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Eine Antwort auf Martin Schulz : Wir sind widersprüchlicher als unser digitaler Zwilling

  • -Aktualisiert am

Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag: Katrin Göring-Eckardt Bild: Jens Gyarmaty

Bleibt am Menschen nicht immer etwas übrig, das so unberechenbar ist, dass selbst der komplexeste Algorithmus an seine Grenzen stößt? Eine grüne Antwort auf das Schreckensszenario des „determinierten Menschen“ von Martin Schulz.

          Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht. Aber ich kenne ihre Einrichtung, ihre Lampen und die Gewohnheit, am Abend die Zeitung am Tisch und ein Buch im Sessel zu lesen. Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen. Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. Ich erfahre dann, was er beruflich so vorhat, über wen er sich aufregt, und eben, dass er jetzt wach ist. Ich grüße nicht zurück. Und ich weiß nichts über seine Gewohnheiten beim Zeitunglesen und nicht, was er gerne frühstückt. Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.

          An vielen Tagen liebe ich die Fülle der Informationen, unter denen ich wählen kann. Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde. Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist. Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.

          Von anonymen Algorithmen durchs Netz gelotst

          Nun argumentieren viele, dass es ja die Menschen selbst sind, die alles über sich erzählen und ins Netz stellen, sich faktisch selbst versklaven. „Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei“, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz? Wir wollen es doch auch gebrauchen: Früher stellte man sich ins Amphitheater, um von allen gesehen und gehört zu werden. Oder man stellte sich in der Speakers’ Corner auf eine Kiste. Da sah man das Publikum und seine Reaktion. Später ging es um Einschaltquoten, und heute geht es um Likes und Shares. Wo genau ist also der Unterschied? Liegt er allein darin, dass es mehr Menschen sind, die sehen können, was andere mitzuteilen haben? Liegt er darin, dass da etwas, von dem wir nichts wissen - eine anonyme Riesenmaschine - unsere Daten sammelt in einer Art ewigem Gedächtnis und bei passender Gelegenheit auswertet?

          Das Netz, ein monströser Krake, in dessen Tentakeln wir alle hilflos zappeln? Wenn man sich die Zahlen anschaut, muss man auf diesen Gedanken kommen. Die mobile Internetnutzung liegt global fast bei einer Milliarde Usern, über eine Milliarde Menschen nutzen monatlich Facebook, und Youtube erreicht in den Vereinigten Staaten von Amerika mehr Erwachsene im Alter von achtzehn bis vierunddreißig als jeder andere Broadcaster beziehungsweise Kabel-TV-Sender. Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten. Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.

          Ein gutes Stück westlicher Überheblichkeit

          Wer glaubt, in den sozialen Netzwerken sei vor allem die Jugend unterwegs, täuscht sich. Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind. Sie und die noch älteren „Silver Surfer“ sind mit der Welt verbunden, mit den Schulkameraden von früher und lesen oft mit bei den Enkeln.

          Die Zahlen und erst recht das (unvollkommene) Wissen um die Verknüpfung von Daten und Dateien legen nahe, dass im Netz Marktmacht alles, der Einzelne wenig ist. Die digitale Revolution - aufgefressen vom Kapitalismus? So einfach ist es nicht, denn wir sollten nicht vergessen, dass sie reale politische Umstürze erst möglich gemacht hat, ob in Nordafrika oder in der Ukraine. Es gehört schon ein gutes Stück westlicher Überheblichkeit dazu, diese politische und subversive Dimension einfach auszublenden, indem man die Geschichte des Netzes nur noch als eine Geschichte zunehmender Kontrolle und Unfreiheit, als Geschichte wirtschaftlich gesteuerter Interessen und kommerzieller Überformung schreibt.

          Von wegen Ohnmacht

          Wie hat denn die Majdan-Opposition, wie die Grüne Revolution in Iran, wie der arabische Frühling seine Botschaften verkündet, sich Unterstützung gesucht und sie gefunden?! Das Internet ist auch ein Instrument der Selbstermächtigung, das ganz praktisch der Demokratisierung nicht nur der Massenkommunikation, sondern auch der gesellschaftlichen und politischen Organisationsform selbst genutzt hat. „The Revolution will not be televised“, sang Gil Scott Heron. Das stimmt heute nicht mehr, jeder kann sich die Revolutionen im Plural auf Youtube anschauen. Weil es im Netz eben nicht nur einen Programmdirektor gibt. Gemacht werden muss die Revolution natürlich weiterhin auf der Straße, aber auf Twitter steht immerhin, auf welcher. In der revolutionären Situation gehört das Netz der Bürgergesellschaft.

          Von wegen Ohnmacht. Die Schriftstellerin Eva Menasse sagte kürzlich bei einer Veranstaltung der Grünen im Bundestag zu digitalen Bürgerrechten, was sie nicht mehr wolle, sei dieses fatalistische „Man kann ja doch nichts machen“. Eva Menasse hat recht: Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können. Man denke an die feministische #aufschrei-Kampagne oder den bildblog, der den „Enteignet Springer“-Schlachtruf aufgenommen und subversiv digitalisiert hat.

          Für die Geheimhaltung unserer Geheimnisse

          Die Mittel der Kontrolle und Überwachung sind zugleich die Mittel der Freiheit. Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen. Die „Halbgötter in Weiß“ etwa werden heutzutage von Patienten genervt, die dank des Netzes mehr Detailwissen über bestimmte Krankheiten haben und sich so gegen zu einfache und zu gesponserte Methoden wehren können.

          Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen. Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern. Wir sind es, die eine Geheimhaltung unserer Geheimnisse verlangen können und sollten und müssen!

          Die Macht spielt sich in Zwischenräumen ab

          Das vergangene Jahrzehnt war in Europa geprägt durch das Auf und Ab der Wirtschafts- und Finanzkrisen. Sosehr wir uns mit der Regulierung von Banken und Spielregeln für die Märkte befasst haben, so wenig hat die Mehrheit der Parteien sich darangemacht, die Kontrolle und die Spielregeln des Netzes auf die Tagesordnung zu setzen. Solange Konzerne und Geheimdienste machen können, was sie wollen, werden sie es tun. Reagieren reicht nicht mehr. Macht und Schönheit der Digitalisierung kommen von unten.

          Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, die komplexen neuen Machtverhältnisse des Internets und die Möglichkeiten ihrer Veränderung von unten. Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung unter neuen Vorzeichen: Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab. Internetseiten, auf denen Falschparker oder laute Nachbarn an den digitalen Pranger gestellt werden, sind ja keine Erfindung von Google oder Facebook, sondern gehen auf die Initiative Einzelner zurück. Und sie überschreiten oftmals die Grenzen der Privatsphäre, weshalb aus bürgerrechtlicher Sicht Regulierung nötig ist.

          Hier handeln Menschen wie im echten Leben auch

          Wir brauchen Regulierung bei den großen ökonomischen Playern. Hier geht es darum, dass die Bürger ihre Staaten in die Pflicht nehmen. Aber wir brauchen genauso Verkehrsregeln für jedermann. Vielleicht geht es um so etwas wie Mülltrennung im Netz: Regeln für ein korrektes Verhalten, die - ähnlich wie bei der Mülltrennung - durch Selbstverpflichtung und Überzeugungsarbeit funktionieren. Das ist mehr als die bloße Netiquette, die auf Goodwill basiert, es ist ein common sense. Und es braucht eine Politik, die klare Regelungen setzt. Denn einfach nur das Recht des Stärkeren kann keiner wollen. Diese Regulierung des Netzes geht nur transnational oder zumindest: europäisch. Dies ist zugleich eine Absage an nationalistische Populisten, die in dieser Kategorie nicht denken können oder wollen.

          Es ist mehr als fraglich, ob der „determinierte Mensch“, wie Martin Schulz sein Schreckensszenario in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nannte, je Wirklichkeit zu werden droht. Bleibt am Menschen nicht immer etwas übrig, das so unberechenbar ist, dass selbst der komplexeste Algorithmus an seine Grenzen stößt? „Facebook sagt mir, wer ich bin; Amazon sagt mir, was ich will; Google sagt mir, was ich denke“, schrieb der Internet-Vordenker George Dyson. Aber wie determiniert und durchgerechnet ist der zwanzigjährige Student, der für seine Oma immer im Versandhandel Haftcreme bestellt und deswegen vom Algorithmus Rosamunde-Pilcher-Romane vorgeschlagen bekommt? Im Internet handeln Menschen wie im echten Leben auch: Oft genug wider jeden (ökonomischen) Nutzen und abseits jeder Steuerung, sie tun vollkommen irrationale Dinge ohne Rücksicht auf Sinn oder Reputation. Warum sonst teilt man dann doch das Katzenbaby-Video oder macht betrunken den Selfie?

          Für alle die gleichen Regeln

          Dieser Rest - als Ironie, Obsession oder bloß sinnlos vorübergehende Laune - macht das anarchische, dionysische Moment des Netzes aus. Selbst der noch so kontrollierte homo oeconomicus hat bei allen Zwängen immer noch die Möglichkeit, willkürlich zu handeln - weil er liebt, weil er hasst, weil er kämpft, weil ihm halt gerade danach ist oder auch nicht. Der Mensch in seiner Unperfektheit hat alle Möglichkeiten, den nach Perfektion strebenden Algorithmus zur Verzweiflung zu bringen. Da, wo der „digitale Zwilling“ gehorcht, ist der echte Mensch kreativer, widerspenstiger, mutiger - oder auch fauler, widersprüchlicher oder mag gerade einfach lieber nicht. Und: Im Netz ist es auf undurchschaubare, unplanbare Art möglich, ökonomische Erfolge zu erzielen, die wichtigste Investition ist dabei die eigene Kreativität, die eine Idee, die viele gut finden. Es kann sein, dass beim „Hochwählen“ getrickst wird. Aber auch Crowdfunding funktioniert genau aus diesem Grund.

          Dennoch bleibt die zentrale Frage, die Ulrike Ackermann in dem von ihr herausgegebenen Buch „Im Sog des Internets. Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter“ stellt, nämlich „ob diese revolutionären Entwicklungen uns einen Zugewinn an Freiheit bescheren oder bisherige Freiräume und Handlungsoptionen einschränken“. Das Netz mag unübersichtlich, chaotisch und ängstigend sein, aber das ist kein Grund zur Klage und Sehnsucht nach apollinischer Ordnung. Zu richten ist allein dort, wo Regeln übertreten werden. Es müssen für alle die gleichen Regeln gelten, die gleichen Zugänge, die gleichen Informationsmöglichkeiten. Wer ins Amphitheater des Netzes gehen und alles zur Schau stellen will, soll das tun. Aber diese Entscheidung muss revidierbar sein.

          Für eine Bürgergesellschaft im Netz

          Gerade macht sich bei vielen die große Enttäuschung breit, die Ernüchterung darüber, dass die Eigendynamik des Netzes nicht automatisch zu mehr Gleichheit und Demokratie geführt hat. In den Untiefen des Netzes geht es nicht nur korrupt und kriminell zu, es kann auch hochgefährlich sein. Aber ein Ausstieg ist nicht möglich, es gibt kein Zurück. Auch die Gesellschaft verändert man nicht, indem man sich selbst genug ist und in den Wald zieht.

          Es ist wie beim Gleichnis mit dem Sämann. Drei Viertel der Saat gingen nicht auf, weil sie auf den falschen Boden fielen. Der Sämann hat es trotzdem probiert, und das eine Viertel, das aufging, hat ihn reich belohnt. Was wir brauchen, ist eine säende Bürgerbewegung für eine Bürgergesellschaft im Netz, für die Aneignung des digitalen Gemeinwohls und gegen die Kontrolle unseres Lebens durch bekannte Unbekannte.

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