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Online-Arbeit auf Abruf : Wer schützt die Clickworker?

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„Mechanical Turk verfolgt das Ziel, menschliche Intelligenz einfach, skalierbar und kosteneffektiv bereitzustellen“, wirbt Amazon für seine Clickworking-Plattform Bild: FAZ.NET

Unsere Epoche hat einen Namen: die Amazonisierung unseres Lebens. Was uns als Kunden gefällt, vernichtet gleichzeitig den Wert menschlicher, auch geistiger Arbeit. Was ist zu tun?

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          Big Data erleben wir nicht nur täglich, sondern auch hautnah. Unternehmen sammeln personenbezogene Daten über uns und verkaufen die Informationen, die sie aus ihnen gewinnen. Einen wirksamen Schutz davor gibt es nicht, auch keine demokratische Kontrolle. Edward Snowden hat die Verbindungen zwischen Internetfirmen, Geheimdiensten und Behörden offengelegt. Der vielfache Missbrauch droht die positiven, fortschrittlichen Elemente des Internets zu zerstören.

          Die zwei Seiten von Digitalisierung und Vernetzung wurden erst kürzlich wieder deutlich: Die Übernahme von Whatsapp durch Facebook bedeutet einerseits weitere Konzentration und Vermarktung personenbezogener, privater Informationen; auf der anderen Seite gelangen Bilder und Berichte, wie über das System der Regierung Janukowitsch in der Ukraine, durch das Internet an die weltweite Öffentlichkeit.

          Die Reaktionen auf den Text von Martin Schulz befassen sich mit der Rolle der Geheimdienste, mit wirtschaftlichen Interessen der Internetkonzerne, mit den Rechten von Konsumenten und Nutzern. Von einem war bislang aber kaum die Rede: von den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Unternehmen und die Arbeitswelt. Dabei werden Wirtschaft und Gesellschaft nahezu totalitär von ihr erfasst. Die Veränderungen wirken massiv auf Beschäftigte. Es muss darum gehen, diese Verknüpfungen von Wirtschaft und Gesellschaft in ihrer Ganzheit zu erfassen, um endlich Konsequenzen ziehen zu können.

          Eine neue industrielle Revolution

          Licht und Schatten der Digitalisierung zeigen sich gerade in der Industrie, wo Werte durch die Produktion physischer Gegenstände entstehen. Die deutsche Industrie arbeitet daran, zum Leitmarkt für digitalisierte Fertigung zu werden. Es geht um die Vernetzung von Maschinen, Menschen und Gegenständen durch cyberphysische Systeme (CPS), in Deutschland diskutiert unter dem Stichwort „Industrie 4.0“.

          Nach der computerintegrierten Fertigung, die in den achtziger Jahren Einzug gehalten hat, stehen die Fabriken an der Schwelle der nächsten Automatisierungswelle. Das wirtschaftliche Potential der „smarten Fabrik“ liegt auf der Hand: Sie wird unermesslich flexibel auf Kundenwünsche reagieren können, selbst kleinste Stückzahlen werden rentabel. Sie wird weder Ausfälle noch Störungen kennen. Sie produziert vollständig transparent und ebnet den Weg für optimale Entscheidungen.

          Es wird neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Kunden, Zulieferern und Dienstleistern geben. Sie verbraucht weniger Ressourcen und lässt neue Geschäftsmodelle, neue Unternehmen, mehr Wertschöpfung, mehr Wachstum und Wohlstand entstehen. Das gilt zumindest bei idealtypischer Betrachtung.

          Was bedeutet die „Industrie 4.0“ für Beschäftigte?

          Und die Risiken? Obwohl selbst Befürworter mit gewaltigen Umbrüchen rechnen, fehlt eine Beschäftigung mit der Schattenseite der Digitalisierung. Der Münchner Kreis, ein Expertengremium aus Wirtschaft und Wissenschaft, schätzt, dass die Digitalisierung viele Arbeitsplätze im mittleren Qualifikations- und Entgeltsegment überflüssig machen wird. Damit ist die größte Gruppe der heutigen Arbeitnehmer gemeint. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation zeigt sich zwar optimistischer, schaut allerdings weniger weit in die Zukunft: Auf absehbare Zeit werde menschliche Arbeit Teil der Produktion bleiben.

          Die Gewerkschaften werden das Abwägen der Potentiale und Gefahren der „vierten industriellen Revolution“ und der Digitalisierung aller Lebensbereiche nicht der Wirtschaft und auch nicht der technischen Wissenschaft überlassen. Wir sehen uns stattdessen als Gestalter der gravierenden Umbrüche.

          Was bedeutet „Industrie 4.0“ tatsächlich für Beschäftigte? Die Unternehmen wollen möglichst viel Geld verdienen. Dass dabei gleichberechtigt die Interessen einer demokratischen, auf sozialen Ausgleich bedachten Gesellschaft und von Beschäftigten berücksichtigt werden, dafür müssen wir sorgen.

          Die intelligente Fabrik, aber auch das smarte Büro verlangen und verarbeiten Unmengen von Informationen. Gerade auch über die Menschen, die dort arbeiten. Schon heute sind laufende Prozesse der Informationsverarbeitung nicht mehr aus der Arbeitswelt wegzudenken.

          Daten werden erfasst und verknüpft, beispielsweise in Form von Customer-Relationship-Systemen oder in Software für das Human Capital Management. Das lückenlose Tracking von Bewegungen, Tätigkeiten und Leistung ist technisch machbar, wirtschaftlich wahrscheinlich sinnvoll, aber politisch und ethisch sehr oft inakzeptabel. Nur: Wer setzt die Grenzen?

          Zunehmende Überwachung

          In mitbestimmten Unternehmen fechten Betriebsräte und Gewerkschaften diesen Kampf heute fast täglich aus. Betriebsräte haben zwar Mitbestimmungsrechte bei der Einführung von sogenannten technischen Überwachungseinrichtungen. Diese Rechte hinken aber der technischen Entwicklung beträchtlich hinterher. Für das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), das den Umgang mit Daten von Bürgern und Beschäftigten regelt, und für das Betriebsverfassungsgesetz gilt, dass die Gesetze dringend einer Überarbeitung bedürfen. Zudem muss auch endlich ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz verabschiedet werden, das die spezifische Abhängigkeit der Beschäftigten im Arbeitsverhältnis anerkennt und berücksichtigt.

          Hinzu kommt die Notwendigkeit von Arbeitnehmerschutzregelungen auf europäischer Ebene. Denn nur international wird sich ein wirksamer Schutz erreichen lassen. Zu den Forderungen gegen die Auswüchse des Datenhungers zählen auch technische Mittel, etwa das automatische Löschen von Informationen nach bestimmten Zeiträumen.

          Snowdens Enthüllungen zeigen auch, dass niemand vor Industriespionage sicher sein kann. Mangelnde Datensicherheit stellt die Wachstums- und Geschäftsmodelle derzeit stark in Frage. Immer mehr Kunden von IT-Dienstleistern legen deshalb Wert auf eine deutsche Cloud, in der die hiesigen Sicherheitsstandards gewahrt bleiben. Allerdings ist es fraglich, ob Kapselung und Lokalisierung tatsächlich einen besseren Schutz bieten.

          Weniger Arbeitsrechte

          Crowdworking-Plattformen wie „Mechanical Turk“ oder „Clickworker“ werfen weitere Fragen auf. Es handelt sich dabei um Marktplätze für Arbeit im Internet, die allesamt durch eine große Machtasymmetrie zwischen Auftraggebern und Crowdworkern gekennzeichnet sind. Der durchschnittliche Stundenlohn bei „Mechanical Turk“ liegt bei 1,25 Dollar und damit weit unter dem amerikanischen Mindestlohn. Dazu kommen Probleme neuer Entgeltmodelle. Eine Aufgabe kann von mehreren Crowdworkern gleichzeitig übernommen werden. Bezahlt wird aber nur, wer zuerst eine Lösung einreicht, die die Anforderungen des Crowdsourcers erfüllt.

          Schon heute sind für sechzig Prozent der „Turker“ die Einnahmen auf der Plattform die wichtigste Einnahmequelle. Die Anzahl akzeptierter oder abgelehnter Ergebnisse der Crowdworker ist für die Auftraggeber sichtbar, dagegen gibt es für das Verhalten der Auftraggeber, zum Beispiel für ihre Zahlungs- und Kommunikationsmoral, keinerlei Reputationssystem.

          Die Beweggründe für Menschen, sich solchen oder ähnlichen Arbeitsbedingungen zu fügen, sind unterschiedlich. Manche haben keine Wahl, andere arbeiten dort nur nebenbei oder schätzen die Flexibilität solcher Arbeitsverhältnisse oder den einfachen Zugang zu Arbeit.

          Die Weltbank hat Milliarden für Investitionen in Smart Devices für Menschen in den Ländern des Südens freigegeben, damit mehr Menschen an der digitalen Arbeit teilhaben können. Wenn sich Crowdworking weiter ausdehnt, müssen sich die Machtverhältnisse zugunsten der Crowdworker verändern. Wir brauchen aber auch dort faire Arbeitsbedingungen und ein Mindesteinkommen, damit es nicht zu einer Amazonisierung der Arbeitswelt kommt.

          Wir brauchen internationale Arbeitsschutzbestimmungen

          Wir stehen an einem Scheideweg. Die Chancen der Digitalisierung drohen zunichtegemacht zu werden. Das Vertrauen ins Internet kehrt nur zurück, wenn sich alle wichtigen Akteure dazu verpflichten, das digitale Zeitalter fortschrittlich und sozial zu gestalten.

          Folgende Maßnahmen wären wichtige Schritte zu einem Internet der Menschen: ein gesellschaftliches Bündnis für eine freiheitliche, sozial gerechte Digitalisierung; ein verbindliches Leitbild für gute digitale Arbeit auf Basis einer soliden Technikfolgenabschätzung, mehr Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte beim Datenschutz und für die Sicherung von Beschäftigung; dazu der Erhalt und der Ausbau der in Europa und Deutschland geltenden Standards, zum Beispiel beim Datenschutz, insbesondere auch im Arbeitsverhältnis.

          Hinzu kommen auch über Europa hinausreichende internationale Forderungen: Bei Verhandlungen, wie denen über das transatlantische Freihandelsabkommen, müssen Standards endlich eingehalten werden. Es ist überfällig, dass beispielsweise Amerika endlich Grundnormen des Arbeitslebens, wie sie in den Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation niedergelegt sind, akzeptiert und unterzeichnet.

          Es müssen nicht nurfür Beschäftigte, sondern auch für Selbständige wie Crowdworker Mindestarbeitsbedingungen gelten. Mit neuen Zertifizierungsverfahren sollte Software klassifiziert werden, um zwischen „datenschutzrechtlich unbedenklich“ und „datenschutzrechtlich unzulässig“ unterscheiden zu können. Selbst Hochschulen benötigen mehr Möglichkeiten für kritische Reflexionen der Digitalisierung ihrer Arbeitswelt.

          Es ist grundsätzlich notwendig, Berichtspflichten für Unternehmen hinsichtlich ihres Arbeitnehmerdatenschutzes und des Schutzes der Persönlichkeitsrechte durchzusetzen. Niemand will das Internet abschalten. Aber wir wollen es zurückhaben und die Potentiale für die Entwicklung und den Erhalt einer freien, demokratischen und gerechten Gesellschaft nutzen.

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