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Künstliche Intelligenz : Der ist jetzt Koch, und der ist Kellner

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Dabei ist es nicht damit getan, dem Bot einfach nur moralische Wertvorstellungen wie Respekt und Toleranz einzuprogrammieren. Mit einem algorithmischen Kniff könnte ein Roboter kritische Meinungsäußerungen auf ein kleines Publikum beschränken, ohne eine kritische Masse von Unterstützern zuzulassen. Politik würde zu einer bloßen Simulation. Auf Twitter geistern massenhaft Fake-Accounts und Chatbots, die den Kurznachrichtendienst systematisch mit propagandistischen Beiträgen bombardieren und Stimmungen erzeugen. Es geht hier also nicht nur um einzelne Meinungen, sondern um ein systemisches Problem.

Nur eine von vielen Schaltstellen

Der Soziologe Bruno Latour entwickelte ein interessantes Gedankenexperiment: In einem Telefongespräch erzählen sich Hélène und Adam eine Geschichte über London, über Züge, Bahnhöfe, Waterloo und den Besuch der National Gallery – eine Story, die nicht viel anders als Tagträumerei oder eine Novelle ist. Die Geschichte bekommt jedoch eine andere Bedeutung, als sie am Telefon beschließen, einen gemeinsamen Ausflug nach London zu unternehmen. Das Skript wird zur Vorlage für eine künftige Aktivität, in der sie die ihnen zugeteilten Rollen zu erfüllen haben. „Hélène und Adam aus Fleisch und Blut“, schreibt Latour, „sind nun die delegierten Charaktere ihrer eigenen Story, aber, und das ist der Punkt, die Geschichte ist nicht mehr ihre.“ Die imaginierten Akteure in dem Plot können sich in dem Kosmos, den sie vor ein paar Minuten noch ersonnen hatten, verändern.

Latour dekonstruiert den Vorgang und fädelt die Handelnden in seine Akteur-Netzwerk-Theorie ein. Wer geht nach London? Die Hélène vom Telefon? Der Hélène in der Story? Oder die delegierte Hélène, die eine bestimmte Rolle ausfüllen soll? Nach Latour sind es viele Hélènes, die nach London gehen. Was soll uns dieses Gedankenexperiment sagen? Latours These ist, dass sich der Mensch zwar noch nicht in Chips verwandelt hat, aber kein subjektives, intentionales Wesen ist, sondern eine von vielen Schaltstellen in einem riesigen neuronalen Netzwerk. Intelligenz, schreibt Latour, „ist eine geteilte Fähigkeit, Geschichten, Handlungsroutinen und Subroutinen zu verknüpfen und sie zu vielen Haltern eines Neuronennetzes zu verspinnen“. Übertragen auf die Robo-Bosse oder Chatbots bedeutet das, dass, sobald vom Skript abgewichen wird, ein neuer Handelnder auf den Plan tritt, der das Geschehen mitbestimmt.

Mehr Menschlichkeit

Latours zentrales Argument ist, dass man in diesem Interaktionsgeflecht gar nicht mehr weiß, wer eigentlich Akteur, wer Subjekt und was Objekt ist. Wenn der Chatbot Tay rassistischen Müll von sich gibt – wem ist dieser Sprechakt, der er ja zweifellos ist, zuzurechnen? Dem Entwickler? Oder dem Bot selbst? Wenn Algo-Trader auf Basis algorithmisch generierter Finanzberichte, wie sie Associated Press produziert, Transaktionen am Terminmarkt vollziehen – wer handelt dann? In letzter Konsequenz hieße das, dass man auch Maschinen Subjektivität konzedieren und sie als Akteure in einem sozialen System anerkennen müsste. Soll man Algorithmen also zu Debatten zulassen?

Wirkt selbstbewusst, hat aber kein Selbstbewusstsein: Ein IBM-Roboter tritt auf der Cebit in Hannover auf.
Wirkt selbstbewusst, hat aber kein Selbstbewusstsein: Ein IBM-Roboter tritt auf der Cebit in Hannover auf. : Bild: AFP

Apple argumentierte im Streit mit dem FBI um die Entschlüsselung eines iPhones, seine Codes fallen unter die Meinungsfreiheit nach dem First Amendment. Man möchte sich aber besser nicht vorstellen, was passiert, wenn in der Kommunikation im Internet der Dinge jeder Code als Meinung angesehen wird. Vielleicht war der Twitterbot Ray auch deshalb so verstörend, weil er so verblüffend menschenähnlich pöbelte und diffamierte. Die Annahme, die menschliche Dummheit werde ein technologiefreier Raum bleiben, ist durch das Tay-Experiment eindrucksvoll widerlegt. Das Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ erhob jüngst die Forderung, Fehler in Maschinen einzuprogrammieren, um sie menschlicher zu machen. Bloß: Ab wann ist ein Roboter ein Individuum?

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