https://www.faz.net/-gsf-8e914

Überwachungskapitalismus : Wie wir Googles Sklaven wurden

  • -Aktualisiert am

Einst suchten wir Trost und Lösung unserer Probleme im Internet, da unser Versuch eines erfolgreichen Lebens fern vom zunehmend skrupellosen Wirken des Kapitalismus im späten zwanzigsten Jahrhundert vereitelt wurde. Inzwischen fand die BBC heraus, dass 79 Prozent der Menschen in 26 Ländern den Internetzugang für ein fundamentales Menschenrecht hielten. Hier liegen Skylla und Charybdis unserer Misere: Es ist nahezu unmöglich, sich soziale Teilhabe ohne Internetzugang und Knowhow vorzustellen, obwohl diese einstmals blühenden Netzräume inzwischen einem neuen und sogar noch ausbeuterischeren kapitalistischen Regime unterworfen sind.

Ein verschleierter Prozess

Alles geschah sehr schnell und ohne unser Verständnis, unsere Zustimmung. Denn die schlimmsten Nachteile lassen sich nur schwer erkennen und theoretisch erfassen - wegen ihrer extremen Geschwindigkeit, aber auch wegen ihrer Verschleierung durch teure, nicht zu entschlüsselnde Rechenoperationen, geheime betriebliche Praktiken, rhetorisch meisterhafte Irreführung und bewusste kulturelle Veruntreuung.

Voraussetzung für die Zähmung dieser neuen Kraft ist eine genaue Benennung, ein genaues Verständnis. Wir greifen gerne auf Modelle, Vokabularien und Instrumente zurück, die wir bei früheren Katastrophen entwickelt haben. Ich denke da etwa an die totalitären Albträume des zwanzigsten Jahrhunderts oder an die monopolistische Ausplünderung im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus. Doch die Impfstoffe beispielsweise, die wir gegen frühere Bedrohungen gefunden haben, reichen für die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, nicht mehr aus oder versagen sogar vollständig. Es ist, als schleuderten wir Schneebälle auf eine Marmorwand und sähen nur, dass sie an der Fassade hinabgleiten und dabei nichts als eine feuchte Spur hinterlassen - eine Gebühr hier, ein operativer Umweg dort.

Natürlich ist der Überwachungskapitalismus nicht die einzige aktuelle Form des Informationskapitalismus und auch nicht das einzig mögliche Modell für die Zukunft. Die rasche Kapitalakkumulation, die er ermöglicht, und die schnelle Institutionalisierung machen ihn jedoch zum Standardmodell des Informationskapitalismus. Folgende Fragen möchte ich stellen: Wird der Überwachungskapitalismus zur vorherrschenden Akkumulationslogik unserer Zeit werden, oder stellt er eine evolutionäre Sackgasse dar - ein mit Zähnen versehener Vogel auf dem langen Entwicklungsweg des Kapitalismus? Und wie könnte ein wirksamer „Impfstoff“ aussehen?

Wahrsagen und Verkaufen: ein altes Handwerk

Eine Heilung hängt von zahlreichen individuellen, sozialen und rechtlichen Anpassungen ab; aber ich bin der Überzeugung, dass die Bekämpfung einer „Krankheit“ nicht ohne ein neuartiges Verständnis jener neuartigen Mechanismen möglich ist, auf deren Grundlage der Überwachungskapitalismus so erfolgreich Investitionen in Kapital verwandelt. In unserer Zeit ist Google für den Überwachungskapitalismus das, was Ford und General Motors vor einem Jahrhundert für die Massenproduktion und den Managerkapitalismus waren: Entdecker, Erfinder, Pionier, Vorbild, führender Umsetzer und Verbreiter. Insbesondere ist Google Mutterschiff und Idealtypus einer neuen ökonomischen Logik, die auf Wahrsagen und Verkaufen basiert: einem alten und ewig lukrativen Handwerk, das seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte die Konfrontation des Menschen mit der Ungewissheit ausbeutet.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Viele sonnenhungrige Urlauber und Tagestouristen bevölkern bei heißen Sommerwetter dicht an dicht den Strand des Ostseebades in Heringsdorf (Mecklenburg-Vorpommern).

F.A.Z. Frühdenker : Die ersten Flecken auf der Corona-Landkarte

In NRW gilt eine höhere Corona-Warnstufe. Der Bundestag berät über Katastrophenschutz. Und der Weltklimarat bereitet die Veröffentlichung seines neuen Berichts vor. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Frühdenker.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.