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Jaron Lanier im Gespräch : Warum wollt ihr unseren Quatsch?

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Und erlaubt nun Piraten und Cowboys, Dinge zu tun, die man noch nie gesehen hat. Informationen einfach auf nie gekannte Art zusammenzukochen. Andererseits bedeutet es, dass derjenige, der die zentralste Plattform betreibt, den Kontext einer Information bestimmen kann. Und nicht die einzelnen Urheber. Das ist essentiell anti-demokratisch. Jeder wusste das, selbst die ekstatischsten Fürsprecher. Und die Debatte war: Soll man über diese Gefahren reden, bevor überhaupt das WWW in Gang gekommen war? Wir hatten die Befürchtung, dass wir das ganze Projekt kippen könnten, wenn wir zu negativ darüber reden würden. Es war ein bisschen so, als ob Sie ein Neugeborenes in den Arm nehmen würden. Dann denken Sie auch nicht: Oh, vielleicht wird das mal ein Krimineller. Sie wollen dem Baby die besten Chancen geben. Und so waren wir damals auch.

Später wurde die arabische Revolution als große Leistung der Netzwerke gepriesen.

Das war doch lächerlich. Ich erinnere mich, wie ich in jenen Tagen bei einer der Tech-Firmen war, und wir sahen alle den jungen Leuten auf dem Tahrir-Platz zu. Alle um mich herum jubelten: Das ist unsere Revolution, das ist die Internetrevolution. So ein Quatsch. Jeder konnte damals schon sehen, wie die Bewegung enden würde. Es gab diesen Moment der narzisstischen Ekstase im Valley, aber sie hatte keine Grundlage in der Realität. Es war ein Moment der Verrücktheit.

Die Euphorie gab es auch in Europa.

Warum seid ihr so empfänglich für unseren Bullshit? Warum?

Vielleicht sind auch wir zu Kindern geworden.

Alle wollten irgendwie das Gefühl haben, sie tun etwas Gutes. Glaube an den Zauber hat seinen Platz, wenn man jung ist, aber von einem bestimmten Alter an ist Realismus der wirkliche Optimismus.

Jetzt sind viele Pioniere ernüchtert. Was müssen wir tun?

Wir müssten zurückkriechen. Soziologisch sieht es leider nicht so gut aus. Es wird eine Generation geben, die einstmals die verlorene Generation genannt werden wird. Für junge Menschen in den Vereinigten Staaten sind die Aussichten zum ersten Mal weniger rosig als die ihrer Eltern. Das gab es noch nie. Und die Menschen dieser Generation identifizieren sich am meisten mit den digitalen Netzwerken. Sie neigen dazu, lange bei ihren Eltern zu leben, haben Probleme damit, ihre eigenen Chancen zu sehen. Sie werden alle Kinder und Kindeskinder haben, die alle sehr unglücklich und ärgerlich über den Zustand der Welt sein werden und herausfinden wollen, warum es so schiefgelaufen ist. Wir werden also eine Oppositionsbewegung sehen, aber es wird dauern.

Wenn wir nicht so lange warten wollen?

Wir haben jetzt alle diese digitalen Dienste, die nahezu obligatorischen Charakter haben. Irgendwann muss es eine Art Vergesellschaftung geben. Die Menschen müssen sich des Werts ihrer Daten bewusst werden und einen entsprechenden Gegenwert von den Netzwerken verlangen. Daten gegen Geld. Vielleicht müssen sie das mit einer Massenklage durchsetzen. Mir erscheint das einfacher, als die Privatsphäre zurückzufordern oder den Datenschutz zu verschärfen.

Noch geben viele eher Kontrolle auf - auch die Medien. Mehrere Redaktionen haben damit begonnen, für Facebook direkt Artikel zu schreiben, ohne dafür einen Gegenwert zu bekommen.

Ich war sehr überrascht, dass sich europäische Medien darauf eingelassen haben. Man legt sein eigenes Schicksal in die Hände eines fremden Konzerns, über den sie keine Kontrolle haben. Wahrscheinlich haben sie nicht genug Macht, eine andere Wahl zu treffen.

Wird Facebook das globale Medienhaus der Zukunft, der mächtigste Medienkonzern, den es je gab?

Nein, Facebook ist kein Medienhaus, Facebook ist ein Konzern der Verhaltenskontrolle. Das muss man verstehen. Facebook kontrolliert Verhalten als eine Form der Machtausübung. Es zielt nicht primär auf Gewinne ab. Medien sind irrelevant für Facebook als Geschäft. Facebook gehören keine Medien, es könnte sich nicht weniger für deren Schicksal interessieren. Das Entscheidende ist, den Rückkanal für Informationen zu erobern, ihn feinfühlig zu manipulieren und darüber Verhalten zu beeinflussen.

Jaron Lanier

Der Informatiker, Erfinder, Komponist, bildende Künstler und Autor Jaron Lanier gilt als Urheber des Begriffs „virtuelle Realität“. Er lehrt an der School of The Arts der Universität von New York sowie an der Columbia University und hat das International Institute for Evolution and Brain mitgegründet, das an der Harvard- und der Universität von Paris angesiedelt ist. Lanier hat als Erster internetbasierte Computer-Netzwerke vorgeschlagen, den ersten „Avatar“ entwickelt, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3D-Graphiken fürs Kino. 1983 hat er mit „Moondust“ das erste Videospiel vorgestellt. Zuletzt erschien von ihm „Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“. Im vergangenen Jahr erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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