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Überwachungskapitalismus : Wie wir Googles Sklaven wurden

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Nicht nur für Werbetreibende interessant

In der Frühgeschichte dieser neuartigen Märkte traten hauptsächlich Werbetreibende als Käufer auf; doch es gibt keinen zwingenden Grund, weshalb das so bleiben müsste. Schon jetzt geht der Trend dahin, dass jeder Akteur, der Interesse daran hat, probabilistische Informationen über unser Verhalten zu nutzen und/oder zukünftiges Verhalten zu beeinflussen, als Käufer auf einem Markt auftreten kann, auf dem das zukünftige Verhalten von Individuen, Gruppen, Körpern und Dingen vorausgesagt und für die Erzielung von Gewinnen genutzt wird. Und so hat sich der Kapitalismus unter unseren Augen verändert: einst Profite aus Produkten und Dienstleistungen, dann Profite aus Spekulation und nun Profite aus Überwachung. Die letztgenannte Veränderung könnte einer der Gründe sein, warum die Explosion des Digitalen bislang keinen wesentlichen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum gehabt hat, weil nämlich so viele der daraus erwachsenen Möglichkeiten auf eine zutiefst parasitäre Form von Profit verwendet worden sind.

Die Bedeutung des Verhaltensüberschusses wurde bei Google und schließlich in der gesamten Internetbranche rasch verschleiert durch Etiketten wie „digitale Krümel“ und dergleichen. Diese Euphemismen für den Verhaltensüberschuss wirken wie ideologische Filter nach Art von Etiketten wie „Heiden“, „Ungläubige“, „Götzendiener“, „Primitive“, „Vasallen“ oder „Rebellen“, mit denen man auf den frühesten Karten des nordamerikanischen Kontinents ganze Regionen kennzeichnete. Durch solche Etikettierungen wurden die Ureinwohner, ihre Territorien und Ansprüche aus den moralischen und rechtlichen Gleichungen der Invasoren getilgt und ihr Landraub einschließlich der sonstigen Übergriffe im Namen von Kirche und König legitimiert.

Kaum noch Anspruch auf Selbstbestimmung

Wir sind jetzt die Ureinwohner, deren Ansprüche auf Selbstbestimmung stillschweigend von den Karten unseres eigenen Verhaltens verschwunden sind. Sie wurden getilgt durch einen verblüffenden, dreisten Akt der Enteignung durch Überwachung, der das Recht beansprucht, in seinem Hunger nach Wissen und Einfluss auf unsere Verhalten keinerlei Grenzen zu achten. Wer sich über den logischen Abschluss der Kommerzialisierungsprozesse wundert, dem sei gesagt, dass sie ihren Abschluss in der Enteignung unserer intimsten alltäglichen Realität finden, nun wiedergeboren als Verhalten, das es zu überwachen und zu verändern, zu kaufen und zu verkaufen gilt.

Der Gründungsakt der Enteignung im Dienste einer neuen, auf Profiten aus Überwachung basierenden kapitalistischen Logik ermöglichte es Google, ein kapitalistisches Unternehmen zu werden. Tatsächlich genoss der Google-Gründer Sergey Brin im Jahr 2002 - dem ersten Jahr, in dem Google einen Gewinn erwirtschaftete - seinen Durchbruch in das „System“: „Ehrlich gesagt, als wir noch im Zeitalter des Dotcom-Booms waren, kam ich mir wie ein Trottel vor. Ich hatte ein Internet-Start-up - das hatten alle anderen auch. Ich machte keine Gewinne, wie alle anderen auch, und das war ganz schön hart. Aber als wir dann in die Gewinnzone kamen, hatte ich das Gefühl, dass wir ein echtes Unternehmen aufgebaut hatten.“

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