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Ökonomie der Überwachung : Daten, die das Leben kosten

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Im Fall der Drohnenmorde werden anhand der SIM-Karten in Mobiltelefonen Profile angelegt und per Überwachung angereichert, hauptsächlich mit den sogenannten Metadaten. Die Abkürzung ABI (activity-based intelligence) steht dafür, dass jede ausspionierte Aktivität in die Berechnung einfließt: SMS an besondere Adressaten, die Anwesenheit des Handys am falschen Ort zur falschen Zeit, Anrufe bei einer bestimmten Nummer. Es ergibt sich nach den Patterns of Life eine Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem Profil um einen Terroristen handeln könnte.

Berechnete Wahrscheinlichkeiten entscheiden über Leben und Tod

Irgendwann wird durch die Akkumulation einer Vielzahl von Datenströmen – Accumulo heißt das dabei verwendete Datenbanksystem der NSA – ein willkürlich gesetzter Wert überschritten. Die Person zum Profil wird dann nicht mehr als wahrscheinlicher Terrorist betrachtet, sondern als Terrorist. Das ist ihr Todesurteil.

Und die Berechnungsmethode ist der Grund, weshalb regelmäßig Leute ermordet werden, deren Name nicht einmal bekannt ist, wie das „Wall Street Journal“ enthüllte. An diesem Punkt schlagen die Patterns of Life um in die Patterns of Death, der tödlichen Gewissheit eines Datenmodells, verdichtet zu einer horriblen Ideologie. Ihr Kern: Nach willkürlichen Kriterien berechnete Wahrscheinlichkeiten werden als Realität angesehen. Dann wird danach gehandelt, selbst wenn das bedeutet, einen glasklaren Mord zu verüben.

Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt

Das ist das ideologische Fundament für den Spähwahn der Geheimdienstmaschinerie: die Überzeugung, zur eindeutigen Wahrheit zu gelangen, wenn man die Maschine bloß mit ausreichend vielen Daten füttert. Der Soziologe Dirk Baecker gab im November 2013 einen Hinweis darauf, wie diese geheimdienstliche Realitätskonstruktion zurückwirkt auf die Politik: „Geheimdienste arbeiten nur dann stabil und damit unter politischer Kontrolle, wenn sie jede ihrer Informationen für instabil halten müssen. Denn nur unter der Bedingung instabiler Informationen müssen sie deren Bewertung der Politik überlassen. Im Falle aller eindeutigen Informationen behalten sie das Deutungsmonopol und können darauf ihre Autonomieansprüche und ihren Einfluss begründen.“

Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss.

Die Virtualisierung der Verantwortung

Diese datengetriebene Ideologie zielt auf eine Entpolitisierung der Macht, auf die Virtualisierung der Verantwortung. Und damit auf die Aushöhlung der Demokratie. Und es handelt sich nicht um ein isoliertes Phänomen der Terrorbekämpfung.

Denn der Fortschritt selbst – die sozialen Medien mit neuen Datenkategorien, die Beherrschbarkeit großer Datenmengen, die Robotik – hat nebenbei die Bereitschaft erhöht, mehr und wichtigere Entscheidungen der Maschine zu überlassen. Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene.

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