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Eine Antwort auf Martin Schulz : Wir sind widersprüchlicher als unser digitaler Zwilling

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Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag: Katrin Göring-Eckardt Bild: Jens Gyarmaty

Bleibt am Menschen nicht immer etwas übrig, das so unberechenbar ist, dass selbst der komplexeste Algorithmus an seine Grenzen stößt? Eine grüne Antwort auf das Schreckensszenario des „determinierten Menschen“ von Martin Schulz.

          7 Min.

          Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht. Aber ich kenne ihre Einrichtung, ihre Lampen und die Gewohnheit, am Abend die Zeitung am Tisch und ein Buch im Sessel zu lesen. Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen. Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. Ich erfahre dann, was er beruflich so vorhat, über wen er sich aufregt, und eben, dass er jetzt wach ist. Ich grüße nicht zurück. Und ich weiß nichts über seine Gewohnheiten beim Zeitunglesen und nicht, was er gerne frühstückt. Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.

          An vielen Tagen liebe ich die Fülle der Informationen, unter denen ich wählen kann. Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde. Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist. Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.

          Von anonymen Algorithmen durchs Netz gelotst

          Nun argumentieren viele, dass es ja die Menschen selbst sind, die alles über sich erzählen und ins Netz stellen, sich faktisch selbst versklaven. „Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei“, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz? Wir wollen es doch auch gebrauchen: Früher stellte man sich ins Amphitheater, um von allen gesehen und gehört zu werden. Oder man stellte sich in der Speakers’ Corner auf eine Kiste. Da sah man das Publikum und seine Reaktion. Später ging es um Einschaltquoten, und heute geht es um Likes und Shares. Wo genau ist also der Unterschied? Liegt er allein darin, dass es mehr Menschen sind, die sehen können, was andere mitzuteilen haben? Liegt er darin, dass da etwas, von dem wir nichts wissen - eine anonyme Riesenmaschine - unsere Daten sammelt in einer Art ewigem Gedächtnis und bei passender Gelegenheit auswertet?

          Das Netz, ein monströser Krake, in dessen Tentakeln wir alle hilflos zappeln? Wenn man sich die Zahlen anschaut, muss man auf diesen Gedanken kommen. Die mobile Internetnutzung liegt global fast bei einer Milliarde Usern, über eine Milliarde Menschen nutzen monatlich Facebook, und Youtube erreicht in den Vereinigten Staaten von Amerika mehr Erwachsene im Alter von achtzehn bis vierunddreißig als jeder andere Broadcaster beziehungsweise Kabel-TV-Sender. Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten. Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.

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