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Unsere Zukunft mit „Big Data“ : Lasst euch nicht enteignen!

  • -Aktualisiert am

Demonstration gegen Überwachung im August in Berlin Bild: dpa

Warum wir uns gegen den Überwachungskapitalismus von Big Data mit aller Macht wehren müssen – eine Kampfansage.

          I. Heimat

          Jeden Frühling kehrt ein Paar Seetaucher von seinen Reisen in die Nische unter unserem Fenster zurück. Für viele Monate werden wir von den Rufen der Rückkehr, des Neubeginns und der Bewahrung in den Schlaf gewiegt. Am Strand schlüpfen Meeresschildkröten und gehen ins Meer, wo sie ein oder zwei Jahrzehnte lang Tausende von Kilometern zurücklegen, bevor sie wieder an denselben Strandabschnitt zurückschwimmen und ihre Eier ablegen. Dieses Motiv des „nostos“ , der Heimkehr, ist auch die Wurzel alles Menschlichen. Wir sehnen uns nach dem Ort, von dem wir wissen, dass dort das Leben blüht. Menschen können die Form ihres Zuhauses wählen, aber es ist immer dort, wo wir verstehen und verstanden werden; wo wir lieben und geliebt werden. Heimat ist eine Stimme und eine Zuflucht – teils Freiheit, teils Trost.

          (Link to English Version)

          Wenn wir in die digitale Zukunft blicken, gibt es eine Angst, von der alle anderen Ängste herrühren: Was für eine Heimat wird sie uns bieten? Werden wir Herren in einer Gesellschaft von Herren sein oder etwas anderes – Gäste, Flüchtlinge oder vielleicht unwissende Knechte, die von Interessen jenseits ihres Einflusses und Verständnisses unterdrückt werden? Wenn die digitale Zukunft unsere Heimat sein soll, dann sind wir es, die sie dazu machen müssen. Drei Aspekte erscheinen mir wichtig: Erstens, dass wir ganz am Anfang dieser Reise stehen. Zweitens, dass die Zukunft mit bestimmten Mitteln gestaltet wird. Wenn wir diese Mittel besser verstehen, können wir vielleicht in den Fluss steigen und seinen Lauf auf wirksamere Weise zu einem guten Zweck hinlenken. Drittens, dass Sie eine entscheidende Rolle spielen – Sie haben das Privileg der Verantwortung in dieser Zeit des Kampfes.

          II. Der Anfang

          Wenn es um „Big Data“ und die digitale Zukunft geht, stehen wir ganz am Anfang. Trotz der bereits hervorgebrachten Hochgeschwindigkeitsverbindungen und Datenmeere müssen unsere Gesellschaften erst noch bestimmen, wie all dies genutzt werden wird, mit welcher Absicht und wer darüber entscheidet. Die großen Technologiekonzerne wollen uns glauben machen, dass die Zukunft auf den Markt gebracht wird – und zwar nach ihren Vorstellungen und gemäß den sogenannten „objektiven Anforderungen“ an die technische Entwicklung als Antreiber wirtschaftlichen Wachstums auf einem freien Markt. Ihr Szenario stammt direkt aus dem Drehbuch des neoliberalen Theoretikers Friedrich Hayek – es ist das, was er eine autonome „erweiterte Ordnung“ nannte, die von Einzelnen nicht verstanden werden kann, der sie sich aber unterwerfen müssen.

          Ich habe die Deutung vorgeschlagen, dass der iPod für das Zeitalter des Internets das ist, was der Ford Model T für das Zeitalter der Massenproduktion war. Aber was eine Epoche ausmacht, ist mehr als ihre Technologie. Zum Beispiel waren im Zeitalter der Massenproduktion Maschinen nicht alles. Erstens setzte die Massenproduktion Angestellte und Konsumenten voraus. Menschen bedeuteten etwas. Zweitens war diese Epoche von der allmählichen Entwicklung legislativer, legaler und sozialer Institutionen geprägt, die die sozial förderliche Dynamik des Kapitalismus verstärkten und seine Exzesse bändigten. Diesen Prozess nannte Karl Polanyi die „Doppelbewegung“.

          Unser neues Zeitalter wird letztlich durch die Ideen geprägt werden, die uns die Kraft verleihen, neue Formen des Marktes und neue Institutionen zu fordern. Das Leben im Jahre 2050 hängt von solchen noch nicht eingetretenen Entwicklungen ab; wenn wir zurückschauen, werden wir die heutige Zeit, unsere Zeit, als den Anfang sehen.

          III. Wie die Zukunft gestaltet wird

          Wie wird die Zukunft gestaltet? Der Philosoph John Searle beantwortet diese Frage in seinem Buch „Wie wir die soziale Welt machen: Die Struktur der menschlichen Zivilisation“. Ich möchte ein paar seiner Ideen vorstellen – gerade so viele, um uns mit einigen entscheidenden Werkzeugen auszustatten.

          Nehmen Sie einen Geldschein und sehen Sie ihn sich genau an. Er ist ein Streifen Papier, nichts weiter. Aber wir sind uns einig, dass Sie ihn für ein Abendessen, ein Paar Schuhe oder ein Studium am College eintauschen können. Für Searle hat der Papierstreifen aufgrund unserer „kollektiven Intentionalität“ eine „Statusfunktion“ geerbt, die ihn und Millionen anderer Dinge mit einer bestimmten Bedeutung und Macht ausstattet. „Statusfunktionen“ und die Macht, die sie verleihen, bringen hervor, was Searle „institutionelle Fakten“ nennt. Sie sind der Klebstoff, der die Gesellschaft zusammenhält. Diesen Klebstoff erschaffen wir.

           Wenn die digitale Zukunft unsere Heimat sein soll, dann sind wir es, die sie dazu machen müssen: Shoshana Zuboff bei ihrer Eröffnungsrede am Sanssouci Media Colloquium letzte Woche

          Wir erschaffen diese „Fakten“ durch eine einzigartige Weise des Redens und Handelns, die Searle „Deklaration“ nennt. Deklarationen etablieren institutionelle Fakten, die es zuvor nicht gab. Sie leisten zwei Dinge: Sie beschreiben die Welt und sie verändern die Welt. Eine Deklaration erreicht dies, indem sie die Welt so beschreibt, als ob die beabsichtigte Veränderung bereits eine Tatsache wäre. Wenn ich zum Beispiel sage „Ich entschuldige mich“, dann mache ich das, indem ich es sage. Oder: „Alle Menschen sind gleich geschaffen“. Das ist eine Deklaration, denn sie behauptet eine Realität, indem sie die Welt beschreibt, als ob die gewünschte Veränderung bereits eingetreten wäre. Allein über etwas zu reden oder sich auf etwas zu beziehen – oder in Hinsicht darauf zu handeln – erhöht seine Realität, indem es als etwas anerkannt wird, was bereits existiert. Deklarationen werden genährt von Willen, Imagination und Begehren. Searle zeigt auf, wie jedwede institutionelle Realität und damit die gesamte menschliche Zivilisation durch solche Deklarationshandlungen erschaffen wird.

          Was macht Deklarationen erfolgreich? Deklarationen sind in dem Maße erfolgreich, in dem andere sie akzeptieren. Manchmal geschieht dies durch direkte Einigung oder durch Autorität, die auf Sachkenntnis oder politischem Verständnis beruht. Manchmal ist Überredung nötig, um Akzeptanz zu erzielen. Manchmal wird die Einigung mit einer Art quid pro quo erkauft. Wenn all das scheitert, kann Gewalt oder ein ähnliches Mittel angewandt werden, um jede andere Möglichkeit auszuschalten. Aber Leute akzeptieren oftmals institutionelle Fakten auch bloß deswegen, weil sie deren Bedeutung nicht verstehen. Sie akzeptieren einfach, dass die Deklarationen die natürliche und notwendige Ordnung der Dinge darstellen.

          IV. „Big Data“ bedeutet großes Geschäft

          Die Analyse riesiger Datensätze begann als eine Methode zur Reduktion von Unsicherheit, indem man die Wahrscheinlichkeiten zukünftiger Muster im Verhalten von Menschen und Systemen untersuchte. Heute hat sich der Schwerpunkt geräuschlos verlagert: sowohl in Richtung auf eine kommerzielle Monetarisierung des Wissens über gegenwärtiges Verhalten als auch hin zu einer Beeinflussung und Umformung entstehenden Verhaltens mit dem Ziel, zukünftige Einnahmequellen zu erschließen. Es besteht die Möglichkeit, zu analysieren, vorherzusagen und umzuformen, während aus jedem Glied in der Wertschöpfungskette Profit gemacht wird.

          Es gibt viele Quellen, aus denen diese neuen Ströme generiert werden: Sensoren, Überwachungskameras, Telefone, Satelliten, „Street View“, Unternehmens- und Staatsdatenbanken (von Banken, Auskunfteien, Kreditkarten- und Telekommunikationsunternehmen), um nur einige zu nennen. Die wichtigste Komponente ist das, was manche „Datenabgase“ (data exhaust) nennen. Dabei handelt es sich um nutzergenerierte Daten, die im zufälligen und flüchtigen Alltag abgeschöpft werden können, besonders den winzigsten Details unserer Online-Aktivitäten: Sie werden eingefangen, in Daten umgewandelt (übersetzt in maschinenlesbaren Code), abstrahiert, aggregiert, verpackt, verkauft und analysiert. Darunter fällt alles von Facebook-Likes über Google-Suchen und Twitter-Nachrichten bis zu E-Mails, Texten, Fotos, Liedern und Videos, Aufenthaltsorten, Bewegungen und Einkäufen, jedem Klick, jedem Tippfehler, jedem Seitenaufruf – und mehr.

          Das größte und erfolgreichste „Big Data“-Unternehmen ist Google, weil es mit der meistbesuchten Webseite überhaupt auch über die meisten Datenabgase verfügt. Durch den Zugang zu den meisten Datenabgasen gewinnt AdWords, Googles algorithmische Methode für zielgerichtete Online-Werbung, seinen Vorsprung. Google verteilt Produkte wie die Google-Suche, um die Menge an Datenabgasen zu erhöhen, die es für seine eigentlichen Kunden abschöpfen kann: seine Anzeigenkunden und andere Datenkäufer. Um ein populäres Buch über „Big Data“ zu zitieren: „Jede Handlung, die ein Nutzer vollzieht, gilt als ein Signal, das analysiert und wieder in das System rückgemeldet werden soll“ . Facebook, LinkedIn, Yahoo, Twitter und Tausende anderer Unternehmen und Apps verhalten sich ähnlich. Auf der Grundlage solcher Ressourcen erzielte Google 2008 Werbeeinnahmen in Höhe von 21 Milliarden Dollar; 2013 stieg die Summe auf mehr als 50 Milliarden Dollar. Im Februar 2014 verdrängte Google mit einem Marktwert von 400 Milliarden Dollar Exxon vom zweiten Platz auf der Rangliste der wertvollsten börsennotierten Unternehmen.

          V. „Big Data“ bedeutet großer Schmuggel

          Nach meiner Auffassung ist „Big Data“ ein großer Euphemismus. Nach Orwell werden Euphemismen in Politik, Krieg und Geschäft benutzt, um „Lügen wahr und Mord anständig klingen zu lassen“. Euphemismen wie „verbesserte Vernehmungsmethoden“ oder „ethnische Säuberung“ lenken uns von der hässlichen Wahrheit hinter den Worten ab. Die hässliche Wahrheit hier ist, dass ohne unsere Kenntnis oder unsere Einverständniserklärung vieles an „Big Data“ aus unserem Leben abgeschöpft wird. Diese Datenmengen sind die Frucht eines reichen Feldes von Überwachungspraktiken, die konstruiert sind, um für uns unsichtbar und unerkennbar zu bleiben, während wir uns durch die virtuelle und reale Welt bewegen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen nimmt zu: Drohnen, Google Glass, tragbare Computersysteme, das „Internet von Allem“ (vielleicht der größte Euphemismus von allen).

          Diese Überwachungspraktiken stellen tiefe Verletzungen dar – materielle, psychische, soziale und politische – die wir erst jetzt zu verstehen lernen, vor allem wegen des geheimen Ablaufs dieser Operationen. Wie die kürzliche Empörung über die Absicht des britischen Nationalen Gesundheitsdiensts, Patientendaten an Versicherungsunternehmen zu verkaufen, zeigt, sind die „Big Data“ des einen die Hehlerware des anderen. Der neutrale technokratische Euphemismus „Big Data“ kann treffender bezeichnet werden als „große Schmuggelware“ oder „große Piratenbeute“. Mein Interesse betrifft hier weniger die Details dieser Überwachungspraktiken, als vielmehr den Grund, weswegen sie geduldet wurden und was man dagegen unternehmen kann.

          VI. Die Internetunternehmen deklarieren die Zukunft

          Die Antwort auf die Frage, weswegen sie geduldet wurden, ist offensichtlich: Deklaration. Wir haben nie gesagt, dass die Unternehmen diese Daten von uns nehmen durften. Sie haben sie einfach als etwas deklariert, das sie nehmen durften – indem sie es genommen haben. Mit den Worten und Taten dieser Deklaration wurden institutionelle Fakten geschaffen. Nutzer wurden zu unbezahlten Arbeitskräften gemacht – ob es sich dabei um Knechtschaft oder Ehrenamt handelte, ist etwas, wäre zu diskutieren. Unsere Leistungen wurden zu „Abgasen“ erklärt, zu Abfall ohne Wert, damit wir ohne Widerstand enteignet werden konnten. Wüstes Land lässt sich leicht beanspruchen und kolonisieren. Wer würde gegen die Umwandlung von Abfällen in Werte protestieren? Da die neuen Datengüter durch Überwachung produziert wurden, stellen sie eine neue Art von Gütern dar, die ich „Überwachungsgüter“ nenne. Wie deutlich geworden ist, ziehen Überwachungsgüter erhebliches Kapital und Investitionen an, die wir – so mein Vorschlag – „Überwachungskapital“ nennen. So hat die Deklaration eine radikal losgelöste und ausbeutende Variante des Informationskapitalismus etabliert, die ich als „Überwachungskapitalismus“ bezeichnen möchte.

          Diese neue Marktform bringt sowohl neue moralische und soziale Schwierigkeiten als auch neue Risiken mit sich. Wenn etwa jene Deklarationen angezweifelt werden, die den Überwachungskapitalismus etabliert haben, könnten wir entdecken, dass „Big Data“ mit illegalen Überwachungsgütern gespickt sind, deren Eigentumsrechte zum Gegenstand juristischer Anfechtungen und Haftungsfragen werden. In einer alternativen sozialen und juristischen Ordnung würden Überwachungsgüter zu toxischen Werten, welche die globalen Datenströme durchsetzen – ebenso wie faule Immobilienkredite in Finanzinstrumente eingerührt wurden, die an Wert verloren, als ihre Statusfunktion von neuen Fakten in Frage gestellt wurde.

          Am wichtigsten ist es, zu verstehen, dass diese Logik der „Akkumulation durch Überwachung“ eine völlig neue Spezies darstellt. In der Vergangenheit bildeten Bevölkerungen ein Reservoir von Angestellten und Konsumenten. Im Überwachungskapitalismus werden die Bevölkerungen nicht mehr angestellt oder bedient. Stattdessen sollen ihre Verhaltensdaten abgeschöpft werden.

          VII. Wie wir eine Zukunft gestalten, die wir Heimat nennen können

          Wie kommt es, dass die Deklaration des Überwachungskapitalismus auf so wenig Widerstand gestoßen ist? Searles Argumentationsgang ist ein guter Leitfaden. War es eine Einigung? Ja, es gab und gibt viele Leute, die den Überwachungskapitalismus für ein vernünftiges Geschäftsmodell halten. (Weswegen sie das meinen, wird ein anderes Mal zu diskutieren sein.) War es Autorität? Ja. Die Technologie-Anführer sind mit der Autorität der Expertise gesalbt und als Unternehmer verehrt worden. War es Überredung? Auf jeden Fall. All die neoliberalen Schlagwörter wie Unternehmergeist, schöpferische Zerstörung oder schöpferische Störung haben viele Menschen davon überzeugt, dass diese Entwicklungen notwendig waren. War es quid pro quo? Ja, ganz gewiss. Die neuen Gratisdienste zur Suche und Vernetzung waren genau das, was wir brauchten, und sie sind zu einer Notwendigkeit für soziale Teilhabe geworden. Als Facebook letzten Monat zusammenbrach, wählten viele Amerikaner den Notruf.

          Wurde Gewalt oder ein ähnliches Mittel genutzt, um andere Möglichkeiten auszuschließen? Militärische Gewalt war nicht vonnöten. Stattdessen wurde die neue Logik zum wichtigsten Geschäftsmodell für Internetunternehmen und Start-Ups und brachte Millionen ähnlicher institutionalisierter Fakten hervor – Zulieferer und Zwischenhändler, professionelle Spezialisierungen, neue Sprache, Börsengänge, Unmengen Geld, Netzwerkeffekte und nie dagewesene Konzentrationen informationeller Macht. All das schafft den Eindruck der Alternativlosigkeit. Wie sieht es schließlich mit einem Wissensmangel bei den Nutzern aus? Das ist der wesentlichste aller Gründe. Die meisten Leute waren nicht in der Lage, das Ausmaß zu ermessen, in dem die neuen „Fakten“ auf Überwachung beruhen. Diese Asymmetrie im Verstehen ist ein Erklärungsfaktor dafür, dass Edward Snowden notwendig war.

          Was für eine Art Widerstand hat es gegeben und wieso ist man damit gescheitert, die Ausbreitung des Überwachungskapitalismus zu verhindern? Hier entferne ich mich von Searle, um zwei andere Arten der Deklaration einzuführen, die unser Verständnis für die Entfaltung der Zukunft fördern können. Mein Ansatz besteht darin, die Art des Widerstands, der bisher geleistet worden ist, als eine Form der „Gegen-Deklaration“ zu bezeichnen. Eine Gegen-Deklaration wehrt ab. Sie richtet sich auf die institutionellen Fakten, die von der Deklaration behauptet wurden. Eine Entgegnung versucht, einen Anspruch zu begrenzen oder einen Kompromiss zu erreichen, aber sie vernichtet das umstrittene Faktum nicht. Indem sie sich auf jene Fakten richtet, erhöht sie deren Durchschlagskraft. Verhandlung legitimiert zwangsläufig die andere Position. Deswegen lehnen es viele Regierungen ab, mit Terroristen zu verhandeln. Wie Searle erläutert hat, erhöht allein das Reden über etwas oder die Referenz darauf dessen Realität, indem dieses etwas als eine Sache behandelt wird, die bereits real ist.

          Welche Beispiele für Gegen-Deklarationen gibt es? Google und andere Internetunternehmen sind Ziel einer Reihe von Datenschutzklagen gewesen. Einige dieser Bemühungen haben zu echten Beschränkungen geführt: etwa zum Verbot des Absaugens persönlicher Daten von privaten Computern durch Googles „Street View“-Autos oder zu Facebooks Stilllegung des in die Privatsphäre eingreifenden „Beacon“-Programms. Ein solches gerichtliches Vorgehen kann bestimmte Praktiken für eine gewisse Zeit einschränken, aber es kann die institutionalisierten Fakten des Überwachungskapitalismus nicht umstürzen. Wenn wir verschlüsseln, erkennen wir die Realität des Phänomens an, dem wir zu entgehen versuchen. Eher als diese Realität ungeschehen zu machen, beginnt Verschlüsselung ein Wettrüsten mit dem Phänomen, gegen das es sich wendet. Datenschutzverfahren wie die „Opt-out-Möglichkeit“ zur nachträglichen Deaktivierung von Werbung oder die „Do-not-track-Funktion“ sind ein weiteres Beispiel. Wenn ich auf „nicht verfolgen“ klicke, meine ich eigentlich „verfolge nicht mich“. Meine Wahl hindert die Firma nicht daran, jeden anderen zu verfolgen.

          Ich möchte klarstellen, dass ich Gegen-Deklarationen nicht kritisiere. Sie sind notwendig und unerlässlich. Wir brauchen mehr von ihnen. Aber ich fürchte, dass Gegen-Deklarationen allein den Zug nicht aufhalten werden. Durch sie nimmt man an einem Rennen teil, das man niemals gewinnen kann.

          In meinen Augen werden wir uns auf eine neue Art der Deklaration hinbewegen müssen, die ich „synthetische Deklaration“ nenne. Damit meine ich eine Deklaration, die die einander entgegengesetzten Fakten der Deklaration und der Gegen-Deklaration synthetisiert. Sie entspringt aus neuen und tieferen Quellen kollektiver Intentionalität und zieht solche zugleich an. Sie macht eine originelle Vision geltend. Wenn die Gegen-Deklaration Schach bedeutet, dann bedeutet die synthetische Deklaration Schachmatt.

          Muss der Informationskapitalismus auf Überwachung beruhen? Nein. Aber der Überwachungskapitalismus hat sich als führende Version des Informationskapitalismus erwiesen. Wir benötigen neue synthetische Deklarationen zur Definition und Unterstützung anderer Arten des Informationskapitalismus – solche, die Teil der sozialen Ordnung sind, Menschen wertschätzen und demokratische Prinzipien widerspiegeln. Neue synthetische Deklarationen können den Rahmen für eine neue Art der Doppelbewegung liefern, die unserer Zeit angemessen ist.

          Gibt es dafür Beispiele? Es gibt zarte Pflänzchen. Das vorige Jahr brachte uns Ed Snowden, der unter großen persönlichen Opfern eine neue Realität behauptete, indem er den Anspruch stellte, dass unsere Welt eine solche sei, in der die von ihm öffentlich gemachten Informationen gemeinsames Wissen werden sollten. Im gleichen Sinne hat auch Wikileaks gehandelt. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof zum Recht auf Vergessenwerden weist durch die Etablierung neuer Fakten für die Online-Welt in die Richtung einer synthetischen Deklaration. (Meines Erachtens strauchelte er zugleich, da das Urteil – vielleicht versehentlich – neue Fakten geschaffen hat, die Google unangemessene neue Macht verleiht.)

          Mathias Döpfner forderte in seinem Offenen Brief in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 16. April) eine synthetische Deklaration in Form einer einzigartigen europäischen Erzählung des Digitalen, eine, die nicht den institutionellen Fakten unterworfen ist, wie sie von den Internetgiganten vorgegeben werden. Ich glaube, dass die Deutschen auf der Grundlage ihrer besonderen historischen Erfahrung in der Lage sind, ihre eigene synthetische Deklaration hervorbringen, die auf einer anderen Art der digitalen Zukunft besteht. Beachtenswert ist, dass die Zeitung „The Economist“ gerade einen Artikel mit dem Titel „Deutschlands Googlephobie“ veröffentlicht hat. Das Ziel einer solchen Formulierung ist die Andeutung, es sei neurotisch und damit irrational, sich Googles Praktiken entgegenzustellen. Das ist eine typische Gegen-Deklaration, die die starken Auswirkungen der neuen Denkweise Deutschlands zeigt. Die echte Furcht ist, dass Deutschland eine synthetische Deklaration erzeugen könnte, die einen Raum für das Wachstum alternativer Formen des Informationskapitalismus eröffnen könnte.

          Mir kommt eine lange Liste von Forderungen in den Sinn, die vor einem Jahrhundert, als der Kampf um den Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts sich verschärfte, in Amerika als „neurotisch“ und unvernünftig verdammt wurden: Gewerkschaften, das Existenzminimum, wirtschaftliche Regulierung, ethnische Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht, öffentliche High Schools ... Jeden, der meint, Deutschlands Sorgen seien „phobisch“, muss man nur an die Enthüllungen vor weniger als einem Jahr erinnern, die zeigten, dass die NSA den EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia bespitzelte, der dem Kartellverfahren gegen Google vorsitzt. Oder an die vor kurzem veröffentlichen E-Mails, die neue Einsichten in die kollaborative Beziehung zwischen der NSA und Google eröffnen. Und sollten wir nicht auch erwähnen, dass Googles Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt auch im Aufsichtsrat der Economist Group sitzt?

          Unsere Welt hat mehr – und umfassendere – synthetische Deklarationen, die uns eine völlig neue Richtung weisen, bitter nötig. Wir benötigen neue Fakten, die das Primat der Humanität, die Würde der Person, die von individueller Emanzipation und Wissen gestärkten Bande demokratischer Gemeinschaft und das Wohlergehen unseres Planeten geltend machen. Das heißt nicht, dass wir Utopien bauen sollten. Vielmehr bedeutet es, dass wir uns auf das echte Versprechen des Digitalen stützen – das Versprechen, das wir erahnten, bevor Ed Snowden zu einem geschichtlichen Ereignis wurde.

          In dem Schatten und der Finsternis der heutigen institutionellen Fakten ist es Mode geworden, den Untergang des demokratischen Zeitalters zu betrauern. Ich behaupte, dass die Demokratie das beste ist, was unsere Spezies bisher geschaffen hat, und wehe uns, wenn wir sie jetzt aufgeben. Der tatsächliche Weg in die Leibeigenschaft beginnt mit der Überzeugung, dass die Deklarationen der Demokratie, wie wir sie geerbt haben, für eine digitale Zukunft nicht länger relevant seien. Sie sind unseren Seelen eingeschrieben und wenn wir sie zurücklassen, dann geben wir den besten Teil von uns selbst auf. Wenn Sie an meinen Worten zweifeln, versuchen Sie, ohne sie zu leben, wie ich es getan habe. Das ist das wirkliche wüste Land und davor sollten wir uns fürchten.

          VIII. Was ist Mut?

          Zum Schluss meiner Überlegungen komme ich noch einmal auf Orwell zurück. In seiner vernichtenden Rezension von James Burnhams Bestseller der vierziger Jahre „Das Regime der Manager“ tadelt Orwell Burnham wegen der „sensationellen“ Widersprüche in dessen Vorhersage des Ausgangs des Zweiten Weltkriegs. Wie Orwell schreibt: „An jedem Punkt wird sich zeigen, dass Burnham eine Fortsetzung dessen, was gerade geschieht, vorhersagt. Nun ist diese Tendenz nicht einfach nur eine schlechte Gewohnheit, wie etwa Ungenauigkeit oder Übertreibung, die man durch eine Anstrengung des Denkens korrigieren kann. Es handelt sich um eine ernste geistige Krankheit und ihre Wurzeln liegen teils in Feigheit und teils in der Anbetung der Macht, was sich nicht gänzlich von Feigheit trennen lässt.“

          Ich behaupte, dass es feige ist, die gegenwärtigen Fakten zu akzeptieren, als ob sie zwangsläufig so sein müssten, wie sie sind. Mut fordert den Blick über diese Tatsachen hinaus – trotz der vom heutigen Überwachungskapitalismus beschworenen kollektiven Intentionalität und seines Anspruchs auf unsere Zukunft.

          Als Beispiel für eine solche Art von Mut wende ich mich dem Mann zu, dessen Ausstrahlung das heutige Kolloquium inspiriert. Er ist verantwortlich für die große digitale Debatte in Deutschland, die bereits Spuren in den Geschichtsbüchern hinterlässt. Frank Schirrmacher – Herausgeber seines geliebten Feuilletons, des intellektuellen Kraftwerks der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – lebte Orwells Art von Mut in jedem Augenblick. Frank weigerte sich, die Zukunft den heutigen kontingenten digitalen Machtverhältnissen zu überlassen. Dies sei, so sah er es, die Debatte überhaupt. Ihm war klar, dass sie uralte politische Fragen unter dem Deckmantel zeitgenössischer Sprache verdeckte: Herr oder Knecht? Heimat oder Exil? Und ihm war klar, dass diese Fragen Teil der ewigen Wiederkehr sind, Fälle, die an jedem Tag der Menschheit immer wieder von Neuem verhandelt werden müssen.

          Frank Schirrmacher glaubte, dass die Medien nicht nur in der Lage seien, die Avantgarde in diesem Kampf zu bilden, sondern es sogar müssen. Er wollte, dass die Medien neuen synthetischen Deklarationen eine Stimme verleihen – so wie sie Edward Snowden eine Stimme verliehen. Er verstand auch, wie Milton Friedman einige Jahrzehnte zuvor listig bemerkt hat, dass neue Gesetze immer auf Änderungen der öffentlichen Meinung folgen, die zwanzig oder dreißig Jahre zuvor eingetreten sind. Frank Schirrmacher widmete sich der Aufgabe, das öffentliche Bewusstsein zu sensibilisieren, um ein neues Gefühl kollektiver Intentionalität zu formen und letztlich neue institutionelle Fakten zu schaffen. Er wusste, dass dies notwendig ist, damit in einigen Jahrzehnten unsere Gerichte, unsere Regierungen und unsere Ausprägung des Kapitalismus zu ihren ursprünglichen Quellen der Legitimität in unseren Ansprüchen, unserem Wohlergehen und unseren demokratischen Prinzipien zurückkehren können.

          Im vergangenen Jahr waren es die Medien – besonders hier in Europa –, die sich den etablierten Fakten des großen Schmuggels und der digitalen Zukunft furchtlos entgegengestellt haben. Da Amerika zögert, synthetische Deklarationen zu entwickeln, die uns über den Überwachungskapitalismus hinaus führen können, bleibt Europa unsere größte Hoffnung im Hinblick auf diese weltgeschichtliche Herausforderung. Europa muss die Fackel übernehmen und einen Weg in eine neue Heimat bahnen.

          Behalten Sie Ihren Mut. Wir stehen erst am Anfang und es stimmt, dass Anfänge furchteinflößend sind. Aber, wie Hannah Arendt es formuliert hat, mutet jeder Anfang aus der Perspektive der Prozesse, die er unterbricht, wie ein Wunder an. Die Begabung, Wunder zu tun, ist überaus menschlich, so ihre Argumentation, weil sie die Quelle aller Freiheit ist.

          Mögen wir gemeinsam Frank Schirrmachers Erbe weiterführen, indem wir uns an der Schaffung vieler großartiger und schöner neuer Tatsachen beteiligen, welche die digitale Zukunft als Heimat der Menschheit zurückgewinnen.

          Das soll unsere Erklärung sein.

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