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Künstliche Intelligenz : Der ist jetzt Koch, und der ist Kellner

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Nur der Schein von Intelligenz

Der amerikanische Philosoph John R. Searle entwarf vor vielen Jahren sein berühmtes Gedankenexperiment vom chinesischen Zimmer: Eine Person sitzt in einem geschlossenen Raum. Sie kann weder Chinesisch sprechen noch die Schriftzeichen entziffern. In dem Raum befinden sich ein unbegrenzter Vorrat chinesischer Zeichen sowie eine Anleitung, wie diese zu legen sind. Durch einen Schlitz in der Wand erhält die Person Geschichten auf Chinesisch mit Fragen. Vor dem Raum steht ein chinesischer Muttersprachler, der die Antworten durch die Klappe entgegennimmt. Nach einiger Zeit legte die Person schnell und zuverlässig die korrekten Schriftzeichen in den Kasten.

Was muss sich der Außenstehende dabei denken? Er kommt zu dem Schluss, dass in dem Raum eine Person sitzt, die ebenfalls Chinesisch spricht. Aber hat es der Außenstehende mit Intelligenz zu tun? Der Mathematiker Alan Turing hätte gesagt, ja. Searle sagt, nein, so zu tun, als ob, genüge nicht. Das bloße Sortieren und Arrangieren der Zeichen reiche für Intelligenz nicht aus. Denn die erfordere Intentionalität und Bewusstsein. Searle wollte anhand dieses Gedankenexperiments beweisen, dass ein Programm, das den Turing-Test besteht, nicht unbedingt intelligent ist, es erscheint nur so. Computer spielen kein Schach, und sie denken auch nicht.

Unklar gewordene Rollenverteilung

Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist keine Einbahnstraße. Vor kurzem wurde bekannt, dass ein Roboter-Anästhesist des Gesundheitskonzerns Johnson&Johnson, der im Mai 2015 erstmals eingesetzt wurde und die Behandlungskosten reduzieren sollte, vom Markt genommen wurde. „Erste Roboter verlieren Jobs aufgrund von Menschen“, schrieb die deutsche Ausgabe des Technikmagazins „Wired“. Die Mensch-Maschine-Dialektik erhält damit eine ganz andere Wendung, ein neues Narrativ. Es ist eine umgekehrte Erzählung: Der Mensch nimmt Maschinen den Arbeitsplatz weg. Das Interessante daran ist, dass man Robotern doch Subjektivität einräumt, indem man ihnen den Jobverlust ankreidet.

Der Rechtswissenschaftler Brett Frischmann und der Philosoph Evan Selinger stellten in einem Beitrag für den „Guardian“ die These auf, dass der Turing-Test heute anders gedacht werden müsse: Die Frage sei nicht, ob Maschinen irgendwann menschenähnlich werden, sondern, ob der Mensch maschinenähnlich und programmierbar werden könne. Menschen in Call-Centern arbeiten heute bestimmte Skripts ab und operieren im Ergebnis wie ein Roboter. Der Außenstehende weiß wie der Muttersprachler beim chinesischen Zimmer nicht, ob er es mit einem maschinenähnlichen Menschen oder einer menschenähnlichen Maschine zu tun hat. Das ist die eigentliche Pointe der Entwicklung.

Nach Bruno Latour ist die Welt voller Hybride, Quasi-Subjekte, die nicht nur konstruiert sind, sondern durch Vermittlung und Delegation selbst konstruieren und nicht beherrschbar sind. Latour erkennt in seinem Werk „Das Parlament der Dinge: Für eine Ökologie der Dinge“ (2001) Maschinen und Tiere als Akteure in einem sozialen System an und stellt damit die Außengrenze der einen Menschheit in Frage. Beim Duell Mensch gegen Maschine sind die Rollen gar nicht mehr klar verteilt.

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