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Künstliche Intelligenz : Der ist jetzt Koch, und der ist Kellner

  • -Aktualisiert am

Erschwinglich sind künstliche Helfer inzwischen. Dieser humanoide Roboter kostet circa 1.600 Dollar. Bild: interTOPICS /Stringer Xinhua / e

Bald sollen wir Roboter als Chefs haben. Vorgesetze, die nie schlechte Laune haben. Aber Microsofts pöbelnder Chatbot Tay hat uns gezeigt, dass nicht alles intelligent ist, was künstliche Intelligenz genannt wird.

          Groß war der Jubel der Programmierer, als vor wenigen Wochen die Google-Software Alpha Go den südkoreanischen Spitzenspieler Lee Sedol beim Brettspiel Go besiegt hatte. Der höfliche Asiate klatschte beide Hände auf die Stirn und gratulierte dem Gegner – Google. Hatte sich soeben eine kleine Revolution abgespielt? Go gilt als wegen seiner mannigfaltigen Spielmöglichkeiten – nach vier Zügen ist man schon im Milliardenbereich – als komplexestes Spiel der Welt, als letzte Bastion menschlicher Intelligenz. Und die hat nun eine Maschine geschliffen. Der Computer wandte nicht nur stupide Regeln an wie der von IBM entwickelte Schachcomputer Deep Blue, der 1997 Schachweltmeister Garri Kasparow bezwang, sondern lernte mit Hilfe neuronaler Netzwerke dazu, wie ein Mensch. Der Sieg der Software gegen einen der weltbesten Go-Spieler wurde als ein großer Schritt in der Entwicklung selbstlernender Maschinen gewertet, als Meilenstein der künstlichen Intelligenz (KI).

          Der Siegeszug der KI wird von der Industrie gerne als lineare Entwicklung dargestellt. Nun könnten Roboter bald auch den Posten des Chefs übernehmen. Der japanische Elektronikkonzern Hitachi hat ein KI-System in seinen Logistikzentren entwickelt, das menschlichen Mitarbeitern konkrete Arbeitsaufgaben zuweist und damit zum Chef wird. Ein Computer analysiert die menschlichen Arbeitsabläufe und erteilt auf dieser Grundlage neue Handlungsanweisungen. Statt auf vorprogrammierte Instruktionen wie bei einer Logistiksoftware zurückzugreifen, soll das KI-System von dem „Skript“ abweichen und sich an neue Bedingungen wie Wetter und Nachfrageänderungen anpassen.

          Auch Algorithmen können diskriminieren

          Bislang übernahmen Roboter einfache Tätigkeiten wie Putzen oder Paketepacken. Der Mensch war Koch, die Maschine Kellner. Doch nun könnte das Verhältnis kippen. Nicht mehr der Mensch befehligt die Maschine, sondern die Maschine den Menschen. Das Marktforschungsinstitut Gartner schätzt, dass bis 2018 drei Millionen Arbeiter von einem „Robo-Boss“ beaufsichtigt werden. „Roboterchefs werden zunehmend Entscheidungen treffen, die zuvor nur von menschlichen Managern getroffen werden konnten“, heißt es in dem Bericht. Das Versprechen der Roboter-Chefs ist, dass sie ihre Angestellten vorurteilsfrei führen. Wenn der Arbeiter in allen Aktivitäten messbar wird, könnte man ihn nur anhand seiner Daten bewerten.

          Ist er nicht niedlich? Der äußeren Form nach kommt die künstliche Intelligenz mit dem Kindchen-Schema angerollt.

          Die Maschine, so die Idee, sieht nicht, welcher Herkunft ein Arbeiter ist, welche Religion oder Ansichten er hat. „Maschinen sind emotionsfrei und behandeln, wenn sie entsprechend programmiert wurden, ihre Mitarbeiter fair und gerecht“, sagt Eric Hilgendorf, Professor für Strafrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Universität Würzburg und Leiter der Forschungsstelle RobotRecht. „Sie haben keine schlechte Laune, die sie an anderen auslassen könnten.“ Es spreche deshalb sogar einiges dafür, Maschinen als Chefs zu haben. Gleichwohl: Auch Algorithmen können diskriminieren. Keine Technik ist wertfrei, weil sie immer vom Menschen programmiert wird. Und der hat nun mal Vorurteile.

          Der Fehler steckt im System

          Microsoft hat vor kurzem einen Chatbot entwickelt, der auf Twitter mit der Welt kommunizieren und durch die Konversationen dazulernen sollte. Die als junge Frau modellierte „Tay“ wurde mit Daten gefüttert, die vom Entwicklerteam „gesäubert und gefiltert“ wurden. Doch schon kurz nachdem Tay im Netz von der Leine gelassen wurde, pöbelte sie, was die Leitung hergab. Denn eine Schar Twitter-Trolle hatte sich einen Spaß daraus gemacht, der künstlichen Intelligenz falsche Fakten beizubringen. Das so Gelernte verrührte Tay zu einem kruden Brei diffamatorischer Aussagen. Innerhalb weniger Stunden wurde das „unschuldige“ Robo-Girl zu einer Rassistin. Das Experiment zeigt, wie künstliche „Intelligenz“ aus dem Ruder laufen kann. Kritiker reagierten darauf mit volkspädagogischem Pathos, man müsste die Roboter erziehen und an die Leine nehmen.

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