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Kenneth Goldsmith, Digitalpoet : Ich will keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft

  • -Aktualisiert am

Kenneth Goldsmith im Jahr 2013, damals bei seiner Aktion „Printing out the Internet“. Auch das brauchte schon Zeit. Bild: Kunsthalle Düsseldorf

Von 2015 an kann man an der University of Pennsylvania den Uncreative-Writing-Kurs „Wasting Time on the Internet“ besuchen. Ein Treffen im Netz mit Kenneth Goldsmith, der ihn anbietet.

          8 Min.

          Der Digital- und Konzeptpoet Kenneth Goldsmith ist ein vielbeschäftigter Mann. Eine seiner Tätigkeiten ist die Lehre von Poetik und Poetischer Praxis an der zur Ivy League zählenden University of Pennsylvania. Dort wird Goldsmith im Frühjahr 2015 den Kurs „Wasting Time on the Internet“ anbieten, der sich konzepttreu in seine Lehre vom „Unkreativen Schreiben“ eingliedert. Die Studenten sollen sich pro Seminarsitzung drei Stunden lang durchs Internet treiben lassen und das tun, was gemeinhin als „Zeit verschwenden“ bezeichnet wird. Und daraus soll am Ende Literatur entstehen?

          In Amerika ist der 1961 geborene Goldsmith ein vielbeachteter Dichter und Literaturwissenschaftler, in Deutschland ist er – abgesehen vom interessierten Fachpublikum – noch relativ unbekannt. Um ihn kennenzulernen, treffen wir uns an seinem Lieblingplatz, dem Ort, an dem sich alles für ihn verändert hat: Wir treffen uns im Netz. „Als ich 1993 das erste Mal am Computer die damals noch primitiven Impulse des Internets vor mir hatte, habe ich realisiert, dass ich die ganzen Worte, die ganze Sprache, die über meinem Bildschirm strömt, einfach ausschneiden und in mein Textdokument einfügen kann. Genau in diesem Moment habe ich festgestellt, dass ich nie wieder ein Wort im traditionellen Sinne ,schreiben‘ muss, und von da an war das Schreiben nie wieder dasselbe für mich.“

          Der Umgang mit Worten

          Als Bildhauer hatte Goldsmith sich mit Anfang zwanzig der Kunst zugewandt. Auf seine Skulpturen schrieb er meist Worte und Sätze, und mit der Zeit veränderten sich seine Trägerflächen – von der Plastik zur Wand, zum Papier, zum Bildschirm. Goldsmith hatte eingesehen, dass ihm der Umgang mit Worten immer wichtiger wurde als das Schaffen der Skulpturen, auf die er die Worte schrieb. So wechselte er die Disziplin, aber nicht seine Herangehensweise. Er wurde zum Konzeptpoeten.

          Goldsmith bei seiner Lesung im Weißen Haus 2011
          Goldsmith bei seiner Lesung im Weißen Haus 2011 : Bild: Privat

          Goldsmith hat einen federnden Stand, wenn er am Rednerpult steht. Seine Bewegungen unterstreichen subtil die Musikalität, in der er spricht. Mit diesen Gesten las er 2011 auch im Weißen Haus, wo ihn Barack Obama anlässlich der „White House Poetry Night“ empfing. „Die Macht der Dichtung ist, dass sie jeder anders erlebt“, sagte der amerikanische Präsident in seiner Eröffnungsrede: „Es gibt keine Regeln, was ein gutes Gedicht ausmacht. Es geht dabei nicht nur um Metapher und Versmaß. Ein großartiges Gedicht lässt uns nachdenken, fordert uns heraus und lehrt uns etwas über uns selbst und die Welt.“

          Verkehrsmeldungen eines ganzen Jahres

          Dann trat Goldsmith in einem psychedelisch gemusterten Anzug vors Publikum und las aus seinem Werk „Traffic“. Für einige war das eine Provokation, für noch mehr wohl Auslöser der Frage, was das eigentlich solle. In „Traffic“ – einer Hommage an ein Gedicht Walt Whitmans über den Ort, an dem die Brooklyn Bridge später noch entstehen sollte – hält Goldsmith sämtliche Verkehrsmeldungen eines ganzen Jahres über die New Yorker Brücke fest. „Traffic“ gehört zu Goldsmiths New-York-Trilogie, für die er auch ein Jahr lang Wettervorhersagen und das längste, neun Innings umfassende Baseballmatch der Major League (New York Yankees gegen die Boston Red Sox im August 2006) aus dem Radio transkribierte. „Worte zu recyclen ist politisch und ökologisch nachhaltig“, sagt Goldsmith, und „man kann beides sein, unauthentisch und aufrichtig.“

          Sollten sich im Frühjahr Studenten händereibend für den Zeitverschwendungskurs anmelden, weil sie glauben, dort schnell und einfach Credits abgreifen zu können, so werden sie sich mit großen Augen anschauen. Denn was nach Unsinn klingt, ist kunst- und kulturtheoretisch gründlich fundiert. In Goldsmiths Lehre und somit auch im Kurs fließt ein breites Spektrum unterschiedlicher künstlerischer Theorien und Konzepte zusammen – mit Dada, Fluxus und dem Konkretismus seien nur einige genannt.

          Dämmerzustand zwischen Wachsein und Einschlafen

          Jeder kennt das Phänomen: Wenn man im Bett liegt und die Gedanken treiben lässt, kommen einem kurz vor dem Einschlafen die besten Ideen. Nur ist man meist viel zu müde, um sie zu notieren. Das habe einen Grund, erklärt Goldsmith und verweist auf die Surrealisten und ihre Technik der Écriture Automatique: „Für die Surrealisten war der ideale Ausgangspunkt künstlerischen Schaffens der Dämmerzustand zwischen Wachsein und Einschlafen; das Ausgraben von Bildern aus dem eigenen trüben Unbewusstsein – und deren Umsetzung auf Papier oder Leinwand. Die Surrealisten verstanden das Schlafwandeln als optimalen, gesellschaftlichen Zustand. Deswegen wollte André Breton im ,Surrealistischen Manifest‘ auch wissen: ,Wann werden wir schlafende Logiker, schlafende Philosophen haben?‘ Es scheint, als hätte sich die surrealistische Vision einer Traumkultur heutzutage durch den technologischen Fortschritt verwirklicht. Wir sind eingebettet in ein neues kollektives Unbewusstsein, an diverse elektronische Geräte geschnallt, halb wach, halb schlafend. Wir telefonieren, während wir im Web surfen, hören mit halbem Ohr, was zu uns gesagt wird, schreiben gleichzeitig E-Mails und überprüfen unsere Status-Updates. Wir sind sehr gut darin geworden, zerstreut zu sein.“

          Früher beschrieb er seine Skulpturen: Kenneth Goldsmith, 2008
          Früher beschrieb er seine Skulpturen: Kenneth Goldsmith, 2008 : Bild: David Velasco

          Von einem kreativen Standpunkt aus betrachtet, sei das ein Grund zu feiern, da es neue Möglichkeiten zum Schreiben gebe. Die immer ausuferndere Menge Text im Internet ist für Goldsmith ideales Rohmaterial für neue Literatur, das man nur bearbeiten muss: „Ob disjunktiv, komprimiert, dekontextualisiert und neu zusammengesetzt, es können leicht Kunstwerke daraus entstehen.“ In seinen Theorien hat Goldsmith auch die Idee des „Umherschweifens“, die von der „Situationistischen Internationale“ verfolgt wurde, digitalisiert und auf das literarische Schaffen übertragen. Beim dérive, dem Erkunden einer Stadt durch zielloses Herumtreiben, sammelten die Situationisten um ihren Vordenker Guy Debord Inspirationen für ihre Kunst.

          Die literarische Rückgewinnung

          Und es gibt weitere Vorbilder: „Walter Benjamins von Haschisch getriebene Trance, mit der er durch die Straßen und Geschäfte von Paris lief – was auch zu seinem epischen Passagen-Werk führte –, ist als Metaraum eng mit unserem Surf-Verhalten verwandt. Die literarische Rückgewinnung der von ihm in den Straßen verschwendeten Zeit ist ein großartiges Beispiel dafür, was die Studenten meines Kurses vor ihren Bildschirmen fortführen können.“ Während aber die Surrealisten und Benjamin diesen Zustand anstrebten, neigten wir dazu, so Goldsmith, uns dabei schlecht zu fühlen, da wir annehmen, dass wir unsere Zeit zielgerichtet und produktiv gestalten sollten, selbst wenn sie in Wahrheit auch gleichzeitig ziellos und produktiv genutzt sein kann. Da sich unser Leben ziemlich oft vor Computerbildschirmen abspielt, sollten wir unseren Online-Erfahrungen genauso viel Wert und Vielfältigkeit zugestehen wie unseren anderen Lebenserfahrungen. Es sei ein Fehler, Online-Erfahrungen als isoliert zu betrachten, sie stünden in direktem Zusammenhang mit unserem Leben. Deswegen sollten wir das Schuldgefühl verlieren, wenn wir Zeit im Internet verschwendet haben.

          Aber natürlich ist es etwas komplizierter. Goldsmith macht stets einen Spagat zwischen bewährter Vergangenheit und gegenwärtigen Entwicklungen und sucht dabei nach neuen Lösungen für die Kunst. An Pariser Hauswände schrieben die Situationisten im Mai 1968 die Parole „Vivre sans temps mort“ (Leben ohne vergeudete Zeit), was zum Schlachtruf wurde, sich Räume zurückzuerobern und gegen Bürokratien zu stellen, „die einem das Leben aussaugen“, wie Goldsmith sagt. Genauso sei es mit „Wasting Time on the Internet“. Beide Ideen kreisen um Rückgewinnung, eigene Zurücknahme und die Aufforderung zur Entfremdung.

          Potential für neue Romane und Autobiographien

          Browser-Chronik, Chat- und Nachrichtenverläufe und eventuell Screenshots der besuchten Seiten sollen eine Materialsammlung ergeben, die die Kursteilnehmer ausbeuten. Goldsmith sieht darin das Potential für neue Romane und Autobiographien. „Unsere Browser-Chronik ist unser neues Gedächtnis. Und Facebook ist unsere kollektive Autobiographie: In all seiner Hässlichkeit und Pracht zeigt es genau, wie wir sind. Das Surfen im Web ist Selbstausdruck: jeder Klick ein Indikator für unsere Neigungen und Abneigungen, unsere Gefühle, unsere Denkweise und Weltsicht. Natürlich haben das viele kommerzielle Produzenten längst erkannt; die Literatur jedoch ahnt noch nicht mal, was für ein Schatz da liegt und dass man ihn heben kann.“

          Goldsmith während seiner Lesung im MoMa 2013, dessen Poet Laureate er war
          Goldsmith während seiner Lesung im MoMa 2013, dessen Poet Laureate er war : Bild: Lawrence Schwartzwald

          Da Goldsmiths Programm als Creative-Writing-Seminar angelegt ist, werden die Studenten in der Erwartung kommen, traditionelle Kreativität zu erlernen, und mit der Motivation, bald selbst den nächsten großen Roman zu schreiben – mit eigenen, neuen Worten. Da stellt sich schnell die Frage, wie Goldsmith seinen Studenten klar machen will, dass die von ihm propagierte künstlerische Aneignung nicht einfach Diebstahl ist. Die Grundlagen seiner Lehre mache er seinen Studenten immer ganz am Anfang klar: Sie werden dazu gezwungen zu plagiieren, sich Texte anzueignen, die sie nicht selbst geschrieben haben, aber als ihre eigenen ausgeben müssen.

          Eine der sonst verwerflichsten Handlungen

          Eine Abschlussaufgabe sei dann, dass sie aufgefordert werden, bei einem Ghostwriter einen Aufsatz zu kaufen und ihren Namen darunter zu setzen. Diesen müssen sie dann als eigenen verteidigen – eine der sonst verwerflichsten Handlungen im akademischen Betrieb. Was die Studenten bisher in ihrer universitären Laufbahn heimlich getan haben – paraphrasieren, abschreiben, Wort für Wort kopieren, Absätze klauen –, müssen sie diesmal offenlegen und bewusst entscheiden. „Dadurch stellen sich neue Fragen: Was genau stehle ich da? Und warum? Was sagen meine Entscheidungen, mir genau dieses oder jenes anzueignen, über mich selbst? Waren meine Gefühle dafür verantwortlich, meine Geschichte? Oder meine Vorurteile, meine Leidenschaften? Die Selbstkritischen unter den Studenten wenden sich sofort formaler Verbesserung zu: Hätte ich besseres Material klauen können? Hätten meine Methoden, die Texte zu konstruieren, besser sein können?“

          Ein weiteres Argument Goldsmiths ist, dass es bereits so viel Text auf dieser Welt gebe, dass, rein pragmatisch gesehen, kein weiterer generiert und hinzugefügt werden müsse. Neue Romane seien bloß formale Abwandlungen und Variationen jener Themen, die Menschen schon immer beschäftigt haben. Das neue Produkt selbst sei dadurch nicht mehr im herkömmlichen Sinne interessant. „Und wenn das Produkt nicht mehr interessant ist, dann müssen wir den Entstehungsprozess beurteilen. Der Fokus muss sich vom Objekt auf die Idee richten. Dabei ist das nichts Neues; in der Konzeptkunst gab es das schon vor fünfzig Jahren. Die Literatur aber stellt sich diese Fragen zum ersten Mal. Meine Bücher sind schrecklich zu lesen. Jedes Mal, wenn ich sie korrekturlesen muss, schlafe ich ein. Die Konzepte dahinter sind aber sehr interessant. Sie regen zum Nachdenken und Gespräch darüber an, aber nicht dazu, sie wirklich zu lesen. Deswegen habe ich auch keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft.“

          Der Mehrwert seiner Bücher

          Lesen ist eines der unterhaltsamsten aber auch einsamsten Dinge, die man tun kann. Daher scheint es nur konsequent, dass Goldsmith in Zeiten der vernetzwerkten Welt einen Gegenentwurf propagiert und zu mehr Teilnahme animiert. Der Mehrwert seiner Bücher zeigt sich, wenn man sie aus dem Regal zieht und seinem Besuch vorstellt: „Hier, sieh mal, hier hat der Autor das Radio abgeschrieben.“ Schon entstehen Fragen und daraus ein Gespräch über Literatur, Kunst und die Haltung, wie man mit Sachen umgeht. Vielleicht erwähnt man Georges Perecs „Anton Voyls Fortgang“ oder vergleicht Goldsmiths Bücher mit anderer Konzeptliteratur.

          Die Geste, Texte unter bestimmten Auflagen zu schreiben, ist nicht neu, doch in der Radikalität, mit der sie Goldsmith erledigt, sehr spannend – wenn man sich darauf einlässt. Meist waren Literaturkonzepte bloße Fingerübungen für Autoren, so, wenn Perec in seinem Roman kein einziges Mal das „e“ als häufigst verwendeten Buchstaben verwendet. Durch seinen Hintergrund als bildender Künstler geht Goldsmith mit Text nicht als genuiner Literatur um, sondern er tritt einen Schritt zurück und betrachtet Literatur als künstlerisches Produkt, als Haltung. Doch auch wenn sich das Literaturverständnis verjüngt, wird es sich wohl niemals so weit verändern, dass man aufhört, Bücher auch lesen zu wollen, und verkopfte Gedankenspielereien die unterhaltenden Aspekte komplett ablösen werden.

          Goldsmiths Meinung nach ist die Vorstellung eines am Schreibtisch grübelnden Genies, das nach eigenen Worten ringt, veraltet, seitdem die Welt das Internet hat. Er hält das Netz für das größte Stück Poesie, das je geschrieben wurde. „Wo die Technik hinführt, dorthin wird die Kunst folgen“, sagt Goldsmith. Aber was bedeutet das für die Zukunft? Der Tod des Autors wurde schon 1968 von Roland Barthes beschworen. Muss man jetzt anfangen, sich wirklich vom Schriftsteller zu verabschieden – und wie soll man das beispielsweise jemandem erklären, der nur Thomas Mann liest?

          Kenneth Goldsmith findet dafür gar nicht mal kulturpessimistische Worte: „Thomas Mann war ein brillanter Schriftsteller. Es gibt wenige, die es besser verstanden auszudrücken, wie es war, zu seiner Zeit zu leben. Und das ist doch eine der großen Aufgaben der Kunst: zu zeigen, wie wir leben, und dabei nicht nur die Gegenwart zu reflektieren, sondern zukünftigen Generationen Aufzeichnungen davon zu hinterlassen. Wenn Schriftsteller es nicht bewältigen, solche entscheidenden Probleme unserer Zeit wie Urheberrecht, Kopieren, geistiges Eigentum und die digitale Welt in ihr Schreiben einzubinden, dann sind sie nicht mehr zeitgemäß. Das heutige Schreiben sieht nicht aus wie das Schreiben in der Vergangenheit, und das sollte es auch nicht. Genauso wird sich das Schreiben in der Zukunft weiterentwickeln. Es wird nichts mehr mit dem zu tun haben, was ich mir für die Gegenwart wünsche.“

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