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Sensible Gesundheitsdaten : Die Vermessung des Körpers

Völlige Transparenz Bild: picture-alliance / BSIP/CAVALLIN

Der Handel mit Gesundheitsdaten ist ein Milliardengeschäft, das auch Google für sich entdeckt. Noch weiß niemand, in welche Hände die sensiblen Informationen über den eigenen Körper einmal fallen.

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          Unlängst gab Googles Vorstandschef Larry Page in einem Interview für die „New York Times“ ein schönes Beispiel für Googles atemberaubende Altruismusrhetorik. Unter anderem ging es dabei um Leben und Tod: „Im Moment analysieren wir keine Daten aus dem Gesundheitswesen. Täten wir das, könnten wir jedes Jahr 100000 Leben retten.“ Page, so könnte man annehmen, meinte mit „wir“ die Gesellschaft, aber eben nicht nur – er meint auch Google. Beides ist für ihn deckungsgleich. Die Gesellschaft, das ist Google. Anders formuliert: Google könnte Leben retten, wenn wir unsere Angst vor Big Data nur ablegten und dem Konzern ein Zugriffsrecht auf sämtliche Gesundheitsdaten gewährten. Wie Page auf die Zahl 100000 kommt, verriet er allerdings nicht.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Google, das wissen wir, geht es um einen Totalzugriff auf den Menschen. Man konnte viel über seinen Kauf des Thermostate-Herstellers Nest lesen und darüber, wie sich Google mit diesem Schachzug Zutritt zu unseren vernetzten Hightech-Häusern verschafft hat, in denen Sensoren erkennen, ob die Bewohner zu Hause oder abwesend sind, oder anhand der Luftfeuchtigkeit, was sie in ihren Schlafzimmern tun. Dass jetzt die Vermessung der Körper dieser Bewohner auf der digitalen Agenda des Datengiganten ganz oben steht, ist nur logisch.

          Die Königsklasse unter den Daten

          Es war nicht das erste Mal, dass Page einen öffentlichen Vorstoß in Richtung Gesundheitsdaten unternommen hat. Das tat er bereits bei der TED-Konferenz im März in Vancouver, als er während einer Podiumsdiskussion fragte, ob es nicht großartig wäre, wenn jeder seine anonymisierten medizinischen Daten für forschende Ärzte zur Verfügung stellte. Hinzu kommt, dass Google bei seinem Griff nach Gesundheitsdaten von Pages persönlichem Schicksal profitiert: Page leidet an einer beidseitigen Stimmbandlähmung, die seiner Stimme einen müden, dünnen Ton verleiht.

          Lange hielt Page seine Beschwerden geheim, im vergangenen Jahr schließlich machte er seine gesundheitlichen Probleme öffentlich und erfuhr durch die permanente Rückkoppelung, wie er sagte, viel über seinen medizinischen Zustand – Transparenz als beste Genesungsstrategie. Dass Page nicht in erster Linie als Geschäftsmann, sondern als Betroffener spricht, erhöht nun seine Glaubwürdigkeit.

          Unsere Krankenakte auf einer Speicherkarte: Auch Google möchte unsere Gesundheitsdaten sammeln und analysieren

          Gesundheitsdaten sind gewissermaßen die Königsklasse unter den Daten. Der Handel mit Kranken- und Rezeptdaten ist ein Milliardengeschäft, das weiter boomt. Zahllose Unternehmen, Ärzte, Apotheker und Versicherungen beteiligen sich daran. Egal, wohin man blickt, überall entdeckt man mehr oder weniger offensichtliche Abschöpfungsstrategien. Einer der Big Player ist die 1954 gegründete amerikanische Firma IMS Health, die auch auf dem deutschen Markt aktiv ist. Auf ihrer Homepage wirbt sie damit, von mehr als 100000 Lieferanten mit Daten versorgt zu werden, darunter Pharmahersteller und Großhändler, Kliniken und Apotheken.

          Kurzer Blick in die Krankenakte des Bewerbers

          Was Google und sämtliche Datensammler eint, ist ihr schier grenzenloser Erfindungsreichtum. Ein Beispiel: 2012 verschickte die Arztsoftware-Firma CompuGroup ein Schreiben an die österreichischen Ärzte mit folgendem Angebot: „EUR 432,– für Sie! In Kooperation mit der IMS Health GmbH bieten wir Ihnen bei Beteiligung an einer monatlichen Datenerhebung eine Zusatzverdienstmöglichkeit in der Höhe von €432,– inkl. MwSt. pro Jahr. Wenn Sie an diesem Programm teilnehmen, werden die Daten (Verordnungs- sowie Diagnostik-Daten) anonymisiert und vollautomatisch aus Ihrem System bereitgestellt.“ Der Arzt, der seine sensiblen Patientendaten und damit das Vertrauen jedes Hilfesuchenden für 432 Euro im Jahr verkauft, lässt seine Patienten nackt dastehen.

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