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Open-Access-Debatte : Studieren geht über kopieren

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Prof. Juergen Wolf (rechts) ist Leiter des DFG Projekts. Zusammen mit Prof. Hartmut Brozinski will er die Werke der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek im Open-Access-Verfahren zugänglich machen.
Prof. Juergen Wolf (rechts) ist Leiter des DFG Projekts. Zusammen mit Prof. Hartmut Brozinski will er die Werke der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek im Open-Access-Verfahren zugänglich machen. : Bild: Henning Bode

Während traditionelle Verlagshäuser sich auf dem freien Markt behaupten – und deshalb auch über Bücherverkäufe refinanzieren – müssen, während sie nicht nur für ihren Gewinn Steuern zahlen, sondern sogar für Druckkostenzuschüsse (fast ein Fünftel davon kassiert der Fiskus), erwächst ihnen hier eine komplett subventionierte Konkurrenz. Gegen den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung deckt sich die neue Struktur mit dem Schild des Open Access. Das Wort „Staatsverlag“ wäre der Sache mindestens ebenso angemessen, wird aber sorgsam vermieden. Wie wäre es mit „Volkseigener Betrieb“?

Die Qualität eines Buches ist abhängig vom Lektorat

Der Vergleich mag hinken. Ein wesentlicher Unterschied zwischen einem vollständig aus Steuergeldern gespeisten Online-Verlag und einem VEB ist der, dass Letzterer seine Erzeugnisse immer noch verkaufen musste. Das Heilsversprechen des Open Access hingegen besteht in der freien Verteilung des geistigen Manna. Diese soll die gewaltigen Investitionen rechtfertigen. Und ist es denn nicht eine wunderschöne Utopie: das Wissen der Welt frei Haus für alle? Weil aber selbst der DFG dieser Ansatz offenbar einen Hauch zu utopisch vorkommt, hat sie das neu zu etablierende „Geschäftsmodell“ mit einem bemerkenswerten Attribut angereichert: „Tragfähig“ soll es sein. Um sich wirklich zu tragen, müssten aber die hochsubventionierten Online-Verlage irgendwoher Gewinn einspielen. Damit würden sie noch mehr zu einer Kopie der klassischen Verlage – nur mit dem Unterschied, dass denen nicht der Staat in Gestalt der millionenschweren Hebamme DFG ins Leben geholfen hat. Um sich zu tragen, müssten sie vor allem auf Dauer ähnlich attraktive Produkte auf den Markt bringen wie jene Konkurrenz, die sie mit steuerfreiem Benzin rechts überholt haben. Hier hapert es.

Für die Qualität eines Buches bürgen in der Regel Lektorate. Wer einmal monatelang mit einem gewissenhaften Lektor um einzelne Formulierungen eines Textes gerungen hat, um die Frage, was kommentierungsbedürftig ist und was nicht, ja gelegentlich um ein Komma, der weiß, weshalb ein Verlag, der auf sich hält, hier so viel Geld in hochbelesene Fachkräfte investiert. Dabei wird der Name des Lektors im Buch meistens nicht einmal genannt - das Gute galt in der Branche bisher als selbstverständlich. Da sich inzwischen aber auch unter bekennenden Open-Access-Verfechtern herumgesprochen hat, dass die Arbeit eines Lektors niemals durch unbezahlte Peer Reviewer zu ersetzen ist, wird in der Szene ganz offen diskutiert, wo man Redakteure herbekommt: Fachleute, die kein knappes Generalurteil über den Text fällen, sondern ihn Satz für Satz, Wort für Wort, Punkt für Punkt durchgehen, damit die Veröffentlichung nicht zur Blamage wird.

Die Gedanken sind frei, nicht gemeinfrei

Bemerkenswert ist der jüngste Lösungsvorschlag aus dem Netz: Die Redakteure, entnehmen wir einem Blog des Münchner Kunsthistorikers Hubertus Kohle, arbeiten „nur für ihr eigenes Renommee“. So also soll die Zukunftsreise ins digitale Schlaraffenland angetreten werden. Nur: Wer sind die Morlocks, die Arbeitssklaven, die dafür unentgeltlich schuften? Die Utopie hat offenbar ihren Preis. Um ein hochwertiges Produkt umsonst unters Volk bringen zu können, müssen zuvor viele umsonst gerackert haben. Damit streift der Messianismus des Open Access eine für sein Image gefährliche Grenze. Nachdem man viel Tinte und Toner verbraucht hat, um die traditionellen Verlage als raffgierige Ausbeuter anzuschwärzen, die ihre Autoren aussaugen, steht ein hässlicher Verdacht im Raum: Könnte auch aus den ewig offenen Spendierhosen des Open Access ein kleines ausbeuterisches Teufelchen hervorlugen?

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