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Kenneth Goldsmith, Digitalpoet : Ich will keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft

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Ein weiteres Argument Goldsmiths ist, dass es bereits so viel Text auf dieser Welt gebe, dass, rein pragmatisch gesehen, kein weiterer generiert und hinzugefügt werden müsse. Neue Romane seien bloß formale Abwandlungen und Variationen jener Themen, die Menschen schon immer beschäftigt haben. Das neue Produkt selbst sei dadurch nicht mehr im herkömmlichen Sinne interessant. „Und wenn das Produkt nicht mehr interessant ist, dann müssen wir den Entstehungsprozess beurteilen. Der Fokus muss sich vom Objekt auf die Idee richten. Dabei ist das nichts Neues; in der Konzeptkunst gab es das schon vor fünfzig Jahren. Die Literatur aber stellt sich diese Fragen zum ersten Mal. Meine Bücher sind schrecklich zu lesen. Jedes Mal, wenn ich sie korrekturlesen muss, schlafe ich ein. Die Konzepte dahinter sind aber sehr interessant. Sie regen zum Nachdenken und Gespräch darüber an, aber nicht dazu, sie wirklich zu lesen. Deswegen habe ich auch keine Leserschaft, sondern eine Denkerschaft.“

Der Mehrwert seiner Bücher

Lesen ist eines der unterhaltsamsten aber auch einsamsten Dinge, die man tun kann. Daher scheint es nur konsequent, dass Goldsmith in Zeiten der vernetzwerkten Welt einen Gegenentwurf propagiert und zu mehr Teilnahme animiert. Der Mehrwert seiner Bücher zeigt sich, wenn man sie aus dem Regal zieht und seinem Besuch vorstellt: „Hier, sieh mal, hier hat der Autor das Radio abgeschrieben.“ Schon entstehen Fragen und daraus ein Gespräch über Literatur, Kunst und die Haltung, wie man mit Sachen umgeht. Vielleicht erwähnt man Georges Perecs „Anton Voyls Fortgang“ oder vergleicht Goldsmiths Bücher mit anderer Konzeptliteratur.

Die Geste, Texte unter bestimmten Auflagen zu schreiben, ist nicht neu, doch in der Radikalität, mit der sie Goldsmith erledigt, sehr spannend – wenn man sich darauf einlässt. Meist waren Literaturkonzepte bloße Fingerübungen für Autoren, so, wenn Perec in seinem Roman kein einziges Mal das „e“ als häufigst verwendeten Buchstaben verwendet. Durch seinen Hintergrund als bildender Künstler geht Goldsmith mit Text nicht als genuiner Literatur um, sondern er tritt einen Schritt zurück und betrachtet Literatur als künstlerisches Produkt, als Haltung. Doch auch wenn sich das Literaturverständnis verjüngt, wird es sich wohl niemals so weit verändern, dass man aufhört, Bücher auch lesen zu wollen, und verkopfte Gedankenspielereien die unterhaltenden Aspekte komplett ablösen werden.

Goldsmiths Meinung nach ist die Vorstellung eines am Schreibtisch grübelnden Genies, das nach eigenen Worten ringt, veraltet, seitdem die Welt das Internet hat. Er hält das Netz für das größte Stück Poesie, das je geschrieben wurde. „Wo die Technik hinführt, dorthin wird die Kunst folgen“, sagt Goldsmith. Aber was bedeutet das für die Zukunft? Der Tod des Autors wurde schon 1968 von Roland Barthes beschworen. Muss man jetzt anfangen, sich wirklich vom Schriftsteller zu verabschieden – und wie soll man das beispielsweise jemandem erklären, der nur Thomas Mann liest?

Kenneth Goldsmith findet dafür gar nicht mal kulturpessimistische Worte: „Thomas Mann war ein brillanter Schriftsteller. Es gibt wenige, die es besser verstanden auszudrücken, wie es war, zu seiner Zeit zu leben. Und das ist doch eine der großen Aufgaben der Kunst: zu zeigen, wie wir leben, und dabei nicht nur die Gegenwart zu reflektieren, sondern zukünftigen Generationen Aufzeichnungen davon zu hinterlassen. Wenn Schriftsteller es nicht bewältigen, solche entscheidenden Probleme unserer Zeit wie Urheberrecht, Kopieren, geistiges Eigentum und die digitale Welt in ihr Schreiben einzubinden, dann sind sie nicht mehr zeitgemäß. Das heutige Schreiben sieht nicht aus wie das Schreiben in der Vergangenheit, und das sollte es auch nicht. Genauso wird sich das Schreiben in der Zukunft weiterentwickeln. Es wird nichts mehr mit dem zu tun haben, was ich mir für die Gegenwart wünsche.“

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