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Technologischer Fortschritt : Macht uns Google dumm?

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Dumm ist nur, wer Dummes tut, und das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Tom Hanks als Forrest Gump musste sich das nicht erst von Google sagen lassen. Bild: ddp Images

In einer smarten Welt muss man sich fragen, ob der Mensch intelligenter wird – oder ob er dabei ist, wichtige Kulturtechniken zu verlernen. Zum Beispiel, seinen eigenen Weg zu finden.

          Im Sommer 2010 wollte ein schwedisches Ehepaar mit dem Auto von Venedig auf die Urlaubsinsel Capri fahren. Doch als sie den Namen in ihr Navigationsgerät eingaben, unterlief den Reisenden ein Tippfehler. Sie landeten nicht am Golf von Neapel, sondern 660 Kilometer weiter nördlich in der von Touristen eher selten frequentierten Industriestadt Carpi. Dass Capri eine Insel ist und sie mit der Fähre hätten übersetzen müssen, war den Urlaubern offenbar gar nicht aufgefallen. Ein Buchstabendreher, und die Odyssee war programmiert.

          Wir verlassen uns heute blind auf die Technik. Navi ein, Hirn aus. Das kann zuweilen fatale Folgen haben. David Brooks, ein konservativer Kolumnist der „New York Times“, schrieb schon vor knapp zehn Jahren in einem Meinungsbeitrag mit dem Titel „The Outsourced Brain“ (Das ausgelagerte Gehirn): „Seit Anbeginn der Menschheit mussten sich Leute darum sorgen, wie sie von hier nach dort kommen. Ich selbst war schon auf Dinner-Partys gefangen, wo sich die Unterhaltung einzig um Pendlerrouten drehte. Mein GPS-Gott befreite mich von dieser Fron.“ Geographische Informationen aus dem eigenen Kopf an ein Satellitengehirn zu delegieren fühle sich an „wie das Nirvana.“

          Die Erlösung von der Last, den eigenen Weg zu finden, bringt auch ihren Fluch mit sich. „Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, der Zauber des Informationszeitalters bestehe darin, dass wir mehr wissen können“, schreibt Brooks. Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall: Das Informationszeitalter erlaubt uns, so wenig zu wissen wie noch nie. Wenn das Wissen der Welt jederzeit und überall abrufbar ist, wozu sich dann noch etwas merken?

          Der Fähigkeit zur gründlichen Lektüre beraubt

          Man öffnet eine Wikipedia-Seite und stößt auf eine Flut von Fakten. Oder man googelt einen Begriff oder den Namen einer Person. Dabei muss man nicht einmal mehr das ganze Wort eingeben oder wissen, wie es richtig geschrieben wird das erledigt die Funktion Autocomplete automatisch für einen. Tippt man etwa die Worte „Machines“ und „Take“ in Googles Suchschlitz, ergänzt die Autovervollständigung zu „machines take over the world“ oder „machines take over jobs“. Machinenen übernehmen die Welt und nehmen uns die Jobs weg – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil es ja eine Maschine oder – genauer gesagt – ein Algorithmus ist, der uns über die maschinelle Konkurrenz informiert. Wir müssen Maschinen befragen, was Maschinen mit uns Menschen machen werden.

          Was müssen wir überhaupt noch wissen, wenn Google als Gedankenprothese on demand zur Verfügung steht und kognitive Prozesse zumindest teilautomatisiert werden. Der Internetkritiker Nicholas Carr hat in einem vielbeachteten Essay für die amerikanische Zeitschrift „The Atlantic“ 2008 die Frage aufgeworfen, ob Google uns dumm mache. Carr stellt die These auf, dass das Internet eine gigantische Zerstreuungsmaschine, die den Menschen der Fähigkeit zum „deep reading“, also zur gründlichen Lektüre, beraube. In mehreren Büchern, zuletzt in „The Glass Cage“, hat der Autor diese These weiter entfaltet. Für seine Kritik wurde er heftig gescholten, der Internetkritiker Evgeny Morozov verriss das Werk. Doch Carrs Bedenken sind nicht so leicht von der Hand zu weisen.

          Worum es dabei wirklich geht

          Der Psychologe Stefan Münzer führte vor ein paar Jahren ein interessantes Experiment durch: Er ließ zwei Gruppen in einem Zoo spazieren gehen. Die eine Gruppe erhielt ein mobiles Navigationsgerät, die andere musste sich mit einer gedruckten Karte zurechtfinden. Die Forscher stoppten die Probanden auf dem Weg und stellten Fragen zu deren räumlichem Verständnis. Anhand eines Fotos der vorherigen Weggabelung sollten die Fußgänger erklären, welche Richtung sie genommen hatten. Außerdem sollten sie kleine Bilder vorheriger Kreuzungen auf einer Karte plazieren. Diejenigen, die mit einer Papierkarte unterwegs gewesen waren, kannten sich wesentlich besser aus als die Navi-Gesteuerten. Die digitale Gruppe nahm ihre Umwelt weniger bewusst wahr und hatte Schwierigkeiten, sich Wegmarken einzuprägen. Der Preis der Bequemlichkeit ist der Verlust räumlicher Orientierung.

          Kartenlesen ist – wie das von Taschenrechnern übernommene Kopfrechnen – eine Kulturtechnik. Jede Expedition begann früher mit dem Studium der Karten. Man kann den Verlust dieser Fähigkeit kulturpessimistisch als Verfall bewerten. Man kann aber auch nüchtern fragen: Wozu braucht es unhandliche Stadtpläne, wenn uns das Navi von A nach B lotst? Der Verlust wäre dann ungefähr so bedeutsam wie die Tatsache, dass heute kaum noch jemand ein Pferd satteln kann. Solange wir ankommen, kann es doch egal sein, ob wir unseren Orientierungssinn dafür an eine Maschine outsourcen. Doch darum geht es nicht. Und auch nicht darum, welche Implikationen die Technik auf unser Gehirn hat, weil wir gar nicht wissen, wie dieses überhaupt funktioniert. Es geht darum, was diese digitale Technologie mit uns als Menschen macht und welchen Ort die Technik uns zuweist.

          Immer maschinenähnlicher?

          Carr beschreibt in seinem Buch, dass ein GPS-Gerät den Nutzer ins Zentrum der Karte setzt und die Welt um ihn kreisen lässt: „In dieser Miniaturparodie eines präkopernikanischen Universums können wir vorankommen, ohne zu wissen, wo wir sind, wo wir waren oder in welche Richtung wir gehen. Wir brauchen nur eine Adresse oder Kreuzung, den Namen des Gebäudes oder Geschäfts, um das Gerät die Berechnung anstellen zu lassen.“ Die Technik vermittelt uns ein verzerrtes Weltbild, Man stelle sich vor, was passierte, sollte GPS manipuliert werden: Würde dann die Menschheit hilflos umherirren?

          Weiß ganz schön viel: Ein buntes Android-Männchen von Google.

          Angenommen, man steigt in einer fremden Stadt in ein Taxi und schläft auf der Rückbank ein. Der Taxifahrer lässt einen an einem unbekannten Ort heraus, und man merkt in schlaftrunkenem Zustand, dass man sein Ziel verfehlt hat. Was dann? Nach dem Weg fragen? Vielleicht ist niemand zur Stelle, oder man spricht eine fremde Sprache. Einen Stadtplan konsultieren? Den hat vermutlich kaum ein Zeitgenosse noch in der Tasche. Oder doch lieber das Navi im Handy bemühen und ein Uber-Taxi bestellen? Die meisten würden vermutlich für Letzteres optieren. Das Interessante daran ist, dass ein Roboter in dieser Situation genauso vorginge. Wir sind uns des Umstands gar nicht bewusst, dass der Mensch immer maschinenähnlicher handelt. Aber genau das ist es, worauf Carr in seinem provokanten Artikel zielt.

          Eine nachfragegesteuerte Selbst-Evolution

          Denn die Technik macht uns selbst zu einer Koordinate in diesem System. Nicht die Geräte sind unsere „kognitiven Sklaven“, wie David Brooks schreibt, sondern wir, die wir die datenhungrige Industrie mit immer mehr Daten füttern. GoogleMaps oder andere Kartendienste können aus unseren Eingaben detaillierte Bewegungsmuster ableiten und vorhersehen, wohin wir als Nächstes gehen – und uns durch Manipulationstechniken wie Nudging in den nächstbesten Laden „schubsen“, von dem der Anbieter weiß, dass wir für dessen Produkte eine Präferenz geäußert haben.

          Der Rechtswissenschaftler Tim Wu warf in einem Beitrag für die Zeitschrift „New Yorker“ die Frage auf, ob uns der technische Fortschritt mit seinen immer smarteren Geräten in die richtige Richtung bewegt, so, wie wir es von der biologischen Evolution annehmen. Wu verwies auf das Beispiel der Oji-Cri-Indianer. Nachdem der Indianerstamm, der südlich der Hudson Bay auf einem Gebiet so groß wie Deutschland weitgehend isoliert lebte, infrastrukturell angeschlossen worden war und Trucks die Kanus ersetzten, stieg die Rate der Erkrankungen an Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Störungen und Suchterkrankungen drastisch an.

          Das Problem der technologischen Evolution, schreibt Wu, sei, dass sie unserer Kontrolle unterliege und „wir leider nicht immer die besten Entscheidungen treffen“. Während die biologische Evolution vom „survival of the fittest“ getrieben werde, sei die technologische eine Selbst-Evolution, gesteuert von dem, was wir wollen – in marktwirtschaftlicher Terminologie: der Nachfrage.

          Blinder Gehorsam

          Das wirft die Frage auf, ob sich eine Gesellschaft bei allen technologischen Fortschritten zurückentwickeln kann, ob gewissermaßen eine Art Rückbau der Zivilisation stattfindet, angefangen mit Kulturtechniken wie Kartenlesen, Heuristik oder Recherche, weil Computer für uns Texte und Datenbanken durchforsten und uns Informationshäppchen servieren.Das ist zwar kommod, aber der erste Schritt in Richtung Unmündigkeit.

          Google macht uns zwar nicht dumm. Wir können mit weniger Wissen mehr Informationen erschließen. Doch scheinen wir diese Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt kaum zu überprüfen und als eine Art Gottgegebenheit zu akzeptieren. Das Wissen erscheint nur noch als fertiges Endprodukt wie das iPhone im Apple Store und nicht mehr als Erwerb. Nett verpackt, aber unter der Benutzeroberfläche ist eine Black Box. Dabei stellt die Suchmaschine die Realität nicht nur verzerrt dar, sondern konstruiert diese auch mit.

          Wenn man bei Googles Bildersuche nach dem Stichwort „CEO“ sucht, erscheinen mit Ausnahme einer Barbie ausschließlich Männer – was die Realität zum einen nicht korrekt widerspiegelt – zum anderen dieses Zerrbild zementiert, weil man glaubt, dass es der Wirklichkeit entspricht. Wenn man der Technik blind vertraut, folgt man bald einem ebenso blinden Gehorsam gegenüber der Macht der Algorithmen. So wie das schwedische Ehepaar auf seiner Irrfahrt durch Italien. Nächste Ausfahrt Google.

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