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Neoreaktion im Silicon Valley : Wenn Maschinen denken

Was geht in diesem computergenerierten Hinterkopf vor, der sich auf der Website „Post-Anathema“ für „neoreaktionäre Ästhetik“ findet? Bild: Mark Chang

Ist künstliche Intelligenz rassistisch? Im Silicon Valley programmieren Neoreaktionäre die Menschheitsgeschichte aus dem Geist der Computer um.

          Die sogenannte Alternative Rechte („Alt-Right“), die für den radikalen Überbau der Regierung Trumps und vor allem seines Chefberaters Bannon sorgt, wird nicht bloß von Konservativen alter Schule gestützt – Leuten also, die gegen Multikulti, Gendertheorie und Silicon Valley wieder eine von der Natur vorgegebene Ordnung zur Geltung bringen wollen. In einem Überblick, den im vergangenen Jahr das Zentralorgan der AltRight-Bewegung gab, die Website „Breitbart“, findet sich neben regelrechten Neonazis natürlich auch diese traditionalistische Strömung noch; sie wird da unter der Überschrift „Natural Conservatives“ geführt, als eine überwiegend von weißen, männlichen und mittelalten Amerikanern bevölkerte Spezies, die aus purem „Instinkt“ die Interessen ihres eigenen demographischen Stamms hochhalte und daher im Unterschied zum republikanischen Establishment den Markt weniger wichtig finde als Autorität, Homogenität und Familie.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch als viel spezifischer erscheint in dem Text eine zuerst im Silicon Valley aufgetauchte Gruppe relativ junger Intellektueller, die sich selbst den Titel „Neoreaktionäre“ oder „NRx“ gibt. Entscheidend ist bei ihnen, dass Traditionen für sie keine Rolle spielen und sie jegliche „Natur“ nicht weniger für ein kulturelles und gesellschaftliches Konstrukt halten als die linken und liberalen Theoretiker, die angeblich den von ihnen so verhassten Mainstream prägen. Der Unterschied ist, dass sie diesem Denkmuster eine neue Füllung geben, eine unverhohlen rassistische und autoritäre nämlich. Sie erheben den Anspruch, die Rationalität, die als emanzipatorisches Fortschrittsprojekt angetreten war, neu zu programmieren.

          Korrektur unserer mentalen Bewegungen

          Ein Hauptideengeber ist der in San Francisco lebende Software-Ingenieur Curtis Yarvin, der unter seinem Blogger-Namen Mencius Moldbug schreibt: „Bei UR“ – gemeint ist sein Blog „Unqualified Reservations“ – „kümmern wir uns nicht um Tradition. Wir akzeptieren nichts Gegebenes, dienen keinem Idol. Im Gegenteil – wir scheißen auf sie.“

          Nicht zufällig waren die Keimzellen der sich auf diversen Websites artikulierenden Ideologie Blogs wie „Overcoming Bias“ oder „Less Wrong“, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen und mit der Vorstellung, mit Hilfe von Computertechnik ewiges Leben erlangen zu können („Transhumanismus“). Bei der dort geübten „Kampfkunst der Rationalität“ geht es in den Worten des Computerforschers Eliezer Yudkowsky nicht zuerst darum, mit Hilfe des menschlichen Verstandes die Maschinen klüger zu machen, sondern vielmehr darum, mit der antizipierten Maschinenintelligenz die menschliche Vernunft zu verändern: „Wir müssen die Wissenschaft auf unsere Intuitionen anwenden, müssen das abstrakte Wissen dazu nutzen, unsere mentalen Bewegungen zu korrigieren.“

          Neudefinition als technoplastische Wesen

          Yudkowsky hat sich persönlich von den Neoreaktionären distanziert, doch der Ansatz, die Logik der Computer zum Richtmaß für das menschliche Denken zu machen, erwies sich als Schlüsselmethode der neuen Ideologie in ihrem Bestreben, sich von der im liberalen Mainstream gipfelnden bisherigen Geistesgeschichte radikal zu entfernen.

          Bei Mencius Moldbug bekommt dieser Mainstream den Namen „The Cathedral“: eine von Universitäten und etablierten Medien erschaffene Pseudoreligion, die ihren illusionären Glauben an liberale Prinzipien und die Demokratie fortlaufend selbst reproduziere. Darauf aufbauend hat der britische Philosoph Nick Land sein Manifest „The Dark Enlightenment“ verfasst. Es seien die neuen Entdeckungen auf dem Gebiet der Biotechnologie, der Computertechnik und der künstlichen Intelligenz, die das Glaubenssystem der „Kathedrale“ zum Einsturz bringen und gleichzeitig die „biologische Identität des Menschen“ selbst verflüssigen könnten. Beides begrüßt Land: „Zu erfahren, wer wir wirklich sind, und uns selbst als technologisch kontingente, als technoplastische Wesen neu zu definieren“, sei ein und dasselbe. Verstanden zu sein, heiße, modifizierbar zu sein.

          Beschleunigen, bis die Rationalität implodiert

          Nick Land hatte unter Künstlern und linken Theoretikern einmal einen guten Ruf, weil er mit besonderer Radikalität die Suche nach einem Außen der Philosophie betreibt. Zudem galt er als ein Vordenker des „Akzelerationismus“, der den Kapitalismus durch dessen Beschleunigung zu überwinden versucht. Heute spricht er von einer Beschleunigung der Geschichte hin zu einer „techno-kommerziellen Singularität“ (also dem Moment, von dem an künstliche Intelligenzen den Menschen das Heft des Handelns aus der Hand nehmen), während die „Kathedrale“ darauf hinarbeite, die Geschichte zu einem Halt zu bringen.

          Die Logik, innerhalb der Spekulationen wie die Singularität plausibel erscheinen, bezeichnet er selbst als „Hyperstition“, also als einen mit technischen Mittel so weit übersteigerten Aberglauben, dass er durch kollektive Praxis real werden kann. Der kürzlich verstorbene Kulturkritiker Mark Fisher rühmte an Land, niemand anderer denke so wie er aus „dem Inneren der Maschinen heraus“, also außerhalb von uns. Er zitiert DJ Steve Goodman (Kode9) mit der These, dass Nick Land die Rationalität, in deren Gefangenschaft er sich fühlte, beschleunigen wollte, bis sie implodiert.

          Demokratie als dysfunktionales System

          Mit dem Geld des Risikokapitalgebers Peter Thiel gründete Eliezer Yudkowsky das „Machine Intelligence Research Institute“ (MIRI), in dem es um die Entwicklung einer wohlwollenden künstlichen Intelligenz geht. Wohlwollend soll sie sein, da sie, wenn ihre Fähigkeiten einmal diejenigen der Menschen übersteigen, Macht über die Menschen haben wird. Bei den Neoreaktionären ist die Frage der Intelligenz schon vom Ansatz her eine Frage der Politik. Entsprechend dem Konzept der „Human biodiversity“, halten sie soziale und ökonomische Unterschiede für verursacht und gerechtfertigt durch ein genetisch bedingtes Intelligenzgefälle unter den Ethnien. Die Vorstellung einer für alle gleichen menschlichen Natur weisen sie zurück.

          Der Universalismus ist für Mencius Moldbug bloß noch ein „Mysterienkult der Macht“. Die Demokratie halten sie für ein dysfunktionales System. Die Herrschaft sollte den Intelligentesten anvertraut werden, innerhalb einer kleinteiligen feudalen Struktur oder einer Monarchie, gleich, ob der Monarch dann ein Roboter ist oder noch ein Mensch. Curtis Yarvin empfahl einmal den Tesla-Chef Elon Musk als „CEO-King von Amerika“. Der Transhumanist Michael Anissimov meint auf jeden Fall, die neuen Techniken zwängen die Gesellschaften, sich radikal umzustrukturieren.

          Aus der Perspektive der transhumanistischen Maschinen

          Man muss den Einfluss dieser esoterisch-rassistischen Internetzirkel, die sogar eine eigene Website für „neoreaktionäre Ästhetik“ mit computergenerierten Bildern im mal futuristischen, mal militaristischen Gothic-Style betreiben („Post-Anathema“), nicht übertrieben groß veranschlagen. Doch ihre pure Existenz ist beunruhigend. Sie entlarven nämlich gleich zwei politische Unschuldsvermutungen als illusionär: zum einen die eines Jargons, der das Reden über die gesellschaftliche Konstruiertheit der Wirklichkeit, der Menschen und deren Geschlechter für notwendigerweise links oder liberal hält. Und zum anderen die eines Künstliche-Intelligenz-Palavers, das sich selbst als fortschrittlich oder zumindest neutral, nämlich rein wissenschaftlich oder technisch ausgibt. In Wirklichkeit kann die Zusammenführung der beiden Diskurse, wie die Neoreaktionäre zeigen, schnurstracks in eine totalitäre Dystopie gleiten. Wie ist das möglich?

          Das Denken, das die Neoreaktionäre von den Maschinen lernen wollen, ist die Übersteigerung eines isolierten, von jeglicher Körperlichkeit und Erfahrung losgelösten Rationalismus. Eine solche Form von Abstraktion hat eine Tradition auch schon längst vor den Computern. Aber erst mit ihnen kann es sich völlig verselbständigen und Tempo aufnehmen. Wenn man erst einmal die Perspektive der sogenannten transhumanistischen Maschinen einnimmt, die uns demnächst beherrschen sollen, wird die gesamte von der menschlichen Erfahrung ausgehende Denkgeschichte von Aristoteles bis Jürgen Habermas hinfällig. Habermas hatte in „Die Zukunft der menschlichen Natur“ schon 2001 geschrieben, die Unterscheidung zwischen „Hergestelltem“ und „von Natur aus Gewordenem“ sei „für unser Selbstverständnis als Gattungswesen konstitutiv“; deshalb könnte die Verwischung dieses Unterschieds „notwendige Bedingungen für autonome Lebensführung und ein universalistisches Verständnis von Moral berühren“.

          Ständig neue Wünschbarkeiten und Plausibilitäten

          Dies ist genau das, was jetzt passiert. Für linke Theoretiker könnte die rechte Umprogrammierung ihrer dekonstruktivistischen Perspektive eine Mahnung sein, sich nicht durch die Eigendynamik modischer Versatzstücke einlullen zu lassen. In Trumps Amerika, aber auch andernorts haben die Rechten nicht bloß den erkenntnistheoretischen Relativismus für sich gekapert („alternative Fakten“), sondern auch andere ehemals als progressiv geltende Elemente, von der mit Zitaten spielenden Popkultur („Memes“) bis zur Hochschätzung rebellischer Gesten. „Wir Neoreaktionäre sind selbst aus diesen Intellektuellen geboren; wir fügen uns gut in die progressive Gesellschaft ein“, zitierte Nick Land gerade auf seinem Blog einen Text von der neoreaktionären Website „Social Matter“.

          Das linke Magazin „Viewpoint“ meint in einem gerade erschienenen Artikel, das Auftauchen der Neoreaktionäre zwinge die Mainstream-Apologeten des Neoliberalismus zu einer Entscheidung: „Entweder werfen sie sich der Pseudowissenschaft des Silicon-Valley-Hyperrassismus an den Hals, oder sie weisen die riesigen wirtschaftlichen Ungleichheiten zurück, die die Marktgesellschaft hervorbringt“. Doch die vorausliegende Entscheidung, die getroffen werden muss, ist noch viel grundsätzlicher: Entweder man geht der vermeintlich vorurteilslosen, in Wirklichkeit bloß isolierten Rationalität des Redens über Biotechnologie und künstliche Intelligenz auf den Leim, die ständig neue Wünschbarkeiten und Plausibilitäten entwickelt und dabei ganz haltlos ist. Oder man bekennt sich zur Unterfütterung des Denkens durch körperlich vermittelte Erfahrung. Das kann das Wissen sein, wie eine Blume riecht, aber auch die Fähigkeit, sich in Leute einzufühlen, die von der neuen Übermenschenideologie im Namen der Wissenschaft zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden.

          Unterdessen berichtet die Zeitung „Politico“, Trumps Stratege Steve Bannon habe kürzlich schon über einen Mittelsmann Kontakt mit Curtis Yarvin aufgenommen; was bei diesem Austausch des neoreaktionären Vordenkers mit der amerikanischen Regierung herauskam, ist allerdings nicht überliefert.

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