https://www.faz.net/-gsf-7twrt

Unsere Zukunft mit „Big Data“ : Lasst euch nicht enteignen!

  • -Aktualisiert am

IV. „Big Data“ bedeutet großes Geschäft

Die Analyse riesiger Datensätze begann als eine Methode zur Reduktion von Unsicherheit, indem man die Wahrscheinlichkeiten zukünftiger Muster im Verhalten von Menschen und Systemen untersuchte. Heute hat sich der Schwerpunkt geräuschlos verlagert: sowohl in Richtung auf eine kommerzielle Monetarisierung des Wissens über gegenwärtiges Verhalten als auch hin zu einer Beeinflussung und Umformung entstehenden Verhaltens mit dem Ziel, zukünftige Einnahmequellen zu erschließen. Es besteht die Möglichkeit, zu analysieren, vorherzusagen und umzuformen, während aus jedem Glied in der Wertschöpfungskette Profit gemacht wird.

Es gibt viele Quellen, aus denen diese neuen Ströme generiert werden: Sensoren, Überwachungskameras, Telefone, Satelliten, „Street View“, Unternehmens- und Staatsdatenbanken (von Banken, Auskunfteien, Kreditkarten- und Telekommunikationsunternehmen), um nur einige zu nennen. Die wichtigste Komponente ist das, was manche „Datenabgase“ (data exhaust) nennen. Dabei handelt es sich um nutzergenerierte Daten, die im zufälligen und flüchtigen Alltag abgeschöpft werden können, besonders den winzigsten Details unserer Online-Aktivitäten: Sie werden eingefangen, in Daten umgewandelt (übersetzt in maschinenlesbaren Code), abstrahiert, aggregiert, verpackt, verkauft und analysiert. Darunter fällt alles von Facebook-Likes über Google-Suchen und Twitter-Nachrichten bis zu E-Mails, Texten, Fotos, Liedern und Videos, Aufenthaltsorten, Bewegungen und Einkäufen, jedem Klick, jedem Tippfehler, jedem Seitenaufruf – und mehr.

Das größte und erfolgreichste „Big Data“-Unternehmen ist Google, weil es mit der meistbesuchten Webseite überhaupt auch über die meisten Datenabgase verfügt. Durch den Zugang zu den meisten Datenabgasen gewinnt AdWords, Googles algorithmische Methode für zielgerichtete Online-Werbung, seinen Vorsprung. Google verteilt Produkte wie die Google-Suche, um die Menge an Datenabgasen zu erhöhen, die es für seine eigentlichen Kunden abschöpfen kann: seine Anzeigenkunden und andere Datenkäufer. Um ein populäres Buch über „Big Data“ zu zitieren: „Jede Handlung, die ein Nutzer vollzieht, gilt als ein Signal, das analysiert und wieder in das System rückgemeldet werden soll“ . Facebook, LinkedIn, Yahoo, Twitter und Tausende anderer Unternehmen und Apps verhalten sich ähnlich. Auf der Grundlage solcher Ressourcen erzielte Google 2008 Werbeeinnahmen in Höhe von 21 Milliarden Dollar; 2013 stieg die Summe auf mehr als 50 Milliarden Dollar. Im Februar 2014 verdrängte Google mit einem Marktwert von 400 Milliarden Dollar Exxon vom zweiten Platz auf der Rangliste der wertvollsten börsennotierten Unternehmen.

V. „Big Data“ bedeutet großer Schmuggel

Nach meiner Auffassung ist „Big Data“ ein großer Euphemismus. Nach Orwell werden Euphemismen in Politik, Krieg und Geschäft benutzt, um „Lügen wahr und Mord anständig klingen zu lassen“. Euphemismen wie „verbesserte Vernehmungsmethoden“ oder „ethnische Säuberung“ lenken uns von der hässlichen Wahrheit hinter den Worten ab. Die hässliche Wahrheit hier ist, dass ohne unsere Kenntnis oder unsere Einverständniserklärung vieles an „Big Data“ aus unserem Leben abgeschöpft wird. Diese Datenmengen sind die Frucht eines reichen Feldes von Überwachungspraktiken, die konstruiert sind, um für uns unsichtbar und unerkennbar zu bleiben, während wir uns durch die virtuelle und reale Welt bewegen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen nimmt zu: Drohnen, Google Glass, tragbare Computersysteme, das „Internet von Allem“ (vielleicht der größte Euphemismus von allen).

Weitere Themen

Topmeldungen

Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.