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Unsere Zukunft mit „Big Data“ : Lasst euch nicht enteignen!

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Mathias Döpfner forderte in seinem Offenen Brief in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 16. April) eine synthetische Deklaration in Form einer einzigartigen europäischen Erzählung des Digitalen, eine, die nicht den institutionellen Fakten unterworfen ist, wie sie von den Internetgiganten vorgegeben werden. Ich glaube, dass die Deutschen auf der Grundlage ihrer besonderen historischen Erfahrung in der Lage sind, ihre eigene synthetische Deklaration hervorbringen, die auf einer anderen Art der digitalen Zukunft besteht. Beachtenswert ist, dass die Zeitung „The Economist“ gerade einen Artikel mit dem Titel „Deutschlands Googlephobie“ veröffentlicht hat. Das Ziel einer solchen Formulierung ist die Andeutung, es sei neurotisch und damit irrational, sich Googles Praktiken entgegenzustellen. Das ist eine typische Gegen-Deklaration, die die starken Auswirkungen der neuen Denkweise Deutschlands zeigt. Die echte Furcht ist, dass Deutschland eine synthetische Deklaration erzeugen könnte, die einen Raum für das Wachstum alternativer Formen des Informationskapitalismus eröffnen könnte.

Mir kommt eine lange Liste von Forderungen in den Sinn, die vor einem Jahrhundert, als der Kampf um den Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts sich verschärfte, in Amerika als „neurotisch“ und unvernünftig verdammt wurden: Gewerkschaften, das Existenzminimum, wirtschaftliche Regulierung, ethnische Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht, öffentliche High Schools ... Jeden, der meint, Deutschlands Sorgen seien „phobisch“, muss man nur an die Enthüllungen vor weniger als einem Jahr erinnern, die zeigten, dass die NSA den EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia bespitzelte, der dem Kartellverfahren gegen Google vorsitzt. Oder an die vor kurzem veröffentlichen E-Mails, die neue Einsichten in die kollaborative Beziehung zwischen der NSA und Google eröffnen. Und sollten wir nicht auch erwähnen, dass Googles Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt auch im Aufsichtsrat der Economist Group sitzt?

Unsere Welt hat mehr – und umfassendere – synthetische Deklarationen, die uns eine völlig neue Richtung weisen, bitter nötig. Wir benötigen neue Fakten, die das Primat der Humanität, die Würde der Person, die von individueller Emanzipation und Wissen gestärkten Bande demokratischer Gemeinschaft und das Wohlergehen unseres Planeten geltend machen. Das heißt nicht, dass wir Utopien bauen sollten. Vielmehr bedeutet es, dass wir uns auf das echte Versprechen des Digitalen stützen – das Versprechen, das wir erahnten, bevor Ed Snowden zu einem geschichtlichen Ereignis wurde.

In dem Schatten und der Finsternis der heutigen institutionellen Fakten ist es Mode geworden, den Untergang des demokratischen Zeitalters zu betrauern. Ich behaupte, dass die Demokratie das beste ist, was unsere Spezies bisher geschaffen hat, und wehe uns, wenn wir sie jetzt aufgeben. Der tatsächliche Weg in die Leibeigenschaft beginnt mit der Überzeugung, dass die Deklarationen der Demokratie, wie wir sie geerbt haben, für eine digitale Zukunft nicht länger relevant seien. Sie sind unseren Seelen eingeschrieben und wenn wir sie zurücklassen, dann geben wir den besten Teil von uns selbst auf. Wenn Sie an meinen Worten zweifeln, versuchen Sie, ohne sie zu leben, wie ich es getan habe. Das ist das wirkliche wüste Land und davor sollten wir uns fürchten.

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