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Open-Access-Debatte : Studieren geht über kopieren

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Sind nicht diejenigen, die dem Open Access zuarbeiten sollen, überwiegend wohlbestallte Beamte, die an den Universitäten der Republik gutes Geld verdienen? Und hat die Öffentlichkeit nicht geradezu einen Anspruch darauf, das von ihren Staatsdienern Geerntete dann auch kostenfrei zu verzehren? Diese Einstellung ist der ideologische Motor, der die Open-Access-Bewegung antreibt. Das Brummen dieses Motors hört man hinter fast allen ihren Kundgebungen, mal leiser, mal lauter. Zuletzt wurde es regelrecht dröhnend in einem Beschluss der Universität Konstanz, die ihre Angehörigen, mit massiver gesetzlicher Ermunterung aus Stuttgart, dazu verpflichtet, gegenüber Verlagen von ihrem „Zweitveröffentlichungsrecht“ Gebrauch zu machen. Wer in Konstanz künftig einer wissenschaftlichen Zeitschrift einen Beitrag liefert, der muss nach einer Schamfrist von nur einem Jahr diesen Beitrag auf den Servern der Universität abliefern. Das Aberwitzige dieser Konstruktion tritt schon darin zutage, dass hier die Wahrnehmung eines „Rechts“ mit Zwang herbeigeführt wird. Hier lässt sich die digitale Enteignung vollends mit Händen greifen.

Unvermeidliches Verlagssterben

Dem Urheber eines Textes wird die Entscheidung darüber, wo und wie er sein geistiges Eigentum publizieren möchte, von seinem Dienstherrn abgenommen, damit dieser es auf seinem eigenen Publikationsforum kostenlos online ausstellen kann. Die Gedanken sind frei. Dass sie gemeinfrei seien, steht nicht im Grundgesetz. Dass die Konstanzer Regelung, wenn sie Schule macht und nicht gerichtlich gekippt wird, für Verlage, die vom Verkauf ihrer Zeitschriften leben, ruinös sein wird, ist offensichtlich. Ebenso klar ist, dass dieser bislang wohl unverblümteste Vorstoß der Open-Access-Vertreter, den Autoren die freie Verfügung über ihr geistiges Eigentum zu entreißen, nicht bei Zeitschriftenaufsätzen haltmachen wird. Es handelt sich hier nur um einen Versuchsballon. Wenn er nicht platzt, wird die digitale Enteignung des Buches zwangsläufig folgen.

Fatalerweise hat nun wiederum der Europäische Gerichtshof in einem verheerend naiven Versuch, seinerseits die Rechte der Urheber zu stärken, die Lage all jener Verlage dramatisch verschlimmert, die nicht am Tropf des Staates hängen, sondern vom Buchverkauf leben. Wie um das Horrorjahr abzurunden, kam kurz vor Weihnachten der Bescheid aus Straßburg: Die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft Wort, die sich bislang Verleger und Autoren teilten, werden den Verlagen entzogen – rückwirkend bis 2012. Damit bricht die ohnehin dürftige Kompensation, die das Buchgewerbe für die Piraterie mit Kopierer und Scanner erhielt und die gerade Kleinverlagen eine Existenzbasis bot, nicht nur endgültig weg. Sie muss auch noch für vier Jahre zurückerstattet werden. Der Leiter des Universitätsverlages Carl Winter in Heidelberg, Andreas Barth, zur bevorstehenden Apokalypse: „Nur die wenigsten Verlage dürften entsprechende Rückstellungen gebildet haben. Ein großflächiges Verlagssterben vor allem der kleineren Häuser dürfte unvermeidlich sein.“

Falls 2016 also tatsächlich das Jahr des großen Verlagssterbens werden sollte, dämmert womöglich auch denjenigen, die unsere derzeit noch üppige deutsche Verlagslandschaft genießen oder sie gar als Luxus belächeln, eine Erkenntnis: Die Verteidigung eines freien Buchmarkts ist keine bibliophile Marotte. Es gibt eine klare statistische Korrelation zwischen verlegerischer Vielfalt und politischer Freiheit. Die DDR ließ nicht mehr als 78 Verlage staatlich zu; der Börsenverein des Deutschen Buchhandels meldet derzeit mehr als 1850 Mitglieder, die Gesamtzahl der bestehenden Häuser dürfte noch deutlich höher liegen. In der Sowjetunion der Breschnew-Zeit gab es etwa 200 Verlage; 2013 war die Zahl der russischen Verleger auf 5727 hochgeschnellt. Ganz China kann heute nur mit 582 Verlagen aufwarten - alle staatlich.

Urs Heftrich hat an der Universität Heidelberg den Lehrstuhl für slawische Literaturwissenschaft inne.

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