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Überwachungskapitalismus : Wie wir Googles Sklaven wurden

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Heute wissen wir, dass dieser Wandel in der Verwendung von Verhaltensdaten einen historischen Wendepunkt darstellte. Die bislang unbeachteten Verhaltensdaten wurden als „Verhaltensüberschuss“ wiederentdeckt, wie ich dies nennen möchte. Der gewaltige Erfolg des Unternehmens bei der Abstimmung zwischen Anzeigen und Suchbegriffen demonstrierte das Veränderungspotential, das im Verhaltensüberschuss als Mittel zur Generierung von Einnahmen und letztlich zur Umwandlung von Investitionen in Kapital steckte.

Dieser Überschuss war der alles verändernde kostenlose Aktivposten, den man in ein marktfähiges Produkt verwandeln konnte, statt ihn nur zur Verbesserung der angebotenen Dienstleistung zu verwenden. Entscheidend ist hier, dass dieser neue Markt nicht auf einem Austausch mit Nutzern basiert, sondern mit anderen Unternehmen, die es verstehen, mit Wetten auf das zukünftige Verhalten von Nutzern Geld zu verdienen. In diesem neuen Kontext wurden die Nutzer, die früher der eigentliche Zweck gewesen waren, zu einem Mittel der Gewinnerzielung auf einem neuartigen Markt, auf dem sie weder Käufer noch Verkäufer, noch Produkte darstellen. Die Nutzer sind die Quelle eines kostenlosen Rohstoffs für einen neuartigen Produktionsprozess.

Ein fremder Planet mit eigener Physik

Was da geschah, war die Entdeckung einer erstaunlich profitablen Geschäftsgleichung - einer Reihe gesetzmäßiger Zusammenhänge, die schrittweise zur eigenständigen ökonomischen Logik des Überwachungskapitalismus institutionalisiert wurden. Es war wie ein erstmals gesichteter Planet mit einer eigenen Physik der Zeit und des Raumes, einem siebenundsechzig Stunden langen Tag, einem smaragdgrünen Himmel, umgekehrten Gebirgszügen und trockenem Wasser.

Die Gleichung lautet: Erstens, die Suche nach immer mehr Nutzern und mehr Kanälen, Diensten, Geräten, Orten und Räumen ist unerlässlich für den Zugang zu einem ständig wachsenden Verhaltensüberschuss. Die Nutzer sind der menschliche Rohstoff, der dieses kostenlose Rohmaterial bereitstellt. Zweitens, der Einsatz maschinellen Lernens, künstlicher Intelligenz und der Datenwissenschaften zur ständigen Verbesserung der Algorithmen stellt ein äußerst teures, hochentwickeltes und exklusives „Produktionsmittel“ des 21. Jahrhunderts dar. Drittens, der Produktionsprozess verwandelt den Verhaltensüberschuss in Voraussageprodukte, die aktuelles und zukünftiges Verhalten vorhersagen sollen. Viertens, diese Voraussageprodukte werden auf einem Metamarkt verkauft, auf dem ausschließlich zukünftiges Verhalten gehandelt wird. Je besser (voraussagekräftiger) das Produkt, desto geringer das Risiko der Käufer und desto größer der Verkaufserfolg. Die Gewinne des Überwachungskapitalismus resultieren in erster Linie oder sogar vollständig aus solchen Märkten für zukünftiges Verhalten.

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