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Selbstzensur und Überwachung : Doch etwas zu verbergen

Das amerikanische Schweigen: Demonstrantin bei einer Anhörung von Geheimdienstchefs zu „World Wide Threats“ im Februar in Washington Bild: Reuters

Selbst Befürworter staatlicher Überwachung geben sich im Internet lieber meinungskonform: Eine amerikanische Studie zeigt, wie die NSA das Verhalten Argloser verändert. Das hat auch sein Gutes.

          Das Internet als „eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen“? In den zwanzig Jahren, die seit John Perry Barlows berühmter „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ mit ihren guten, wahren und schönen Visionen vergangen sind, ist aus der entschlossenen Behauptung neuer Freiheiten online ein Wunschtraum mit einigen Blessuren geworden. Aus dem Schweigen der Konformität ist in manchen sozialen Netzwerken ein mitreißendes Dröhnen des Konformitätsdrucks geworden, aus „einer Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft“ vielerorts ein Umschlagplatz und Durchlauferhitzer von Ressentiments und Hass. Und aus einem Entwurf der Freiheit wurde ein vorzügliches Instrument staatlicher Überwachung.

          Welchen Einfluss das Bewusstsein, staatlich überwacht zu werden, auf die Meinungsäußerungen der Nutzer hat, untersucht die amerikanische Kommunikationsforscherin Elizabeth Stoycheff in einer Studie, deren Ergebnisse sie jetzt im „Journalism and Mass Communication Quarterly“ veröffentlicht hat. Ihr zufolge neigen selbst Leute, die grundsätzlich die Berechtigung allgemeiner staatlicher Überwachung anerkennen, zur Selbstzensur, wenn ihre Ansicht von der Mehrheitsmeinung abweicht. Das ist ein alarmierendes Ergebnis, und mit entsprechender Sorge wird es in den sozialen Netzwerken diskutiert: Was ist aus Amerikas heiligem Recht auf freie Meinungsäußerung geworden, wenn selbst, wer „nichts zu verbergen“ hat, vor jedem eigenen Posting bang bedenkt, ob ihn seine Position nicht doch auffallen lässt - ob er sie nicht lieber doch verbergen sollte?

          Wenn es nur um Ausgrenzung ginge!

          Im Januar 2015 hat Elizabeth Stoycheff 225 Teilnehmern einer Umfrage die fiktive Nachricht zugespielt, Amerika habe im Kampf gegen den IS Ziele im Irak bombardiert. Um ihre Meinung dazu gebeten, erhielt knapp die Hälfte der Befragten dreimal im Laufe der Untersuchung den Hinweis, die Meinungsforscher könnten nicht sicherstellen, dass die Antworten der Probanden nicht von der NSA registriert würden. Teilnehmer, die der staatlichen Überwachungspraxis grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, ließen sich durch diese Warnungen nicht beeindrucken. Die Mehrheit der Probanden jedoch wurde zurückhaltend.

          Die 1974 von der Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann postulierte Schweigespirale sieht Angst vor sozialer Ausgrenzung als Grundlage angepassten oder unauffälligen Verhaltens. Eine kleinere Sorge, verglichen mit den Möglichkeiten staatlicher Sanktionen, wie Stoycheff feststellt. Sie sieht die Politik gefordert, bei der Legitimierung von Überwachung und Vorratsdatenspeicherung im Blick zu haben, wie diese Praktiken das Verhalten der Menschen im Netz beim Austausch, der Diskussion und der Recherche beeinflussen.

          Die schlafende Mehrheit

          Über diesen Einfluss kann es keinen Zweifel geben, und selbstverständlich unterliegen ihm nicht nur die Befürworter staatlicher Überwachung, sondern auch die Kritiker mit ihren vielfältigen Bemühungen um Anonymisierung und Verschlüsselung von Daten. Dass diese Gruppe den in Stoycheffs Untersuchung eingespielten Überwachungshinweisen keine weitere Beachtung schenkt, führt zu einem Schwachpunkt in der Argumentation der Kommunikationsforscherin: Nicht die grundsätzliche Kenntnis der NSA-Methoden, sondern die mehrfache Erinnerung daran führte in der Befragung die Arglosen zur Verhaltensänderung - eine Situation, in die sie im Alltag schwerlich geraten dürften. Man solle schlafende Hunde nun einmal nicht wecken, wäre die zynische Schlussfolgerung aus Stoycheffs Setting und ihren Ergebnissen: Je diskreter der Umstand allgegenwärtiger Überwachung, um so weniger reagieren die Internetnutzer darauf - und um so weniger werden ihre Daten für die geheimdienstliche Auswertung durch Selbstzensur verfälscht.

          Doch es gibt auch eine optimistische Lesart des Ergebnisses: Die Hunde schlafen nur, hieße sie, um im Bild zu bleiben - sie lassen sich wecken. Wer einmal merkt, dass er sich im Widerspruch zum eigenen Selbstbild doch so verhält, als hätte er etwas zu verbergen, steht womöglich kurz davor, seine Zustimmung zu den Überwachungspraktiken der Geheimdienste grundsätzlich in Frage zu stellen. Wenn wir einsehen, dass uns selbst das überzeugte Gefühl eigener Unbescholtenheit nicht erspart, dass wir im Internet von oben beobachtet, kontrolliert, beurteilt werden, kann doch etwas mit diesem Blick nicht stimmen, dem wir da ausgesetzt sind. Wenn sich ein Großteil der gegenwärtigen Befürworter allgemeiner Überwachung auf einmal dagegen wenden würde: Das wäre ein Signal für die Politik. Man muss sie nur noch wachhalten.

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