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Neoreaktion im Silicon Valley : Wenn Maschinen denken

Aus der Perspektive der transhumanistischen Maschinen

Man muss den Einfluss dieser esoterisch-rassistischen Internetzirkel, die sogar eine eigene Website für „neoreaktionäre Ästhetik“ mit computergenerierten Bildern im mal futuristischen, mal militaristischen Gothic-Style betreiben („Post-Anathema“), nicht übertrieben groß veranschlagen. Doch ihre pure Existenz ist beunruhigend. Sie entlarven nämlich gleich zwei politische Unschuldsvermutungen als illusionär: zum einen die eines Jargons, der das Reden über die gesellschaftliche Konstruiertheit der Wirklichkeit, der Menschen und deren Geschlechter für notwendigerweise links oder liberal hält. Und zum anderen die eines Künstliche-Intelligenz-Palavers, das sich selbst als fortschrittlich oder zumindest neutral, nämlich rein wissenschaftlich oder technisch ausgibt. In Wirklichkeit kann die Zusammenführung der beiden Diskurse, wie die Neoreaktionäre zeigen, schnurstracks in eine totalitäre Dystopie gleiten. Wie ist das möglich?

Das Denken, das die Neoreaktionäre von den Maschinen lernen wollen, ist die Übersteigerung eines isolierten, von jeglicher Körperlichkeit und Erfahrung losgelösten Rationalismus. Eine solche Form von Abstraktion hat eine Tradition auch schon längst vor den Computern. Aber erst mit ihnen kann es sich völlig verselbständigen und Tempo aufnehmen. Wenn man erst einmal die Perspektive der sogenannten transhumanistischen Maschinen einnimmt, die uns demnächst beherrschen sollen, wird die gesamte von der menschlichen Erfahrung ausgehende Denkgeschichte von Aristoteles bis Jürgen Habermas hinfällig. Habermas hatte in „Die Zukunft der menschlichen Natur“ schon 2001 geschrieben, die Unterscheidung zwischen „Hergestelltem“ und „von Natur aus Gewordenem“ sei „für unser Selbstverständnis als Gattungswesen konstitutiv“; deshalb könnte die Verwischung dieses Unterschieds „notwendige Bedingungen für autonome Lebensführung und ein universalistisches Verständnis von Moral berühren“.

Ständig neue Wünschbarkeiten und Plausibilitäten

Dies ist genau das, was jetzt passiert. Für linke Theoretiker könnte die rechte Umprogrammierung ihrer dekonstruktivistischen Perspektive eine Mahnung sein, sich nicht durch die Eigendynamik modischer Versatzstücke einlullen zu lassen. In Trumps Amerika, aber auch andernorts haben die Rechten nicht bloß den erkenntnistheoretischen Relativismus für sich gekapert („alternative Fakten“), sondern auch andere ehemals als progressiv geltende Elemente, von der mit Zitaten spielenden Popkultur („Memes“) bis zur Hochschätzung rebellischer Gesten. „Wir Neoreaktionäre sind selbst aus diesen Intellektuellen geboren; wir fügen uns gut in die progressive Gesellschaft ein“, zitierte Nick Land gerade auf seinem Blog einen Text von der neoreaktionären Website „Social Matter“.

Das linke Magazin „Viewpoint“ meint in einem gerade erschienenen Artikel, das Auftauchen der Neoreaktionäre zwinge die Mainstream-Apologeten des Neoliberalismus zu einer Entscheidung: „Entweder werfen sie sich der Pseudowissenschaft des Silicon-Valley-Hyperrassismus an den Hals, oder sie weisen die riesigen wirtschaftlichen Ungleichheiten zurück, die die Marktgesellschaft hervorbringt“. Doch die vorausliegende Entscheidung, die getroffen werden muss, ist noch viel grundsätzlicher: Entweder man geht der vermeintlich vorurteilslosen, in Wirklichkeit bloß isolierten Rationalität des Redens über Biotechnologie und künstliche Intelligenz auf den Leim, die ständig neue Wünschbarkeiten und Plausibilitäten entwickelt und dabei ganz haltlos ist. Oder man bekennt sich zur Unterfütterung des Denkens durch körperlich vermittelte Erfahrung. Das kann das Wissen sein, wie eine Blume riecht, aber auch die Fähigkeit, sich in Leute einzufühlen, die von der neuen Übermenschenideologie im Namen der Wissenschaft zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden.

Unterdessen berichtet die Zeitung „Politico“, Trumps Stratege Steve Bannon habe kürzlich schon über einen Mittelsmann Kontakt mit Curtis Yarvin aufgenommen; was bei diesem Austausch des neoreaktionären Vordenkers mit der amerikanischen Regierung herauskam, ist allerdings nicht überliefert.

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