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Unsere Zukunft mit „Big Data“ : Lasst euch nicht enteignen!

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Welche Beispiele für Gegen-Deklarationen gibt es? Google und andere Internetunternehmen sind Ziel einer Reihe von Datenschutzklagen gewesen. Einige dieser Bemühungen haben zu echten Beschränkungen geführt: etwa zum Verbot des Absaugens persönlicher Daten von privaten Computern durch Googles „Street View“-Autos oder zu Facebooks Stilllegung des in die Privatsphäre eingreifenden „Beacon“-Programms. Ein solches gerichtliches Vorgehen kann bestimmte Praktiken für eine gewisse Zeit einschränken, aber es kann die institutionalisierten Fakten des Überwachungskapitalismus nicht umstürzen. Wenn wir verschlüsseln, erkennen wir die Realität des Phänomens an, dem wir zu entgehen versuchen. Eher als diese Realität ungeschehen zu machen, beginnt Verschlüsselung ein Wettrüsten mit dem Phänomen, gegen das es sich wendet. Datenschutzverfahren wie die „Opt-out-Möglichkeit“ zur nachträglichen Deaktivierung von Werbung oder die „Do-not-track-Funktion“ sind ein weiteres Beispiel. Wenn ich auf „nicht verfolgen“ klicke, meine ich eigentlich „verfolge nicht mich“. Meine Wahl hindert die Firma nicht daran, jeden anderen zu verfolgen.

Ich möchte klarstellen, dass ich Gegen-Deklarationen nicht kritisiere. Sie sind notwendig und unerlässlich. Wir brauchen mehr von ihnen. Aber ich fürchte, dass Gegen-Deklarationen allein den Zug nicht aufhalten werden. Durch sie nimmt man an einem Rennen teil, das man niemals gewinnen kann.

In meinen Augen werden wir uns auf eine neue Art der Deklaration hinbewegen müssen, die ich „synthetische Deklaration“ nenne. Damit meine ich eine Deklaration, die die einander entgegengesetzten Fakten der Deklaration und der Gegen-Deklaration synthetisiert. Sie entspringt aus neuen und tieferen Quellen kollektiver Intentionalität und zieht solche zugleich an. Sie macht eine originelle Vision geltend. Wenn die Gegen-Deklaration Schach bedeutet, dann bedeutet die synthetische Deklaration Schachmatt.

Muss der Informationskapitalismus auf Überwachung beruhen? Nein. Aber der Überwachungskapitalismus hat sich als führende Version des Informationskapitalismus erwiesen. Wir benötigen neue synthetische Deklarationen zur Definition und Unterstützung anderer Arten des Informationskapitalismus – solche, die Teil der sozialen Ordnung sind, Menschen wertschätzen und demokratische Prinzipien widerspiegeln. Neue synthetische Deklarationen können den Rahmen für eine neue Art der Doppelbewegung liefern, die unserer Zeit angemessen ist.

Gibt es dafür Beispiele? Es gibt zarte Pflänzchen. Das vorige Jahr brachte uns Ed Snowden, der unter großen persönlichen Opfern eine neue Realität behauptete, indem er den Anspruch stellte, dass unsere Welt eine solche sei, in der die von ihm öffentlich gemachten Informationen gemeinsames Wissen werden sollten. Im gleichen Sinne hat auch Wikileaks gehandelt. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof zum Recht auf Vergessenwerden weist durch die Etablierung neuer Fakten für die Online-Welt in die Richtung einer synthetischen Deklaration. (Meines Erachtens strauchelte er zugleich, da das Urteil – vielleicht versehentlich – neue Fakten geschaffen hat, die Google unangemessene neue Macht verleiht.)

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