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Kartellverfahren : Ein Weltbild von Googles Gnaden

Mehr als ein „Monopölchen“: Googles Marktstellung ist beängstigend, die Politik muss handeln. Bild: dpa

Ob bei den Reaktionen auf ein Fußballspiel oder beim Abbilden der Konkurrenz: Was uns die Suchmaschine von der Wirklichkeit zeigt, ist manipuliert. Die Politik muss dringend etwas dagegen tun.

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          Es war vielleicht ein Jahrhundertspiel. Das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der Fußball-WM fordert jeden, der dazu etwas schreibt, heraus, es angemessen zu würdigen. Die Zeitungen, das Netz, Facebook und Twitter überschlagen sich. Nur ein Informationsgeber hat damit seine Probleme. Der Gatekeeper schlechthin ringt um die richtige Zuschreibung. Denn negative Termini darf es in der Welt von Google nicht geben. Also macht der Datenkonzern die Welt, wie sie ihm gefällt, und - manipuliert. Das ist das Geschäftsprinzip.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Geschichte, die eine Reporterin des amerikanischen National Public Radio erlebt hat, erscheint zunächst anekdotisch: In San Francisco unterhält Google ein „experimentelles“ Nachrichtenzentrum. In dem werden Daten erhoben, es wird ganz genau beobachtet, wonach die Nutzer im Internet suchen, und darauf wird der Suchalgorithmus abgestimmt. In Deutschland stellten die Nutzer die naheliegende Frage, ob es einen solchen Kantersieg bei einer WM schon einmal gegeben habe, zumal in einem Halbfinale. In Brasilien sank die Stimmung derweil nach dem fünften Tor der Deutschen auf den Nullpunkt. „Schande“ lautete der Begriff der Stunde, die nationale Schmach beherrschte die Debatte.

          Googles Neusprech malt eine schöne neue Welt

          Das aber passte den Nachrichtenmachern von Google, wie die Reporterin des National Public Radio feststellte, nicht in den Kram. Sie hätten es eigentlich zum „Trend des Tages“ machen müssen, den Google in Echtzeit ermitteln kann - die Datenauswertung sagt Google sofort, mit welcher Autovervollständigung man die Suchfunktion am besten ausstattet und welche „News on Demand“ besonders gefragt sind.

          Doch da Google mit solchen „Nachrichten“ nicht nur in seinem eigenen Reich mit Google+, sondern auch bei Twitter und Facebook landen will und dort vor allem Glückskekse gefragt sind, nicht bittere Pillen, stellten die Nachrichtenmacher von Google die „Schande“ hintan. Und bitte auch nichts von „besiegen“, „zerstören“ und „erniedrigen“ - Googles Neusprech soll eine schöne neue Welt ausmalen, die allerdings mit der Realität nichts zu tun hat.

          So schafft Google Realität, und auf dieser für die Nutzer unsichtbaren Wirkmacht beruht das Geschäft des Konzerns. Denn es können nicht nur unliebsame Nachrichten gefiltert und sortiert werden, sondern selbstverständlich auch Märkte. Das Prinzip ist bekannt: Die eigenen und die mit dem Konzern verbundenen Angebote rückt Google nach vorn, die aller Konkurrenten erscheinen unter „ferner liefen“

          Sträfliche Ahnungslosigkeit

          Google hat als Suchmaschine ein Monopol mit einem Marktanteil von mehr als neunzig Prozent in Europa, und mit dem befasst sich der noch amtierende EU-Kommissar Joaquín Almunia. Er würde sein Kartellverfahren gern abschließen und Google vorschreiben, die Angebote von Wettbewerbern in eine eigens ausgewiesene Box zu stellen, für die dann allerdings auch noch zu zahlen wäre. So käme Google billig davon.

          An das Geschäftsprinzip von Google reicht das allerdings gar nicht heran. Almunia nimmt vielmehr hin, dass Google seine eigenen Belange an die Spitze stellt. Er hat offenbar nicht verstanden, worum es geht: um eine grundlegende Infrastruktur des Netzes, um eine zentrale Schaltfunktion. Google ist - weil es die Europäer versäumt haben, dem phantastischen Suchimperium etwas Eigenes entgegenzusetzen - im Netz so etwas wie ein Wasser- oder ein Stromversorger in der analogen Welt. Da reicht es nicht, einen Marktanteil zu bemessen, der wahrlich kein „Monopölchen“ darstellt, wie der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap in geradezu sträflicher Ahnungslosigkeit meint.

          Die Beherrschung der Gesellschaft

          Dieses Monopol ist zwar fragil, weil jedes neue Start-up Google herausfordern kann. Doch ist der Konzern seit geraumer Zeit bemüht, sich alles einzuverleiben oder vom Markt wegzukaufen, was ihm gefährlich werden könnte. Wozu das führt, haben unter anderen der Unternehmer Robert M. Maier und der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner an dieser Stelle eindringlich beschrieben: zu einem Monopol, bei dem es nicht nur um wirtschaftliche Macht geht. Es geht um die Beherrschung der Gesellschaft.

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