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Überwachungskapitalismus : Wie wir Googles Sklaven wurden

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Im herkömmlichen Narrativ der Bedrohung unserer Privatsphäre ist die institutionelle Geheimhaltung gewachsen, während individuelle Datenschutzrechte erodiert sind. Diese Darstellung ist irreführend, Privatsphäre und Geheimhaltung sind keine Gegensätze, sondern Momente einer Folge. Geheimhaltung ist eine Wirkung, der Schutz der Privatsphäre die Ursache. Die Ausübung des Rechts auf den Schutz der Privatsphäre bringt Wahlmöglichkeiten hervor, das heißt, man kann wählen, ob man etwas geheim hält oder mitteilt. Aus dem Datenschutz ergeben sich Entscheidungsrechte, doch diese Entscheidungsrechte sind lediglich der Deckel auf der Büchse der Pandora unserer freiheitlichen Ordnung. Innerhalb der Büchse treffen politische und ökonomische Souveränität mit noch tieferen, subtileren Dingen zusammen und vermischen sich mit ihnen: mit der Idee des Individuums, der Entstehung des Ich, der Erfahrung des freien Willens.

Eine neue Dimension sozialer Ungleichheit

Der Überwachungskapitalismus führt zu keiner Erosion der Entscheidungsrechte - zusammen mit deren Ursachen und Wirkungen -, sondern zu einer Neuverteilung. Nun haben nicht mehr viele Menschen einige Rechte, vielmehr konzentrieren sich diese Rechte innerhalb des Überwachungsregimes und eröffnen damit eine neue Dimension sozialer Ungleichheit. Der Überwachungskapitalismus reicht über den herkömmlichen institutionellen Bereich des Privatunternehmens hinaus.

Er akkumuliert nicht nur Überwachungstechniken und Kapital, sondern auch Rechte. Diese einseitige Umverteilung von Rechten stützt ein privat verwaltetes Regime zur Sicherung von Folgebereitschaft durch Belohnung und Strafe, das sich nur schwer aufdecken oder sanktionieren lässt. Es arbeitet nicht mit sinnvollen Mechanismen der Zustimmung, und zwar weder nach dem traditionellen, mit Märkten verbundenen Muster von „Abwanderung, Widerspruch und Loyalität“ noch in Gestalt demokratischer Kontrolle nach dem Muster von Recht und Regulierung.

Die Menschen lassen sich ihre Souveränität nehmen

Im Ergebnis bringt der Überwachungskapitalismus eine zutiefst antidemokratische Macht hervor, die einem Putsch nahekommt, allerdings keinem coup d’état im herkömmlichen Sinne, der dem Staat gilt, sondern einem coup des gens, der den Menschen ihre Souveränität nimmt. Er stellt Prinzipien und Praktiken der Selbstbestimmung - im psychischen und sozialen Leben, in Politik und Regierung - in Frage, für die die Menschheit lange gelitten und große Opfer gebracht hat. Schon aus diesem Grunde sollte man diese Prinzipien nicht dem einseitigen Streben eines entstellten Kapitalismus opfern. Noch schlimmer wäre es indessen, wenn wir sie aus Unwissenheit, erlernter Hilflosigkeit, Unaufmerksamkeit, Bequemlichkeit, Gewöhnung oder Gleichgültigkeit aufgäben. Dies ist jedenfalls der Boden, auf dem unser Kampf um die Zukunft ausgetragen wird.

Die bloße Tatsache des Überwachungskapitalismus löst Empörung aus, weil sie die Würde des Menschen verletzt. Die Zukunft dieses Narrativs wird von den empörten Wissenschaftlern und Journalisten abhängen, die sich an diese Front begeben, von empörten Volksvertretern und Politikern, die begreifen, dass ihre Autorität in den Werten demokratischer Gemeinschaften gründet, und von empörten Bürgern, die in dem Wissen agieren, dass Effizienz ohne Autonomie nicht effizient, aus Abhängigkeit resultierende Folgebereitschaft kein Gesellschaftsvertrag und Freiheit von Ungewissheit keine Freiheit ist.

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