziel ist, da soll man sich nicht täuschen, irgendwann einmal alles Wissbare über jeden einzelnen lebenden Menschen in riesigen Speichern in irgendwelchen Wüsten des amerikanischen Westens vorrätig zu halten. Dabei geht es nicht darum, Abgeordnete oder Regierungsmitglieder mit Sexgeschichten zu erpressen; dafür würde die preiswertere Mata-Hari-Technologie von früher völlig ausreichen. Auch für Wirtschafts- und Kanzlerhandyspionage muss man nicht erst einen Heuhaufen ansammeln, um ihn dann nach einer Nadel durchsuchen zu können. Verständlich wird das Projekt erst, wenn man seine offizielle Rechtfertigung ernst nimmt und es in dem Zusammenhang betrachtet, in den es gehört: dem des „Kriegs gegen den Terror“.

Dieser ist, wie man weiß, ein „asymmetrischer“. In ihm hat man es als Imperium nicht mit Staaten als Gegnern zu tun, sondern mit Individuen, die man erst einmal identifizieren muss, bevor man sie vor oder nach der Tat gezielt exekutieren kann. Dazu braucht man Daten, und zwar möglichst viele über möglichst alle, weil niemand von vornherein als unverdächtig gelten kann.

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