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Überwachungskapitalismus : Wie wir Googles Sklaven wurden

  • -Aktualisiert am

Der benötigte Verhaltensüberschuss steigt

Von Überwachungskapitalisten zu verlangen, sie sollten die Privatsphäre achten oder der kommerziellen Überwachung im Internet ein Ende setzen, wäre so, als hätte man Henry Ford dazu aufgefordert, jedes T-Modell von Hand zu fertigen. Solche Forderungen sind existentielle Bedrohungen, die das Überleben der betreffenden Entität gefährden, weil sie deren Grundmechanismen in Frage stellen. Wie könnten wir von Unternehmen, deren wirtschaftliche Existenz vom Verhaltensüberschuss abhängt, verlangen, sie sollten freiwillig auf das Sammeln von Verhaltensdaten verzichten? Nach den Erfordernissen des Überwachungskapitalismus brauchen Google und andere dagegen einen immer größeren Verhaltensüberschuss, den sie in die Entwicklung weiterer Überwachungstechniken stecken, für die Verbesserung der Vorhersage nutzen, auf exklusiven Märkten für zukünftiges Verhalten verkaufen und in Kapital verwandeln können.

Bei Google und seiner neuen Holding Alphabet zum Beispiel zielen alle Operationen und Investitionen darauf ab, den aus Menschen, Körpern, Dingen, Prozessen und Orten in der virtuellen wie auch realen Welt gezogenen Verhaltensüberschuss zu vergrößern. Das ist der Planet mit dem Siebenundsechzigstundentag und dem smaragdgrünen Himmel. Und nur eine soziale Revolte, die den mit der Enteignung des Verhaltens verbundenen Praktiken die kollektive Zustimmung entzieht, wird dem Überwachungskapitalismus die Grundlage entziehen können.

Worin besteht der neue Impfstoff? Wir müssen herausfinden, wie wir in die spezifischen Mechanismen der Erzielung von Überwachungsprofiten eingreifen und dabei der liberalen Ordnung im kapitalistischen Projekt des 21. Jahrhunderts wieder den Vorrang sichern können. Hier ist allerdings eines zu bedenken: Mit dem Vorwurf der Monopolbildung gegen Google oder andere Überwachungskapitalisten vorzugehen hieße, ein Problem des 21. Jahrhunderts mit einer Lösung des zwanzigsten Jahrhunderts anzugehen, die zwar immer noch bedeutsam bleibt, aber das Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus nicht wirklich trifft.

Der Verkauf unserer Berechenbarkeit muss reguliert werden

Wir brauchen neuartige Eingriffe, die zentrale Faktoren dieses Modells behindern, verbieten oder einer Regulierung unterwerfen, und diese zentralen Faktoren sind: Erstens, die Gewinnung des Verhaltensüberschusses; zweitens, die Nutzung des Verhaltensüberschusses als kostenloser Rohstoff; drittens, die exzessive und exklusive Konzentration der neuen Produktionsmittel; viertens, die Erzeugung von Voraussageprodukten; fünftens, der Verkauf von Voraussageprodukten; sechstens, die Verwendung von Voraussageprodukten zu Zwecken der Modifizierung, Beeinflussung und Kontrolle; und, siebtens, die Monetarisierung dieser Operationen. Das ist notwendig für die Gesellschaft, für die Menschen, für die Zukunft, aber es ist auch unerlässlich für eine gesunde weitere Entwicklung des Kapitalismus.

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